Washington Memo Was ist los mit Socken-Wolfie?


Weltbankchef Paul Wolfowitz stolpert nach seiner Socken-Panne von einem ins andere Fettnäpfchen. Kritiker fordern bereits seinen Rücktritt. Unter anderem soll er seiner Freundin eine luxuriöse Gehaltserhöhung beschafft haben.
Von Katja Gloger, Washington

Wenn man gemein wäre, ausnahmsweise mal so richtig hämisch, dann würde man die Sache mit den Socken anbringen. Da hatte er seiner Herzensdame schon eine satte Gehaltserhöhung verschafft, dazu einen ordentlichen Karrieresprung und weitere pekuniäre Zuwendungen garantiert - und was macht sie? Lässt zu, dass er seine Haare mit Pomade bestreicht. Und noch nicht mal seine löchrigen Socken sortiert sie ihm aus. Und was sah man also, als der Präsident der Weltbank an der Spitze einer hochoffiziellen Delegation neulich eine türkische Moschee betrat und dafür seine Schuhe auszog?

Zwei Socken, mittelgrau, darin zwei stattliche Löcher, jeweils am großen Zeh. Blamage satt! Der Präsident einer 60-Milliarden-Dollar-Bank, einer heiligen Institution globaler Entwicklungshilfe. Einer, der die Zukunft der Welt mitgestaltet. Hätte seine Freundin Shaha Ali Riza nicht wenigstens darauf achten können, dass der Mann ordentlich angezogen ist? Das Foto ging um die Welt. Damals lächelte Paul Wolfowitz noch. Aber das ist ihm gründlich vergangen.

Mitgliedsländer fordern den Rücktritt

Denn je mehr Details über die Affäre "Gehaltserhöhung" bekannt werden, je mehr peinlichste Wahrheiten über eine dreiste Begünstigung, desto schlimmer steht es um die Glaubwürdigkeit der Weltbank. Schon sieht man sie in ihrer "tiefsten Krise" seit Bestehen. Gleich im Dutzend fordern Mitgliedsländer den Rücktritt des ungeliebten Präsidenten, Deutschland inklusive. "Je schneller, desto besser", eifert Deutschlands Entwicklungshilfeministerin ( "die rote") Heidi Wieczorek-Zeul. Endlich. Auf diesem Moment haben seine Gegner lange gewartet. Seine Gegner - ungefähr die halbe Welt. Denn Rache ist süß.

Paul Wolfowitz, der Prototyp des klugen, neokonservativen Überzeugungstäters, der moralische Saubermann mit vor Sorgen stets gerunzelter Stirn, der erst dem Irak und dann der weltweiten Korruption den Krieg erklärte - ausgerechnet er kannte keinerlei Anstand, als es um das finanzielle und sonstige Wohlergehen seiner langjährigen Freundin ging, die zufällig auch bei der Weltbank arbeitete, als er deren Präsident wurde. Und die bis heute von der Weltbank bezahlt wird. "Der Arme", mokiert sich William Easterly, einst Ökonom bei der Weltbank, "jedes Mal, wenn Paul Wolfowitz es mit Regime Change versucht, verursacht er einen Aufstand. Und jetzt sucht er auf den Fluren der Weltbank wohl nach einer Green Zone, in der er sich verstecken kann."

"Als ob man darüber noch nichts gewusst hat"

Da war zunächst die Sache mit dem Pentagon, damals, als "Wolfie" ( George W. Bush über seinen Freund) noch stellvertretender Verteidigungsminister war. Schon 2003 hatte er die aus Tunesien stammende Dame für ein Projekt im gerade "befreiten" Irak empfohlen: eine Studie über die Lage der Frauen in moslemischen Ländern. Als ob man darüber noch nichts gewusst habe, lästerten die Kritiker.

Er erlebte aus nächster Nähe, welches Desaster die USA im Irak anrichteten - doch er hielt den Mund. Viele glauben, dass sein Schweigen über die Wahrheit des Irak-Feldzuges belohnt wurde: 2005 setzte ihn Präsident Bush an die Spitze der Weltbank. Seine Freundin wechselte damals umgehend ins US-Außenministerium, eine Art Ausweichstelle, um "Interessenkonflikte" mit ihrem Vorgesetzten zu vermeiden.

Den sicher schweren Wechsel von der 18. in die 23. Straße Downtown Washington ließ er ihr mit einer satten Gehaltserhöhung um 60000 Dollar versüßen - doppelt so viel als üblich. Und dazu weitere jährliche Gehaltserhöhungen über dem Durchschnitt sowie eine Rückkehr-Garantie auf einen hochdotierten Führungsposten - unabhängig von Leistungen. Internen Protest bügelte Mr. Präsident ab. Und er war sich seiner Sache wohl so sicher, dass er es dem Vize-Personalchef der Bank sogar schriftlich befahl: "Hiermit weise ich Sie an, folgendem Vorschlag zuzustimmen..." 193590 Dollar verdiente Madame Riza zuletzt - nach Weltbankgepflogenheiten natürlich steuerfrei. Das ist mehr als das Gehalt von Außenministerin Condoleezza Rice.

Vertraute sind verhasst

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Wolfowitz´ Anweisungen waren seit beinahe zwei Jahren bekannt. Allerdings fand sich auch in den Führungsetagen der Weltbank offenbar niemand, der gegen den neuen Präsidenten aufbegehren wollte. Doch heute schlägt dem oft so hochfahrenden Präsidenten nur noch Verachtung und blanke Ablehnung entgegen. Ihm und vor allem seinen beiden engsten Mitarbeitern, die er sich bei Amtsantritt mitbrachte und die gnadenlos die Agenda der Bush-Regierung durchzusetzen schienen. Seine beiden Vertrauten sind so verhasst, dass Attribute wie "arrogant", "aggressiv" und "widerwärtig" noch als Lob durchgehen müssten. Und sie verdienen bis zu 250000 Dollar im Jahr - natürlich steuerfrei.

Paul Wolfowitz propagierte, das muss man ihm zugestehen, eine überfällige Debatte: Die Frage, wie die Weltbank mit Diktatoren und Korruption umgehen soll. War es doch während der Sitzungen der 24 Weltbank-Direktoren jahrelang faktisch verboten gewesen, das Wort "Korruption" auch nur in den Mund zu nehmen. "Man durfte höchstens vom k-Wort sprechen", erinnert sich ein langjähriger Sitzungs-Teilnehmer. "Und auch das schien schon fast anrüchig. Niemand wollte das heiße Eisen wirklich anfassen." Doch dann kam Wolfowitz und propagierte zackig die Politik der "Zero-Tolerance". Von nun an sollte es keine Gnade mehr geben bei Korruption und Günstlingswirtschaft innerhalb der Weltbank.

"Zero-Tolerance"

Doch sein Kreuzzug, so die Kritiker, richtete sich vor allem gegen die, die den USA unbotmäßig erschienen: wurden ( zu Recht) die Kredite an den usbekischen Diktator Karimow etwa nur deswegen eingestellt, weil Usbekistan den US-Truppen die Aufenthaltsrechte entzogen hatte? Unterstützung für den US-Verbündeten General Musharaff in Pakistan aber läuft weiter. Und man mag nicht an Zufall glauben, dass die Weltbank in den Ländern besonders intensiv tätig ist, in denen die USA oder ihre Verbündeten militärisch interveniert haben -wie im Irak und im Libanon.

"Zero-Tolerance" müsste Paul Wolfowitz jetzt vor allem für sich anwenden. Doch was macht er? Er jammert rum, fühlt sich als missverstandenes Opfer. Schreibt E-Mails an die Mitarbeiter der Bank, in denen er Besserung gelobt. "Ein schmerzliches persönliches Dilemma" sei das Alles für ihn, sagt er. "Bitte verstehen Sie mich doch."

Zwei Tage später wurde der gefeuert

Nix da. Die Mehrheit der Weltbank-Mitarbeiter will seinen Kopf. Doch noch hält George W. Bush seinem "Wolfie" die Stange. Als größter Kapitalgeber der Weltbank haben die USA eine Art inoffizielles Veto-Recht. Sie haben auch das inoffizielle Recht, den Präsidenten der Weltbank zu bestimmen. Doch die Solidaritäts-Beteuerungen aus dem Weißen Hau kommen vielen Beobachtern in Washington seltsam bekannt vor. Denn vor einigen Monaten, als es um die Zukunft von Wolfowitz` einstigem Chef Donald Rumsfeld ging. Da hatte Bush noch überzeugend versichert, er unterstütze den Verteidigungsminister. Zwei Tage später wurde der gefeuert.


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