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Washington Memo: Eine Hochzeit als Bushs letzte Chance

"Dog days", Hundetage in Washington. Der Präsident erholt sich und wird wohl bald den präsidialen Urlaubsrekord brechen. Doch seiner Partei geht's schlecht, das Land wendet sich ab von den Konservativen. Da hilft nur noch eins: ein echter Coup. Eine Hochzeit im Weißen Haus.

Von Katja Gloger, Washington

Nichts ist, wie es war - noch nicht mal mehr in Crawford, Texas. Gerade macht George W. Bush dort wieder "Arbeitsurlaub". Schlägt sich auf seiner Ranch tapfer säubernd durchs Unterholz, rumpelt mit seinem Mountainbike bei 38 Grad über die Steppe, am liebsten gegen den heißen Wüstenwind. Der Präsident fühlt sich wohl, hingegen jammern die White House-Reporter, die verpflichtet sind, den Präsidenten überall hin zu begleiten. Jetzt sind sie in einer Pension weit außerhalb der Ranch gepfercht und stöhnen über die Langeweile. Und vor lauter Langeweile wohl rechneten die Reporter aus: Mittlerweile verbrachte Bush fast ein Fünftel seiner Dienstzeit (430 Tage) in Crawford. Bis zum Ende seiner (Amts-)Tage wird er den präsidialen Urlaubsrekord brechen - der wird bislang von Ronald Reagan (436 Tage) gehalten.

Gähnende Leere in Crawford

Bislang war in Crawford auch immer Einiges los. Bush-Fans kamen vorbei und hofften (vergeblich) einen Blick auf die (weitläufig abgesperrte) Ranch zu erhaschen. Sie tranken dünnen Kaffee, futterten fette Hamburger, kauften T-Shirts und bescherten dem kleinen Ort einen echten Wirtschaftsaufschwung. Und als die Fans wegblieben, kamen die Kritiker. So folgten vor zwei Jahren Tausende der Kriegs-Gegnerin Cindy Sheehan ins Zeltlager nach "Camp Casey", benannt nach ihrem im Irak gefallenen Sohn. Schon erklärte man Crawford gar zum Zentrum einer neuen Friedensbewegung.

Und jetzt? Gähnende Leere. Der örtliche Souvenirshop ist pleite, manchmal kommt tagelang kein einziger Käufer vorbei. Auch um die Friedensaktivisten steht es offenbar schlecht: in "Camp Casey" wurden in den vergangenen Tagen ganze zwei vereinsamte Demonstranten in der Gluthitze gesichtet - sie sollen ziemlich verzweifelt ausgesehen haben. Selbst in der medialen Vermarktung urlaubender Staatsmänner blieb George W. in diesem Jahr hinter seinen Kollegen zurück - die Weltpresse veröffentlichte lieber Fotos des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy beim Verjagen von Journalisten und - noch lieber - den schamlos teilentblößten russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sich mit ebenso nacktem wie muskulösem Oberkörper beim Angeln in Sibirien ablichten ließ.

Nichts ist, wie es war. Als ob sich niemand mehr für George W. Bush interessiert. Als ob es schon vorbei sei mit ihm.

"dog days" - politische Sommerpause in Washington

Nun gilt der schwülheiße August als einzige einigermaßen verlässliche Atempause für Amerikas Politiker. Während der Washingtoner "dog days", der Hundetage, gönnt man sich eine kleine Auszeit. Das Gekreische der TV-Sender wird leiser, die Staus in die Innenstadt kürzer, selbst die politischen Killerinstinkte scheinen in der Hitze zu ermatten. Die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2008 sind auf Werbetour in Iowa und bei Spendendinnern in den monströsen Sommerhäusern der Superreichen entlang der Ostküste. Und eigentlich darf in diesen heißen Tagen auch der Präsident ´mal in Ruhe gelassen werden.

Nicht in diesem Jahr. Zu seinem Verdruss dauert der biblische Exodus aus dem Weißen Haus an - dort hat mit Bushs wichtigstem Berater Karl Rove die Flucht nach vorn angetreten und gekündigt. Er war Nummer Acht allein in diesem Jahr. "Es ist an der Zeit", lautete seine Begründung. Wohlwahr: Schließlich muss man die einstige Zugangsberechtigung zum Chef mit lukrativen Jobs und Buchverträgen vergolden, so lange es noch geht.

Die republikanische Mehrheit schmilzt

Und mehr noch: da hören die Zeitungen einfach nicht auf, über eine Trendwende in den USA zu berichten, über eine fundamentale Veränderung gar. Denn den Konservativen geht die eigene Basis stiften. Zum ersten Mal seit 27 Jahren driftet das Land wieder nach Links. Die von Karl Rove propagierte "permanente republikanische Mehrheit" scheint dahin zu schmelzen wie die Gletscher in der Arktis. So analysiert das renommierte Pew-Meinungsforschungsinstitut die Ergebnisse einer Langzeitstudie: " Viele Trends, die den Republikanern in der Vergangenheit zur politischen Dominanz verhalfen, schwächen sich ab", heißt es da, "und in einigen Fällen kehren sie sich sogar um."

So glauben immer weniger Amerikaner, dass militärische Stärke der beste Weg ist, den Frieden zu erhalten. So empfinden es immer mehr Amerikaner als ungerecht, dass die "Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer." So wünschen mehr und mehr US-Bürger, dass der Staat den Ärmsten hilft, auch wenn er sich dafür verschulden müsste. Zwar bezeichnen sich die meisten Amerikaner immer noch als religiös - doch immer weniger wollen "streng religiös" genannt werden. "Viele der einst zentralen sozialen Themen, die den Republikanern in den 90er Jahren Mehrheiten verschafften, verlieren an Bedeutung", so die Studie. "Dazu gehören auch die so genannten traditionellen Werte in sozialen Fragen."

Und dazu der Krieg, der Präsident und seine Amtsführung: Korruptionsskandale, eklige Vetternwirtschaft, Lügen, atemberaubende Inkompetenz. "In einer parlamentarischen Demokratie hätte einer wie Bush wohl schon längst zurücktreten müssen" - das sagt kein Geringerer als der super-konservative Vordenker William Buckley. Jeder zweite Amerikaner befürwortet mittlerweile ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush - darunter immerhin 13 Prozent der Republikaner. Kein Wunder, dass republikanische Politiker die bevorstehenden Präsidenten- und Kongress-Wahlen schon als "Armageddon" bezeichnen. Als apokalyptische Katastrophe.

Jennas Hochzeit als letzter Coup

Bleibt eine entscheidende Frage: werden die Demokraten und ihre Kandidaten, werden Hillary und Co. wirklich von diesem möglichen Ruck nach Links profitieren können? Werden sie das Weiße Haus zurückerobern? "Sie haben einen gewaltigen Startvorteil, doch dies ist überhaupt keine Siegesgarantie", sagt Pawel Kohut, Direktor des Pew-Meinungsforschungsinstituts. "Denn das Image der Demokratischen Partei ist heute keinen Deut besser als kurz nach Bushs Wiederwahl vor drei Jahren." Im Klartext: man glaubt nicht unbedingt, dass die Demokraten bessere Politik machen. Man glaubt nur, dass die Republikaner sehr schlechte Politik machen. Es ist ein langer, steiniger Weg ins Weiße Haus für Hillary und Co. Bislang, warnen selbst Demokraten, habe man es noch immer geschafft, die eigenen Chancen zu vermasseln. Zuletzt vor drei Jahren, mit einem gewissen John F. Kerry als Kandidat.

Und wer weiß, vielleicht kann George W. ja noch einmal mit einem echten Coup aufwarten. Mit einem wahrhaft historischen Ereignis im White House- einer Hochzeit. Gab doch gerade die einst so rebellische Bush-Tochter Jenna ihre Verlobung mit ihrem Sweetheart Henry Hager bekannt, einem ehemaligen Mitarbeiter des Weißen Hauses. Schon träumen die PR-Zeremonienmeister von einem zart gehauchten "Yes" in weißer Spitze, von einer strahlenden Braut am Arm ihres zu Tränen gerührten Daddys, von Hochzeitswalzer und dem ganzen monatelangen allesbetäubenden Medien-Zirkus drumherum.

Die letzte Party dieses Kalibers im Weißen Haus fand vor 36 Jahren statt - damals vermählte sich Richard Nixons Tochter Tricia, allein die Hochzeitstorte war knapp drei Meter hoch. Und obwohl die Anti-Vietnamkrieg-Demonstranten damals stundenlang mit lauten Hupen vor dem Weißen Haus lärmten, verschaffte die Eheschließung dem umstrittenen Präsidenten Richard Nixon einen gewaltigen Popularitätsschub. " Ich hab´s doch immer gesagt: Bush hat noch zwei Chancen, seine Amtszeit erfolgreich zu beenden", meint der einstige Präsidentenberater Doug Waed. "Entweder schnappt er Osama bin Laden. Oder eine seiner beiden Töchter heiratet." Nein, der Mann meint es nicht ironisch.