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Ungewöhnliche Liebe: Ex-Front-National-Aktivistin steht als Flüchtlingshelferin vor Gericht

Jahrelang unterstützte die Französin Béatrice Huret den rechten Front National. Dann verliebte sie sich in einen iranischen Flüchtling. Weil sie ihm half, nach England zu kommen, muss sie sich nun vor Gericht verantworten.

Béatrice Huret telefoniert bei der Ankunft am Gericht in Boulogne-sur-Mer mit Mokhtar

Béatrice Huret telefoniert bei der Ankunft am Gericht in Boulogne-sur-Mer mit Mokhtar. Die ehemalige Front-National-Aktivistin half dem Iraner bei seiner Flucht nach Großbritannien - aus Liebe, wie sie sagt.

"Ich erwarte von diesem Prozess, dass man versteht, was ich getan habe und warum", sagt Béatrice Huret am Dienstagvormittag vor dem Gerichtsgebäude im nordfranzösischen Boulogne-sur-Mer, wo ihr Verfahren wegen illegaler Schlepperei beginnt. Die ehemalige Aktivistin des rechtsextremen Front National ist angeklagt, weil sie einem iranischen Flüchtling aus Liebe bei der Überfahrt von Calais nach Großbritannien geholfen hat.

"Es war Liebe auf den ersten Blick"

Huret ist die Witwe eines französischen Grenzpolizisten, der ein Rassist war, wie sie der BBC erzählte. Jahrelang hatte sie Front National gewählt und sogar Flugblätter für die Partei von Marine Le Pen verteilt. Doch das Elend der Flüchtlinge an der Nordküste Frankreichs habe sie umdenken lassen. 2015 begann die frühere Krankenschwester, Menschen im berüchtigten "Dschungel" von Calais ehrenamtlich zu helfen. Dabei lernte sie den Iraner Mokhtar kennen, der sich aus Protest gegen eine Teilräumung des Flüchtlingslagers den Mund zugenäht hatte.

"Es gab da so einen Moment: Er hat mir Tee angeboten. Und als er dann aufgestanden ist, um mir den Tee zu bringen, konnte ich fühlen, dass er sehr sanft ist. Und dann der Blick, er hatte Güte in seinen Augen. Es war Liebe auf den ersten Blick", schilderte die 44-Jährige der Nachrichtenagentur AFP ihre erste Begegnung mit Mokhtar.

Huret brachte den ehemaligen Lehrer, der über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangen wollte, bei sich unter. Mehrfach erlebte sie laut der "Aargauer Zeitung" mit, wie er vergeblich versuchte, auf einen Lastwagen zu springen und auf diese Weise auf einer Fähre über den Kanal zu gelangen. 2016 half sie Mokhtar und zwei seiner Landsleuten über das Internet ein Boot zu kaufen und organisierte die Überfahrt nach Großbritannien für sie. Die drei wurden von der britischen Küstenwache geborgen.

Huret vertraut auf Frankreichs Justizsystem

Mokhtar hat mittlerweile Flüchtlingsstatus in Großbritannien erhalten und lebt jetzt in Sheffield. Huret erzählte der BBC, sie habe nahezu täglich Kontakt via Webcam mit ihrem Freund und besuche den 37-Jährigen an jedem zweiten Wochenende. Ob das auch in Zukunft möglich sein wird, liegt in der Hand des Gerichts in Boulogne-sur-Mer. Sollte Huret wegen illegaler Flüchtlingshilfe verurteilt werden, drohen ihr theoretisch bis zu zehn Jahre Haft. Doch die Französin ist zuversichtlich: "Ich traue unserem Justizsystem. Ich bin da ganz ruhig", sagte sie noch vor wenigen Tagen der AFP. Ihre Anwältin erklärte der Nachrichtenagentur, sie werde eine Einstellung des Verfahrens beantragen, da Huret aus humanitären Gründen gehandelt habe. 

Die Angeklagte selbst versichert, bevor sie das Gerichtsgebäude betritt: "Ich weiß, was ich getan habe. Ich stehe dazu, ein Boot gekauft, es zu Wasser gelassen und sie zum Strand gebracht zu haben." Und bekräftigt dann noch einmal, warum sie Mokhtar und seinen Begleitern geholfen hat: "Was ich gemacht habe, tat ich aus Liebe".

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mit AFP