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Afghanistan-Einsatz: Robbe redet Tacheles

Der scheidende Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Reinhold Robbe, verabschiedet sich mit klaren Worten. Im Gespräch mit dem stern kritisiert er die militärische Führung scharf. Beim Afghanistan-Einsatz würden "etliche Probleme beschönigt".

Herr Robbe, am vergangenen Donnerstag wurden vier Soldaten der Bundeswehr bei einem Gefecht in der Nähe von Kundus getötet. Mit jedem weiteren Toten steigt in Deutschland die Ablehnung gegenüber diesem gefährlichen Einsatz. Umfragen zeigen: 80 Prozent der Bundesbürger halten ihn heute für falsch. Hat die Politik etwas falsch gemacht? Oder ist dieser Einsatz falsch?
Es herrscht leider sehr viel Unwissen über den Einsatz. Auch bei manchen Abgeordneten. Und dann fahren sie am Wochenende in ihre Wahlkreise und werden nach Afghanistan gefragt und geben manchmal etwas hilflose Statements ab. So kann man aber den Sinn des Einsatzes den Bürgern niemals näher bringen.

Wie denn dann? Mit einem Streit darüber, ob der Einsatz nun als Krieg zu bezeichnen ist oder als bewaffneter Konflikt?
Schon im letzten Jahr habe ich das Geschehen in Afghanistan als Krieg bezeichnet. Das hat mir vom damaligen Minister viel Kritik eingebracht.

Aber warum wurde dann über Jahre so getan, als ginge es in Afghanistan vor allem um Brunnen- und Schulbau? Als sei die Bundeswehr eine Art technisches Hilfswerk für Angelegenheiten in Übersee?
Die militärische Spitze muss sich fragen lassen, weshalb sie etliche Probleme beschönigt hat. Sie hätte sich entschieden zur Wehr setzen müssen. Wer goldene Sterne links und recht trägt, der muss auch mal den Mund aufmachen.

Das Militär hat den Mund gehalten. Die Politik hat den Mund gehalten. Warum?
Weil eine gesellschaftliche Debatte über den Einsatz auch unangenehm werden kann. Bis vor gerade einmal einem Jahr gab es nicht einmal eine verbindliche Regelung darüber, wie Deutschland mit der Trauer um die toten Soldaten umgehen sollte.

In Ihrem Wehrbericht schreiben Sie, dass die Soldatinnen und Soldaten in beinahe jedem Gespräch fehlende Anteilnahme beklagen. Lässt Deutschland die Bundeswehr im Stich?
Gerade die schwer belasteten Soldaten in Afghanistan beklagen mir gegenüber immer wieder die fehlende "moralische Unter-stützung", wie sie sagen. Wir können die Soldaten nicht in ei-nen solchen Einsatz schicken und der Bundeswehr immer weniger Geld zur Verfügung stellen. Das ist verantwortungslos.

Franziska Reich / print