Wahlen in Russland Putin galt auch mal als Marionette


Noch-Präsident Wladimir Putin wird Regierungschef unter seinem Nachfolger Dimitri Medwedew. Dieses Experiment ist einmalig in der Geschichte Russlands - das Ergebnis unvorhersehbar. Vor allem, weil das Staatsoberhaupt in spe vielleicht doch mehr ist als Putins Marionette.
Von Andreas Albes, Moskau

Wie dicke Freunde stehen sie da, auf Wahlplakaten, groß wie Hausfassaden, Wladimir Putin und Dmitri Medwedew. Daneben der Slogan: "Gemeinsam siegen!" Die Staatsmedien bezeichnen die zwei als "Dreamteam". Medwedew, der jetzt zum Präsidenten gewählt wird, und Putin, der ihm als Regierungschef dienen will. Doch die Wahrheit ist: Kein vernünftiger Politiker oder Beobachter, selbst jene, die nie ein kritisches Wort über den Kreml verlieren würden, verstehen, wie das funktionieren soll.

Bildlich vorgestellt, sähe die Zusammenarbeit nämlich so aus: Während Präsident Medwedew im ehrwürdigen Kreml-Palast residiert, würde Putin zukünftig mit dem sehr sowjetisch anmutenden Weißen Haus am Moskwa-Ufer vorlieb nehmen. Alle paar Tage müsste er beim neuen Präsidenten vorstellig werden und ihm Bericht erstatten, wie es mit der Arbeit seiner Regierung so vorangeht. Dabei wird er von Zeit zu Zeit heftig angeranzt, und das Staatsfernsehen überträgt die Szene in den Hauptnachrichten. So war das bislang, nur eben mit Putin als Präsident.

Demütigende Kreml-Besuche

Nun mag man ihm die demütigenden Kreml-Besuche ersparen. Aber was, wenn Medwedew zum G8-Gipfel reist, um mit Merkel, Bush, Sakorzy über Weltpolitik zu diskutieren? Dann würde Putin daheim Moskau sitzen; vielleicht auch irgendwo in den fernen Osten fliegen, wo er ein neues Elektrizitätswerk einweiht oder eine Umgehungsstraße. Solche Besuche erwartet das Volk von seinem Regierungschef.

Michael Gorbatschow, der für Putin große Verehrung empfindet, sprach zögernd von einem "Experiment", das auf Russland zukomme. Und der ehemalige Chef der Präsidentenadministration, Alexander Woloschin, bezeichnete die Dreamteam-Lösung als "geradezu gefährlich" angesichts des labilen Machtsystems hinter den Kulissen des Kreml. Damit spielte Woloschin auf die verschiedenen Klans aus Geheimdienstlern, Ministern, Spitzenbeamten und Oligarchen an, die seit Monaten einen Kampf um die Machtverteilung nach Putin führen.

"Die Idee ist absurd"

Der Politologe Stanislaw Belkowski sagt: "Die Idee ist absurd. Putin hat dem Präsidentenamt zu enormem Respekt verholfen. Er wird von seinem Volk nicht wegen seines Charismas geliebt, sondern weil sein Amt absolute Autorität der Macht ausstrahlt. Und wer immer ihm nachfolgt, wird die gleiche Verehrung genießen. Da ist kein Platz für einen zweiten Mann."

Deshalb setzt sich zunehmend die Meinung durch, Putin wolle seinem jungen Nachfolger nur einen sicheren Start ermöglichen und sich dann zurückziehen. Auf seiner letzten großen Pressekonferenz sagte er: "Ich bin nicht süchtig nach der Macht." Belkowski glaubt, Putin könne eines Tages doch noch Aufsichtsratschefs bei Gasprom werden. Das garantiere ihm internationales Renommee und genug Einfluss, um sich Feinde vom Leib zu halten. Denn im Machtkampf hinter den Kreml-Kulissen ist auch Putin längst kein Tabu mehr.

Baut Putin eine 60-Millionen-Franken-Villa?

Durch eine Indiskretion wurde bekannt, dass einer seiner besten Freunde, Gennadi Timtschenko, Hauptinvestor bei der Schweizer Firma Gunvor ist, die exklusiv den Öl- und Gashandel für Russland abwickelt - mit 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Seitdem spekulieren die Medien, Timtschenko sei Putins Strohmann. Und die oppositionelle Zeitung "Novaja Gaseta" zeigte neulich das Foto eines gigantischen Neubaus in den Schweizer Alpen: Die "Villa Konstantin", 58 Millionen Franken teuer, mit Sauna, türkischem Bad, Swimmingpool, Tennisplatz und Kino, deren Bauherr Putin sein soll.

Bleibt die Frage, was von Medwedew als Präsident zu erwarten ist? Vorläufig wenig Überraschendes. Gebetsmühlenartig beteuert er, Putins Plan sei Russlands Zukunft. Aber das ist vor allem Wahlkampf. Medwedew gilt als jemand, der Dinge gründlich erledigt, sich aber Zeit lässt. Er ist klug und gebildet, stammt aus einer Akademikerfamilie und gehörte während seiner Schul- und Universitätszeit stets zu den Jahrgangsbesten. Gleichzeitig ist er ein stiller Typ, passt sich lieber an, statt anzuecken.

Alte Petersburger Seilschaft

Er und Putin kennen sich bereits seit Anfang der 90er Jahre, wo sie als juristische Berater für den ehemaligen Petersburger Bürgermeister Anatoli Sobtschak arbeiteten und sich am Schreibtisch gegenüber saßen. Dennoch spricht Medwedew Putin bis heute mit "Sie" an. Eindruckvoll zu beobachten ist auch, wie er sich in den vergangenen Wochen gewandelt hat: In Gestik, Mimik und Sprache kann man ihn von Putin kaum noch unterscheiden. Manche sagen über Medwedew, er sei aalglatt. Wie man es auch nennen mag - er hat acht Jahre ohne auch nur einen Skandal im Kreml-Haifischbecken überlebt. Das ist sonst kaum jemandem gelungen.

Im neuen Amt, so hat er angekündigt, wolle er vor allem die Korruption bekämpfen: "Die schlimmste Krankheit unserer Gesellschaft." Außerdem müsse die marode Infrastruktur modernisiert werden, um Russlands Wirtschaft unabhängiger von Öl und Gas zu machen. Das russische Justizsystem hält er für zutiefst ungerecht, es sei nicht unabhängig von Exekutive und Legislative. Was die Beziehungen zum Westen angeht, können sich Europas und Amerikas Diplomaten auf einen gemäßigten Ton einstellen. Ein Medwedew-Berater erzählt: "Er hat sich bislang immer geweigert, gegen den Westen zu polemisieren. Auch wenn ihn hohe Kreml-Beamte dazu aufforderten."

Zwar gilt Medwedew als Liberaler, aber liberal im russischen Sinn, heißt noch längst nicht westlich liberal. Als Noch-Aufsichtsratschef von Gasprom hält Medwedew es für unproblematisch, dass sich der Staat durch seine Mehrheitsbeteiligung an dem Energiekonzern massiv in die Wirtschaft einmischt; ebenso, dass der Kreml über die Tochter-Gesellschaft Gasprom-Media Einfluss auf den größten privaten TV-Sender hat. Anderseits rechnet Medwedew fest damit, dass der Kreml die Kontrolle über die Medien bald verlieren wird, sobald sich in Russland das Digital-Fernsehen ausbreitet.

Technikbegeisterter Präsident in spe

Medwedew ist technikbegeistert. Sein neuestes Spielzeug ist ein iPhone, auf dem er bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema Statistiken hervorzaubert. Er surft täglich im Internet und hat einen Faible für Chemie. Er ist bestens über die Entwicklung alternativer Energien informiert, und weiß deshalb auch, dass sich Russland nicht ewig auf seine Öl- und Gasressourcen verlassen kann.

So gesehen, sollte man erwarten, dass Russland einen modernen Präsidenten bekommt. Die Frage ist nur, wie schnell er sich aus dem Schatten seines mächtigen Vorgängers lösen kann. Ein Mitarbeiter der Kreml-Administration sagt: "Über Putin hieß es am Anfang auch, er sei nur Jelzins Marionette. Dann hat er alle überrascht. Und eines spricht jetzt schon für Medwedew. Er hat mehr Politikerfahrung, als sie Putin vor acht Jahren hatte."


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