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Xinjiang: Gewalt in Uiguren-Provinz flammt wieder auf

Ein paar Tage war es ruhig in der Uiguiren-Provinz Xinjiang. Doch nun sind wieder Schüsse gefallen, Menschen getötet worden - trotz eines massiven Polizeiaufgebots. Weitere Eskalationen sind wohl nur eine Frage der Zeit, denn im Herbst steht die 60-Jahr-Feier des Landes an.

Von Janis Vougioukas und Hong Xiaoyan

Das Foto von Tarsun Gul, 30, wurde weltberühmt, als sie sich mit erhobener Faust vor eine Polizeikette stellte und für die Freilassung ihres Mannes und ihrer vier Brüder demonstrierte. Jetzt sitzt sie vor ihrer kleinen Wohnung in einer Seitenstraße, gleich neben dem Markt. "Meine Männer sind gleich nach den Unruhen verhaftet worden", sagt sie. "Dabei haben sie gar nichts getan. Auch in China dürfen unschuldige Menschen nicht einfach eingesperrt werden. Doch für uns gilt das Recht nicht." Viele Uiguren in Xinjiang denken das gleiche.

Die neusten Gewaltausbrüche in der Unruheregion sind das beste Beispiel dafür: Nach einer Woche relativer Ruhe sollen Polizisten zwei Uiguren erschossen haben, ein dritter sei verletzt worden, berichteten Behörden. Die Beamten hätten versucht, die drei Männer von einem Überfall mit Messern und Stangen auf einen weiteren Mann abzuhalten und seien dabei selbst angegriffen worden, erklärte ein Regierungssprecher in Urumqi.

Schüsse auf Polizisten

Der Radiosender RTHK in Hongkong hatte zuvor auf seiner Webseite berichtet, in der Nähe eines uigurischen Viertels sei auf mindestens zwei Polizisten geschossen worden, drei Uiguren seien getötet worden. Nähere Einzelheiten wurden nicht genannt. Polizisten in schusssicheren Westen verfolgten unter den Augen verängstigter Passanten in der Nähe eines uigurischen Viertels einen Mann, Schüsse waren zu hören. Ein Polizist hob sein Gewehr, um den Mann zu schlagen. Der blutende Mann lag auf dem Boden, umringt von Sicherheitskräften. Passanten brachten sich in Gebäuden in Sicherheit, ein Schützenpanzer fuhr vor.

Chinas Regierung unternimmt alles, um jede weitere Eskalation der Gewalt im Keim zu ersticken. In der Unruheprovinz wurden Truppen aus dem ganzen Land zusammengezogen. Polizeieinheiten und schwer bewaffnete Milizen kontrollieren die Straßen. Doch die Menschen trauen dem Frieden nicht, der Schock sitzt zu tief. Und sie wissen: Das massive Sicherheitsaufgebot hat die Probleme nur verdrängt.

184 Menschen starben - offiziell

184 Tote haben Chinas staatliche Medien inzwischen gezählt, die meisten von ihnen Angehörige der Han, die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe Chinas. Die Ausschreitungen begannen mit einer Demonstration Anfang Juli. Hunderte Uiguren hatten sich auf dem Volksplatz im Stadtzentrum versammelt, um gegen die Diskriminierung ihrer Bevölkerungsgruppe zu protestieren. Als die Polizei die Kundgebung auflösen wollte, eskalierte die Lage: Stundenlang zog ein wütender Mob durch die Straßen, verwüstete chinesische Geschäfte und prügelte chinesische Passanten zu Tode.

Die Polizei reagierte mit Massenverhaftungen und Ausgangssperren. Trotzdem zogen wenig später hunderte Han-Chinesen durch die Straßen, bewaffnet mit Messern, Schaufeln und elektrischen Viehtreibern. Und sie schlugen ebenso wahllos zu, wie die Uiguren es zwei Tage zuvor getan hatten.

Es dauerte mehrere Tage, bis die chinesischen Sicherheitskräfte die Stadt wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Weil die Kommunistische Partei eine "Steuerung der Proteste von außen" vermutete, wurden die Telefon- und Internetverbindungen nach Xinjiang gekappt. Die Polizei ließ sogar Flugblätter aus Hubschraubern abwerfen, um die Bevölkerung zur Ordnung zu rufen. Einige Tage lang hatte die Einschüchterungsstrategie funktioniert, zuletzt sah es so aus, als sei der Alltag in den Nordwesten Chinas zurückgekehrt.

Vor 60 Jahren wurde Xinjiang offiziell und friedlich in das Staatsgebiet der gerade gegründeten Volksrepublik China eingegliedert. Peking hat in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Han-Chinesen in die Wüste umgesiedelt. Doch die Proteste haben gezeigt, dass Zwangsumsiedlungen und wirtschaftliche Modernisierung allein nicht ausreichen, um sozialen Frieden zu gewährleisten.

Seit Jahren regiert die kommunistische Führung in Xinjiang mit harter Hand. Seit 2001 sind private Pilgerreisen nach Mekka verboten. Die Moscheen werden streng kontrolliert, Kinder dürfen keinen Islamunterricht mehr erhalten, es gab sogar Versuche, das Tragen von Kopftüchern zu verbieten. Die Uiguren fühlen sich inzwischen in ihrer eigenen Heimatprovinz als Fremde, zumal viele der gutbezahlten Jobs bei der Regierung und den große Staatsbetrieben mit Han-Chinesen besetzt werden. In den vergangenen Tagen ist die Wut noch weiter gewachsen.

Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren hier Proteste und separatistische Anschläge gegeben. Unmittelbar vor dem Beginn den Olympischen Spielen 2008 starben 17 Polizisten bei einem Anschlag auf einen Außenposten der Grenzpolizei in Kashgar. Viele Beobachter gehen inzwischen davon aus, dass die Unruhen von Urumqi in den kommenden Monaten zu weiteren gewalttätigen Protesten und neuen Anschlägen führen könnten. Die Sicherheitskräfte werden deshalb beim kleinsten Verdacht hart gegen mögliche Unruhestifter vorgehen.

Proteste werden mit aller Macht versucht, zu verhindern

Droht Xinjiang eine Spirale der Gewalt? Im Oktober feiert China den 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik. Die Regierung wird in den Monaten davor mit aller Macht versuchen, jede Art von Protest oder Widerstand zu unterdrücken.

Die Lage der Uiguren wird also vermutlich bleiben, wie sie ist. Denn auch international haben sie wenig Fürsprecher, nicht einmal in den muslimischen Ländern. Ihnen fehlt auch eine Identifikationsfigur, die die Tibeter mit dem Dalai Lama haben. Die uigurische Vorkämpferin Rebiya Kadeer ist selbst in ihrer Heimatprovinz kaum bekannt. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass Xinjiang kaum in den Schlagzeilen westlicher Medien auftaucht. Doch die Regierung in Peking weiß: Die Probleme in Nordwesten sind viel größer als die auf dem tibetischen Hochland.

mit Agenturen