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"Mittäter" von Charlottesville: Er wollte die Welt aufklären - und wurde zur Zielscheibe rechter Hetzer

Brennan Gilmor hat gegen die Neonazis in Charlottesville demonstriert und wurde Augenzeuge des Auto-Anschlags. Zufällig filmte er die Szene, teilte sie im Netz. Und wurde zum Ziel von Verschwörungstheoretikern.

Helfer transportieren eine Frau ab, die verletzt wurde, als ein Auto in Charlottesville in eine Menschenmenge fuhr

Einen Tag nach den schweren Ausschreitungen in Charlottesville habe Brennan Gilmor einen Anruf seiner Schwester erhalten. Sie sei sehr besorgt gewesen. "Sie fragte mich, ob ich schon mit meiner Mutter und meinem Vater gesprochen habe", schreibt der Entwicklungshelfer in einem Gastbeitrag für das Politmagazin "Politico". Die Adresse seiner Eltern sei auf einer Plattform für Verschwörungstheorien von Neonazis geteilt worden. "Sie glauben, dass Du den Angriff arrangiert hast, Brennan", habe seine Schwester gesagt. "Es gibt Todesdrohungen gegen dich."

Was ist passiert?

Brennan Gilmor lebt in der Universitätsstadt, ist gegen die rechtsextreme Demonstration auf die Straße gegangen - und wurde Augenzeuge des tödlichen Auto-Anschlags, bei dem eine junge Frau ums Leben gekommen ist. Zufällig filmte er die Szene, teilte sie aus Überzeugung schließlich im Netz: "Als ich von Freunden hörte, dass einige Medien über einen Unfall spekulierten, wusste ich, dass ich das Video posten musste", erklärt Gilmor.

Denn die Schuldfrage sei für Gilmor eine geradezu rhetorische gewesen. Die Täter: "Die Nazis und 'White Supremacists', die ihre Ideologie der Gewalt und Hasses in unsere Stadt gebracht haben. Es war ihr Mann, der mit einem Auto in die Menge gerast ist", betont Gilmor - auch gegenüber zahlreichen Medien. "Ich dachte, das sei unumstritten.", schreibt er. Das Geschehene und Gesehene im Hinterkopf.

"Mann, habe ich mich geirrt."

Gewalt in Charlottesville - von Gilmor organisiert?

Nur wenige Stunden nach einem von vielen Interviews, die er nach den Charlottesville-Ausschreitungen gegeben hat, ging es plötzlich los. Neonazis hätten etliche Internet-Foren mit Verschwörungstheorien über ihn geflutet. Er würde für die CIA arbeiten, habe die Charlottesville-Ausschreitungen orchestriert, um später die Medien und die breite Allgemeinheit gegen die Alt-Right-Bewegung aufzuhetzen. Obendrein sei alles von Demokraten wie Hillary Clinton oder Barack Obama finanziert worden. "Sie behaupteten, dass es mein ultimatives Ziel gewesen sei, einen Rassenkrieg anzuzetteln und Donald Trump zu untergraben", schildert Gilmor die Hetzkampagne in "Politico". Und das sei nur eine kleine Auswahl der Verschwörungstheorien, die über ihn im Netz kursierten.

Helfer transportieren eine Frau ab, die verletzt wurde, als ein Auto in Charlottesville in eine Menschenmenge fuhr


Denn an einen Zufall wollte man unter den Verschwörungstheorien offenbar nicht glauben. Gilmor, der auch schon in der Politik aktiv gewesen ist und obendrein für einen Demokraten - das ist kein Geheimnis, so steht es sogar auf seinem Twitter-Account -, habe "zufällig" den Auto-Anschlag in Charlottesville gefilmt? Niemals. Argumente, die sehr wohl für Gilmors privates Interesse sprachen - aufgewachsen in Virginia, mittlerweile Anwohner in Charlottesville und politisch interessiert - gerieten offenbar (gewollt) in Vergessenheit. 

Gilmor hat einen deutschen Leidensgenossen

Die Geschichte von Brennan Gilmor erinnert unweigerlich an Richard Gutjahr. Der deutsche Journalist war bei dem Amoklauf in München und der tödlichen Lkw-Fahrt in Nizza vor Ort, letztere filmte er und stellte die Szenen unmittelbar nach der Attacke ins Netz. Auch um ihn wurden daraufhin Verschwörungstheorien gestrickt - etwa, er sei ein israelischer Agent und habe den Terror "inszeniert". Im September 2016 sprach er mit der "Süddeutschen Zeitung" über die Hetzkampagne gegen ihn. "Mittlerweile gibt es mehr als 120 Videos über mich, meine Tochter und meine Frau. Es werden wöchentlich mehr", erzählte er der Zeitung. 

Plötzlich gelangen die Theorien in den "Mainstream"

Auch zu Gilmor existieren Videos. Sie heißen "Brennan Gilmor ist ein CIA-Agent" oder "Charlottesville-Attacke: Brennan Gilmor - Zeuge oder Mitschuldiger?". Die Videos verraten viel über die Macht von sozialen Netzwerken: Sie werden immer weiter verbreitet. Im besten Fall nur unter den Verschwörungstheoretikern. Im schlimmsten Fall geraten sie auch in den "Mainstream". So wie bei Gilmor.

Nur 72 Stunden nach den Ausschreitungen von Charlottesville kursierte die Verschwörungstheorie, Gilmor sei der Drahtzieher hinter dem Auto-Anschlag, bereits auf der rechtslastigen Newsseite "Infowars" - einem Schmelztiegel für gefährliches Halbwissen und Verschwörungstheorien, allerdings mit knapp zwei Millionen Abonnenten auf YouTube. Auch US-Präsident Donald Trump war bereits zu Gast in einer Sendung. Einige Nutzer teilten die Geschichte plötzlich gezielt via Twitter an hochrangige Politiker wie US-Justizminister Jeff Sessions. Tage später habe Republikaner Louie Gohmert, der im US-Kongress sitzt, eine Untersuchung angeordnet. Anlass: Die Gegenproteste in Charlottesville seien von den Demokraten bezahlt und arrangiert gewesen. "In weniger als einer Woche wurde die Verschwörungstheorie eines Alt-Right-Forums einem Millionenpublikum im ganzen Land bekannt", schreibt Gilmor verblüfft.

"Nazis sind böse und ich wurde Zeuge davon"

Ob eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet worden sei? Er könne es nicht sagen, "was mir Sorge bereitet - um meine Familie, aber vor allem um unser Land". Er glaube, dass es nicht unbedingt gefährlich sei, dass eine große Anzahl Menschen diese Geschichten glauben würden. Sondern dass die Debatte, was "richtig" oder "falsch" sei, in Vergessenheit gerate. "Das ist wirklich gefährlich", schreibt Gilmor.

Manchmal seien Situationen einfach nicht kompliziert. "Nazis sind böse und ich wurde Zeuge davon, wie einer von ihnen eine Terror-Attacke begangen hat." Er habe weder die Aufmerksamkeit um ihn gewollt, noch diese Attacke und rechtsextreme Gewalt überhaupt beobachten wollen. "Aber ich werde weiterhin den Millionen von Amerikanern beistehen, die über diesen unbestreitbaren Fakt sprechen."

fs