HOME

Wetter, Nazis, Schweden-Rache: Wie russische Staatsmedien die Ukraine-Proteste verdrehen

US-Komplotte, schlechtes Wetter, Rachegelüste der Schweden - die russischen Staatsmedien erklären die Proteste in Kiew auf eine ganz eigene Art und warnen vor der deutschen Nazi-Mentalität.

Von Ellen Ivits

Die russischen Staatsmedien konnten ihre Freude kaum verhehlen, als der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch die seit vielen Jahren verfolgten Pläne zur Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU fallenließ und stattdessen sich wieder Russland zuwandte. Kiew soll im Einflussbereich Moskaus bleiben. Doch die prowestlichen Proteste, die seit zwei Wochen die ukrainische Hauptstadt beherrschen und sich gegen die Abkehr des Landes von der Europäischen Union richten, haben diese Freude gründlich verdorben.

Bei der russischen Staatspresse stößt der ukrainische Protest auf Verständnislosigkeit. Radio- und TV-Moderator Sergej Dorenko, der für provokante Thesen berüchtigt ist, appellierte an die ukrainische Bevölkerung, sich eines Besseren zu besinnen. Die Zukunftsaussichten der Ukraine würde die Geschichte schließlich eindeutig genug offenbaren. "Das Beste, was euch passieren kann, ist, dass hinter jedem Ukrainer ein Deutscher mit einer Peitsche steht und schreit 'Arbeiten, schneller, schneller!'" Die Annäherung an die EU würde eine völlige Unterwerfung bedeuten - und die Belieferung Londons und Paris mit ukrainischen Frauen als Fleischware.

Aristokratische Rachegelüste

Krude Lehren aus der Geschichte zieht auch der TV-Moderator Dmitri Kiselew. Er verglich in einer Nachrichtensendung den Vilnius-Gipfel, wo Janukowitsch bedrängt worden sei, das Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen, mit dem Münchner Abkommen von 1938. Damals haben die westlichen Alliierten der Annektierung des Sudetenlandes durch Nazi-Deutschland zugestimmt und die Tschechoslowakei gespalten. "Der einzige Unterschied ist heute, dass Russland seiner Verbündeten beraubt werden soll“, sagte er.

Doch seine Ursachenerklärung reicht sogar noch weiter in die Geschichte zurück. Unter den Ländern, die versuchen, die Ukraine in den Schoß der EU zu führen, seien schließlich auch Schweden, Polen und Litauen. "Es ist dieselbe Allianz, die Peter der Große im Jahre 1709 bei Poltawa besiegt hat. Es erscheint amüsant, doch wie es aussieht, wollen sie jetzt Rache für Poltawa nehmen.“ Die Schlacht bei Poltawa, einer Stadt in der Zentralukraine, war eine der größten Schlachten des Großen Nordischen Krieges. Nach der verheerenden Niederlage für die Alliierten, konnte Russland damals die Vorherrschaft im Ostseeraum behaupten. Laut Kiselew ist der schwedische Außenminister Carl Bildt ein ehemaliger CIA-Agent und will jetzt seine aristokratischen Vorfahren, die bei Poltawa unter den Kommandeuren waren, rächen.

Wetter schuld an Protesten

Hinter den Protesten wittert das Staatsfernsehen ein Komplott der USA. Der Sender "Russland" berichtete, dass die Protestierenden vom US-Außenministerium finanziert und ausgebildet werden. Zur Untermauerung dieser These zeigte der Kanal ein Interview mit einem Mann, der vor laufenden Kameras des ukrainischen Fernsehens zugibt, für seine Teilnahme an den Demonstrationen bezahlt worden zu sein. Der Sender "NTV" meldete, dass die Proteste von „Berufsrevolutionären, für die das Stiften von Unruhen zum Job gehört“ getragen werden.

Meteorologe Vadim Zawodchenkow hat auch eine eigene Theorie zu den Ursachen des Protests: Das Wetter hätte die Demonstrationen provoziert. Schließlich bewegten sich die Temperaturen in Kiew schon die ganze Woche rund um den Gefrierpunkt. Dabei stütz er sich auf eine Studie von russischen Wissenschaftlern und der Columbia University, die herausgefunden hätten, dass schlechte Wetterbedingungen Konflikte verursachen können.

Er sieht eine bemerkenswerte Parallele zu der Orangenen Revolution: "Die Proteste begannen genau am selben Tag wie die Orangene Revolution vor neun Jahren. Somit fiel die Verschlechterung des politischen Klimas schon wieder mit dem Jahreszeitenwechsel zusammen", erklärte er während einer Wetterprognose bei dem Sender "Russland 24". Zum Schluss erinnerte er die Ukrainer, dass lange Straßenaufenthalte während der kalten Jahreszeit gesundheitsgefährdend sein können.

Abschreckende Beispiele

Warum die Ukrainer einen proeuropäischen Kurs der Regierung fordern, bleibt der russischen Staatspresse rätselhaft. Wie die Herausgebervereinigung "Blagoda" schreibt, sollte der Fall Bulgariens ein mahnendes Beispiel für die Ukraine sein. Seit Bulgarien der EU beigetreten ist, soll dort die Industrie, die Landwirtschaft und das Bildungssystem systematische zerstört worden sein. Alles was Bulgarien heute anzubieten hätte, wären billige Arbeitskräfte.

Der Moderator Kiselew warnt auch vor der Sexualmoral des Westens: "Wenn wir wieder auf Schweden blicken, ist es keine große Überraschung, dass dort die Abtreibungsraten steigen und es normal ist, dass Kinder Sex haben. Sie fangen mit neun an und sind dann mit zwölf am Ende. Da haben sie es – die europäischem Werte in ihrer ganzen Pracht."