HOME

Alternative für Deutschland: Merkel muss die AfD nicht fürchten

Eine weitverbreitete These lautet: Die Anti-Euro-Partei AfD könnte Schwarz-Gelb die Macht kosten. Aber so ist es nicht. Eher ist das Gegenteil richtig.

Von Timo Brücken

Die "Alternative für Deutschland" (AfD) hat die etablierten Parteien aufgeschreckt. Fast ein Viertel der Deutschen kann sich vorstellen, die Anti-Euro-Partei zu wählen, sagen die Umfragen. Besonders schmerzhaft, so die Behauptung, sei das für Union und FDP. Sie würden potenziell mehr Wähler an die AfD verlieren als andere Parteien, am Ende vielleicht sogar entscheidende Stimmen. Selbst wenn die AfD bei der Bundestagswahl nur ein oder zwei Prozent der Stimmen gewinnt – das könnte "eine Wiederauflage der bürgerlichen Regierung verhindern", warnt der Parteienforscher Oskar Niedermayer. Die Begründung: Bei der Niedersachsenwahl im Januar 2013 holte die AfD gemeinsam mit den Freien Wählern 1,1 Prozent – genau so viele Stimmen, wie am Ende zu einer Neuauflage der schwarz-gelben Landesregierung fehlten.

Kann die kleine Anti-Euro-Partei Angela Merkel also die Macht kosten? Die führenden Meinungsforscher der Republik halten diese These schlichtweg für falsch. Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, sieht in der AfD nur einen Wiedergänger der Pro-D-Mark-Partei von 1998. Obwohl die große Mehrheit der Deutschen damals gegen den Euro gewesen sei, holte die Partei bei der Bundestagswahl lediglich 0,9 Prozent. "Warum sollte es heute mehr sein?", fragt Güllner. Dass sich Leute prinzipiell vorstellen können, eine bestimmte Partei zu wählen, bedeute erst einmal gar nichts. Güllner: "Sogar die Phantompartei von Horst Schlämmer hatte in Umfragen enormen Zulauf."

1500 Menschen beim Gründungsparteitag

Ein weiteres Problem der AfD ist ihr Kernthema. "Europa- und Währungsfragen haben in Bundestagswahlen noch nie eine große Rolle gespielt", sagt Güllner. Daran ändere auch die Krise nichts: "Die Wähler wissen, da steht schon Merkel und hat den Rettungsschirm aufgespannt." Richard Hilmer, Chef des Instituts Infratest dimap, bestätigt: Die Menschen sehen die Bundesregierung als guten Krisenmanager. "Die einzige Chance der AfD wäre, dass sich daran etwas ändert." Das sei jedoch unwahrscheinlich.

1500 Menschen kamen am vergangenen Wochenende zum Gründungsparteitag der AfD, ein zweiter Saal musste geöffnet werden, um alle aufzunehmen. Dass das vor allem Überläufer aus Union und FDP waren, ist jedoch zu bezweifeln. Die meisten Anhänger der neuen Partei seien "vollkommen unideologische Protestwähler", sagt Klaus Peter Schöppner vom Meinungsforschungsinstitut Emnid. "Von einer Abwanderung von Schwarz-Gelb zur AfD zu sprechen, halte ich für übertrieben." Laut einer Forsa-Umfrage für den stern vom März können sich 35 Prozent der Linken-Anhänger und 21 Prozent der SPD-Anhänger vorstellen, die neue Anti-Euro-Partei zu wählen. Bei den Sympathisanten von CDU und CSU sind es nur 13 Prozent, der geringste Wert unter den etablierten Parteien.

"Eine leere Hülle"

Ein AfD-Ergebnis knapp unter fünf Prozent könnte Schwarz-Gelb sogar helfen, erklären die Demoskopen Güllner und Hilmer. Durch die AfD werde die Gruppe der "sonstigen Parteien", die aus der Rechnung herausfallen, größer. "Eine Mehrheit im Bundestag ist so viel günstiger zu haben", sagt Hilmer.

"Ich nehme jede Konkurrenz ernst", versichert Unionsfraktionschef Volker Kauder mit Blick auf die AfD. Sein Parteifreund Volker Bouffier, Ministerpräsident in Hessen, rät: "Wir müssen uns das sorgfältig anschauen." Doch diese Vorsicht ist nur gespielt. Bloß nicht überheblich wirken – das ist das Motto der CDU. FDP-Fraktionsvize Volker Wissing wird da deutlicher: "Die AfD ist keine Gefahr für uns", sagt er stern.de. Sie sei eine "leere Politikhülle". CDU-Haushaltspolitiker Norbert Barthle fragt: "Ist die Auseinandersetzung mit dieser Partei überhaupt nötig? Im Adenauerhaus wird das sicher sehr aufmerksam beobachtet. Aber wir sind gut beraten, gelassen zu bleiben." Heulen und Zähneklappern hört sich anders an.