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Anti-Rassismus-Proteste Das Auto als Waffe: Fahrzeug-Attacken auf Demonstranten in den USA nehmen zu

Charlottesville am 12. August 2017. Ein Neonazi ist in eine Gruppe von Demonstranten gerast
Charlottesville am 12. August 2017. Ein Neonazi ist in eine Gruppe von Menschen gerast, die gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten demonstrieren
© Ryan M. Kelly / Picture Alliance
Die Vorfälle erinnern an Charlottesville im August 2017, als ein Neonazi in eine Gruppe von Demonstranten raste. Gegner der Anti-Rassismus-Bewegung in den USA setzen immer häufiger ihre Autos als Waffe gegen Protestierende ein.

In den USA setzen Rechtsextremisten offenbar vermehrt Autos als Waffen gegen Demonstranten ein. Seitdem der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz Ende Mai eine landesweite Protestwelle gegen Polizeigewalt und Rassismus ausgelöst hat, seien mindestens 50 Attacken mit Fahrzeugen gemeldet worden, berichtet der US-Sender NPR. Mindestens 18 dieser Angriffe würden als vorsätzlich eingestuft, bei weiteren zwei Dutzend sei die Motivation unklar oder werde noch untersucht.

NPR beruft sich bei seinen Angaben auf den Terrorismusforscher Ari Weil von der Universität Chicago. Der Großteil der Attacken habe sich in den ersten 14 Tagen der Proteste ereignet, erklärte der Wissenschaftler nach einer Analyse von Polizei- und Gerichtsakten sowie von Nachrichtenmeldungen. Er vermute allerdings, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher seien, weil nicht alle Vorfälle erfasst würden.

"Ihr müsst von der Straße verschwinden!"

Unter den 20 Personen, die bislang wegen Angriffen mit Autos angeklagt wurden, befinden sich laut dem Internetportal "Homeland Security Today" ein 36 Jahre alter Anführer des Ku Klux Klan im US-Bundesstaat Virginia, in dessen Fahrzeug Klan-Materialien und Schusswaffen gefunden wurden, und ein Mann aus Kalifornien, dem versuchter Mord vorgeworfen wird. Er soll Protestierende zunächst provoziert haben und dann in sie hineingefahren sein und dabei eine Teenagerin mit dem Wagen erfasst haben.

Doch nicht nur Männer sind unter den Beschuldigten: Eine 26 Jahre alte Frau muss sich wegen schwerer Körperverletzung mit einer tödlichen Waffe und Fahrerflucht in zwei Fällen verantworten, wie die Nachrichtenseite "San Jose Inside" berichtet. Nach Polizeiangaben war sie in San Jose im Bundesstaat Kalifornien mit ihrem Dodge SUV durch eine Gruppe von Demonstranten gefahren. Dann hab sie nach Aussage eines anwesenden Sheriffs gedreht und sei erneut auf die Gruppe zugefahren, bevor sie zurückgesetzt und mit hohem Tempo zwei Männer überfahren habe. Als der Sheriff auf das Fahrzeug geschossen habe, sei die Frau davongerast.

Der Zwischenfall in San Jose wurde wie viele dieser Angriffe auf Video festgehalten. Aufnahmen verschiedener weiterer Attacken mit Fahrzeugen zeigen Autofahrer, die Black-Lives Matter-Demonstranten anschreien oder bedrohen, bevor sie Gas geben.

"Die Botschaft, die sie zu vermitteln versuchen, lautet: 'Ihr müsst von der Straße verschwinden und diese Proteste stoppen!'", zitiert NPR Terrorismusforscher Weil. "Sie versuchen, die jüngste Welle von BLM-Demonstranten einzuschüchtern, um ihre Bewegung zu stoppen." Die Unterstützung dafür käme nicht nur aus extremistischen Kanälen, sondern breite sich auch in etablierteren republikanischen und konservativen Kreisen aus, erklärte Weil.

"Bewusste Terrortaktik weißer Rassisten"

Die aktuellen Vorfälle erinnern an die tödliche Attacke auf Demonstranten in Charlottesville in Virginia im August 2017. Damals war ein Neonazi in eine Gruppe von Menschen gefahren, die gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten protestiert hatten. Dabei wurde eine 32 Jahre alte Frau getötet, 29 weitere Menschen erlitten Verletzungen. Der Angreifer wurde zu Lebenslänglich plus weiteren 419 Jahren Haft verurteilt. US-Präsident Donald Trump hatte danach für einen Aufschrei der Empörung gesorgt, als er sagte, es habe auf beiden Seiten "sehr gute Menschen" gegeben.

In Charlottesville, US-Bundesstaat Virginia, ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Die Menschen demonstrierten gegen einen Aufmarsch des Ku-Klux-Klans und anderer Rechtsextremisten. EiinVideo zeigt, wie ein silbergraues Auto beschleunigt. Dann sind Aufprall und panische Schreie zu hören. Anschließend setzt der Wagen zurück. Seine Font ist beschädigt. Menschen verfolgen das Auto zu Fuß. Twitter-User Brennan Gilmore lud sein Video von dem Vorfall ins Internet. Das Video deutet darauf hin, dass das Auto mit Absicht in die Menschenmenge gesteuert wurde. Noch allerdings hat die Polizei sich nicht geäußert, ob es sich um einen Unfall oder einen Anschlag handelt.
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Die Bürgerrechtlerin Amy Spitalnick sieht in dem Einsatz von Autos als Waffen gegen friedliche Demonstranten "zunehmend eine bewusste Terrortaktik weißer Rassisten", wie sie NPR sagte. Spitalnick ist Geschäftsführerin von Integrity First for America, einer gemeinnützigen Bürgerrechtsorganisation, die eine Zivilklage im Namen der Opfer von Charlottesville führt. "Wie in unserer Klage ausführlich dargelegt wird, wurde die Gewalt in Charlottesville Monate im Voraus online geplant, erklärte Spitalnick, einschließlich Diskussionen über das anfahren von Demonstranten mit Autos."

Auch Terrorforscher Weil ist angesichts der zunehmenden Fahrzeugattacken besorgt: Diese seien "nicht nur eine rechtsextreme Neonazisache, sondern es entwickelt sich zu etwas, das auf breiter Ebene gefördert wird", warnte er. "Und ich denke, das sollte jeden beunruhigen."

Quellen: NPR"Homeland Security Today", "San Jose Inside"


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