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Medienberichte: Fake-Profile und Namenswechsel: So trickst sich die AfD zu mehr Reichweite bei Twitter und Facebook

Fragwürdige Methoden sollen der AfD künstlich zu mehr Reichweite und Unterstützung verhelfen. So ein Recherche-Ergebnis von "t-online.de" und "netzpolitik.org". US-Forscher warnt: Deutschland sollte darüber beunruhigt sein.

Twitter - AfD - Fake-Profile

Fake-Profile und gezielt aufgebaute Accounts: Die AfD soll sich Medienberichten zufolge auf Twitter einiger Tricks bedienen, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen

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Mit legalen, zumindest aber fragwürdigen Methoden und Tricks, soll sich die AfD auf Twitter künstlich zu mehr Reichweite, Aufmerksamkeit und Relevanz im öffentlichen Diskurs verholfen und gezielt Stimmung für sich gemacht haben. Dies geht aus einer gemeinsamen Recherche von "t-online.de" und der Nachrichten-Website "netzpolitik.org" hervor. 

Demnach sollen nicht nur zahlreiche Fake-Accounts angelegt, sondern auch im Vorfeld bereits gezielt mit Followern aufgebaute Profile AfD-Politikern zur eigenen Nutzung überlassen worden sein. Als Beispiel führen beide Berichte unter anderem das (inzwischen abgeschaltete) Twitter-Profil von AfD-Mann Dieter Laudenbach an, der es im April diesen Jahres in die Stichwahl zur Oberbürgermeisterwahl im thüringischen Gera geschafft hatte, dort letztlich jedoch deutlich unterlag. 

AfD-Politiker besitzt auf einmal Account mit 70.000 Followern

Laudenbach bestätigte gegenüber "t-online.de", dass er vor der Stichwahl angerufen und in dem Telefonat gefragt worden sei, ob man nicht für ihn einen Twitter-Account einrichten solle. Der AfD-Politiker sagte zu - und setzte dem Bericht zufolge nur wenig später unter dem Handle "@AfDOBLaudenbach" den ersten Tweet an "seine" rund 70.000 Follower, darunter viele Spam-Accounts, ab. 

Wie die aufwändige Recherche ergab, hatte das Konto zuvor bereits mehrere andere Namen - je nach aktueller Bestimmung. Im Bundestagswahlkampf 2017 hieß es dem Bericht zufolge noch "@FDPAussteigerin". Die dort abgesetzten Tweets sollten demnach vorgeben, dass hier eine enttäuschte FDP-Wählerin twittere - mit Inhalten im Sinne der AfD versteht sich. Auch vorher und nachher sei der Name des Accounts immer wieder geändert worden. So hieß er "@JazumDiesel", "@ZukunftDEU", "@fina24de" oder "@Sweet_Xenia". In ihren Artikeln führen beide Medien noch einige weitere Beispiele dieser Art an.

Das Ändern des Handles, also des Account-Namens, das betonen "t-online" und "netzpolitik.org", sei seitens Twitter erlaubt und in vielen Fällen auch sinnvoll. Und doch sei das Laudenbach-Profil "ein Beispiel, wie bei der AfD getrickst wird, wie mit vermeintlicher Reichweite und Unterstützung Eindruck gemacht werden soll", schreibt "t-online.de".

Fake-Accounts liken und retweeten sich gegenseitig

Hinter Praktiken dieser Art soll ein Mann aus Münster stecken, in den Berichten Markus B. genannt, der auf Honorarbasis für die Bundesgeschäftsstelle der AfD gearbeitet hat, wie ein Sprecher "netzpolitik.org" bestätigte. Herr B. sei 2018 "kurzzeitig für den AfD-Bundesverband in der Bundesgeschäftsstelle tätig gewesen", inzwischen sei das Dienstverhältnis aber aufgehoben worden, weil es "sehr unterschiedliche Ansichten über Arbeitsweisen und -methoden" gegeben habe.

In beiden Berichten heißt es, dass im Laufe der Recherche der Verdacht entstanden sei, dass B. auch hinter zahlreichen Fake-Accounts stecke, die die AfD unterstützten - beispielsweise durch gegenseitiges Retweeten und Liken von Beiträgen - und die unter anderem für die am Sonntag stattfindende Europawahl angelegt worden seien. "Merkmale wie Ähnlichkeiten bei Profilbildern oder Headerbilder mit ähnlichen Designs oder Sprüchen weisen darauf hin, dass die Accounts aus einer Hand stammen könnten", heißt es auf "netzpolitik.org". Markus B. indes bestritt in beiden Berichten, dass er die Profile betreut habe.

Ein Account setzte 107.000 Tweets ab - seit Januar 2018

Auch die Tagesschau berichtete am Donnerstagmorgen in ihrem Faktenfinder, dass die AfD über "ein ganzes Netzwerk von Accounts" verfüge, "die sich aufeinander beziehen und gegenseitig retweeten". Über die diversen Profile würden Tausende von Tweets im Sinne der AfD veröffentlicht, heißt es.

Vor allem in den vergangenen Wochen, also pünktlich vor der Europawahl, seien besonders viele neue Accounts angelegt worden - teilweise mit Profilbildern, die dafür einfach aus dem Internet gesucht wurden. So stamme das Bild einer angeblichen Twitter-Userin, die sich "Beate" nenne, von einer russischen Website, auf der es um Schönheitstipps gehe. Demnach verfügt das Konto - obwohl erst im April 2018 angelegt - bereits über 1000 Follower, "darunter verschiedene AfD-Abgeordnete sowie weitere Konten von angeblichen Frauen, die bemerkenswert viel twittern".

Ein Account, deren angebliche Besitzerin sich "Petra" nennt, habe allein mehr als 107.000 Postings abgesetzt - seit Januar diesen Jahres. Auch in diesem Fall seien unter den Followern mehrere AfD-Politiker zu finden, so der Bericht, der im Anschluss weitere Beispiele auflistet.

US-Forscher: AfD dominiert Facebook

Erst am Mittwochabend hatte das ZDF im "heute journal" (hier der Beitrag im Video) über eine bislang unveröffentlichte Studie von Trevor Davis, Professor an der George-Washington-Universität, berichtet. Der US-Medienwissenschaftler konnte in seiner Untersuchung herausfinden, dass auf Facebook zehntausende Accounts mit "zweifelhafter Echtheit" Stimmung und Werbung für rechte Parteien wie die AfD machen.

Facebook-Nutzer Hassen Zouidi - so nennt er sich zumindest - beispielsweise posiere auf seinem Profilbild vor der tunesischen Flagge und poste vorwiegend auf Arabisch. Verwunderlich: Zouidi, der offensichtlich nichts mit Deutschland zu tun hat, hat mehr als "einhundert Seiten von AfD-Politikern und Kresiverbänden wie der AfD Groß-Gerau Süd mit "Gefällt mir" markiert", heißt es in dem Bericht.

Davis, der der AfD in seiner Studie attestierte, Facebook im Parteienvergleich eindeutig zu dominieren, will demnach zehntausende derartiger Accounts entdeckt haben, deren Inhaber den Profilinfos zufolge in Afrika, Südamerika, in Osteuropa oder im arabischen Raum leben. Trotz teils tausenden Kilometern Entfernung zu Deutschland und nicht auf Deutsch geposteten Beiträgen würden die Account-Inhaber selbst kleinsten AfD-Seiten folgen. Für Davis ein Anhaltspunkt, dass es sich um Fake-Profile handelt - zumal diese "alle auf die ähnliche Art und Weise (agieren)", sagte der Wissenschaftler dem ZDF.

"So etwas haben wir in keinem anderen Land der Welt, das wir untersucht haben, gefunden", so Davis weiter. "Das sollte die Deutschen beunruhigen."

Quelle: "t-online.de" / "netzpolitik.org" / "tagesschau.de" / ZDF "heute Journal" 

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