Welternährungsgipfel in Rom Shoppen gegen den Hunger


Die First Lady Tunesiens und ihre Leibwächter blockierten den Verkehr auf den Straßen um die Designer-Boutiquen der Via Condotti; auf einem Zeitungsfoto war Leila Zine vor dem Luxusjuweliergeschäft Bulgari zu sehen.

Die First Lady Tunesiens und ihre Leibwächter blockierten den Verkehr auf den Straßen um die Designer-Boutiquen der Via Condotti; auf einem Zeitungsfoto war Leila Zine vor dem Luxusjuweliergeschäft Bulgari zu sehen. Robert Mugabe aus dem bitterarmen Simbabwe nutzte die Gelegenheit, um gegen "Neokolonialisten" vom Leder zu ziehen. Muammar al Gaddafi lud hunderte von einer Hostessen-Agentur vermittelte junge Frauen zum Nachtmahl in eine römische Villa ein und belehrte sie über den Islam.

Solche Kapriolen bestärken Kritiker in ihrer Auffassung, dass auf dem sogenannten Hungergipfel der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) vor allem viel geredet und Geld verschwendet wurde, dass das Treffen den eine Milliarde hungernden Menschen auf der Welt abre kaum etwas gebracht hat. Das Treffen galt schon nach wenigen Stunden als Fehlschlag. Gleich zum Auftakt wiesen die 192 teilnehmenden Länder einmütig den Appell der Vereinten Nationen zurück, sich auf jährliche Milliardenzahlungen als Entwicklungshilfe für die Landwirtschaft armer Länder zu verpflichten.

Außer dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nahm kein einziger Regierungschef der G-8-Gruppe der wichtigsten Industrienationen an dem Welternährungsgipfel teil. "Es besteht eine deutliche Kluft zwischen dem, was Regierungen sagen, zumindest die reichen Regierungen, und dem, was sie tatsächlich tun", sagte Flavio Valente, Teilnehmer einer parallel zu dem UN-Treffen stattfindenden Veranstaltung regierungsunabhängiger Organisationen.

Der G-8-Gipfel in L'Aquila im Sommer hatte im Wesentlichen die Tagesordnung für Rom vorgegeben mit seiner Zustimmung zu einem Strategiewechsel bei der Bekämpfung des Hungers: Statt wie seit Jahrzehnten Almosen zu verteilen, sollen die Bauern in den armen Ländern künftig dabei unterstützt werden, selbst ausreichend Nahrungsmittel für ihre Landsleute zu produzieren. Dazu beschlossen die G-8-Länder ein 20 Milliarden Dollar schweres Paket landwirtschaftlicher Entwicklungshilfe für drei Jahre. Die Teilnehmer des Welternährungsgipfels wollten sich nun nicht darauf festlegen, 17 Prozent ihres Auslandshilfeetats für die Agrarentwicklung zu reservieren, für die nach UN-Rechnung jährlich 44 Milliarden Dollar erforderlich wären.

Der Hungergipfel hätte den Grundsatz festschreiben sollen, dass Geberländer auf die jeweiligen Bedürfnisse der Empfänger hören und nicht nach eigenem Gutdünken über Hilfe entscheiden sollten, erklärte die US-Botschafterin bei der UN-Vertretung in Rom, Ertharin Cousin. FAO-Generaldirektor Jacques Diouf äußerte "Bedauern" und Enttäuschung darüber, dass sich die Gipfelteilnehmer weigerten, eine Neuausrichtung der Agrarentwicklungshilfe zu finanzieren. Papst Benedikt XVI. verurteilte in seiner Rede vor den Delegierten Überfluss und Verschwendung in einer Welt, in der immer mehr Menschen Hunger litten.

Während der simbabwische Präsident Mugabe gegen den Westen wetterte und die umstrittene Landreform verteidigte, die zum Hunger in seinem Land geführt hat, blieb mancher Sitze im Saal leer. Seine Schuldzuweisungen an "neokolonialistische Feinde" und ihre Sanktionen wurden mit Schweigen aufgenommen. Westliche Länder haben Mugabe und seine engsten Mitarbeiter mit Einreiseverbot belegt und ihre Vermögen eingefroren; die Sanktionen gelten jedoch nicht für Veranstaltungen der Vereinten Nationen. Italienischen Presseberichten zufolge reiste Mugabe mit einer Privatmaschine und einer Delegation von mehr als 60 Personen an, von denen viele von den Strafmaßnahmen betroffen sind.

Mugabe "treibt sich in der Welt herum und nimmt an UN-Konferenzen teil und genießt natürlich das Essen dort, während eine Menge seiner Leute hier die letzten Krümel zusammenkratzen", sagte der simbabwische Politikwissenschaftler John Makumbe. "Das ist ein Manöver zur Umgehung der Sanktionen. Das ist ein Shopping-Trip; die UN werden ausgenutzt, damit man überhaupt nach Europa kommt."

AP AP

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