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Amoklauf von Winnenden: Polizei-Hubschrauber für Oettinger

Per Hubschrauber nach Winnenden: Der Amokläufer Tim K. war noch gar nicht gefasst, da ordnete der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger an, einen Hubschrauber für Ministerpräsident Günther Oettinger bereitzustellen. Dabei wäre der Helikopter an anderer Stelle dringender gebraucht worden.

Von W. Mathes, R. Nübel und H. P. Schütz

Als am Morgen des 11. März der 17-jährige Tim Kretschmer in der Albertville-Realschule in Winnenden ein Blutbad anrichtete, war Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger gerade in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Dort diskutierte er mit der CDU-Landtagsfraktion unter anderem über die Föderalismusreform. Bis er gegen 10 Uhr darüber informiert wurde, was gerade in Winnenden geschah. Zu diesem Zeitpunkt war der jugendliche Amokläufer bereits aus der Schule gestürmt und in die Innenstadt geflüchtet, wo er fieberhaft gesucht wurde, auch mit Polizeihubschraubern, die weiträumig über dem Tatort kreisten.

Zunächst kein Helikopter für Oettinger

Weil Oettinger unbedingt vor Ort sein wollte, versuchte sein Tross hektisch, einen in Stuttgart stationierten Helikopter der württembergischen Hubschrauber-Staffel der Polizei nach Mainz zu bestellen. Auf dem Stuttgarter Flughafen winkte man aber schnell ab – jede Maschine werde jetzt gebraucht, für operative Einsätze wie die bereits eingeleitete Ringfahndung und den Transport weiterer Beamten aus dem rund 90-köpfigen Team des polizeilichen Spezialeinsatzkommandos (SEK), das im rund 40 Kilometer entfernten Göppingen sitzt und für solche Ausnahmesituationen speziell ausgebildet ist. Um so wichtiger war es, dass die Spezialkräfte möglichst rasch am Tatort waren.

Oettinger fliegt doch

Insgesamt acht Hubschrauber umfasst die Flotte, sieben davon sind am Stuttgarter Flughafen stationiert. Später berichtete die "Neue Württembergische Zeitung", dass in Göppingen sofort das SEK ausgerückt sei – allerdings nur "zum Teil im Hubschrauber". Womöglich fehlte an diesem Morgen ein Helikopter. Und zwar der, mit dem Regierungschef Günther Oettinger nach Winnenden flog, wo er kurz nach 12.30 Uhr eintraf und vor die Fernsehkameras trat.

Denn Oettinger hatte, trotz der angespannten Lage, sein Fluggerät bekommen. Ausgerechnet, wie stern.de erfuhr, von Erwin Hetger, dem Landespolizeipräsidenten und damit höchsten Polizisten des Landes. Obwohl die Landespolizeidirektion Stuttgart, die "Herrin" der Hubschrauber-Staffel, zunächst eine Bereitstellung abgelehnt hatte, soll Hetger angewiesen haben, einen Helikopter für den Ministerpräsidenten nach Mainz zu fliegen, um ihn von dort nach Winnenden zu bringen.

Schon die zweite Hetger-Panne

Ausgerechnet Erwin Hetger hätte damit eine Panne zu verantworten, die in Polizei-Kreisen für erhebliche Verstimmung sorgt und die morgen auch in einer Sitzung des Stuttgarter Innenausschusses zur Sprache kommen dürfte. Denn Hetger war es, der sich auch im Fall des Heilbronner "Phantoms" nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Hetger war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Am 11. Februar, als die Ermittlungen zum Heilbronner Polizistenmord das Stuttgarter Landeskriminalamt übernommen hatte, war er noch wortreich bei der Pressekonferenz aufgetreten: Die Fahnder kämen der Serientäterin und mutmaßlichen Mörderin der jungen Polizeimeisterin Michéle Kiesewetter näher und näher, "das Netz um die Frau wird immer enger". Als am 27. März endgültig feststand, dass das Rätsel um das "Phantom" nun höchstwahrscheinlich aufgeklärt ist und diverse Polizeiführer vor der Presse Rede und Antwort stehen mussten, fehlte einer: Erwin Hetger.