Analyse Merkel ist wie der VfB Stuttgart


Dieser G8-Gipfel hat gezeigt: Man darf Angela Merkel nie unterschätzen. Nie. Sie ist wie der VfB Stuttgart. Eine drohende Niederlage hat sie in einen glorreichen, in einen möglicherweise entscheidenden Sieg verwandelt. Ende des Monats steht die Diplomatin nun vor ihrer Meisterprüfung.
Von Florian Güßgen

Angela Merkel ist ein Coup gelungen. Eine richtige Überraschung. Auch, das muss man leider zugeben, den Autor dieses Textes hat sie kalt erwischt. Soeben hatte man am Donnerstagnachmittag einen Text online gestellt, in dem man von einem wahrscheinlichen Rückschlag für die Kanzlerin schrieb, von zu hochgeschraubten Erwartungen in der Klimapolitik, von der unnachgiebigen Hartleibigkeit des US-Präsidenten, von den konkreten Klimazielen, die wahrscheinlich nicht festgeschrieben würden. Merkel widerlegte diese Einschätzung geschwind. Um 15.13 Uhr lief die erste Meldung der Deutschen Presseagentur über den Bildschirm. "Die G8-Staaten haben sich auf eine Formel zur Reduzierung der Treibhausgase geeinigt." Wenige Minuten später wurde es konkreter: Die G8 wollen "in Betracht ziehen", den globalen Ausstoß an Kohlenstoffdioxid bis 2050 mindestens zu halbieren. Die Weltenlenker erwähnen ausdrücklich die Erkenntnisse des Weltklimarates, der Kyoto-Nachfolgeprozess soll unter dem Dach der Vereinten Nationen stattfinden.

"Bild"-Zeitung kürt Merkel zu "Miss World"

Merkel, sie hatte es doch noch geschafft. In letzter Minute hat sie den Gipfel verwandelt, aus einem Rückschlag für sich einen veritablen Sieg gezaubert. Das ist ein beachtlicher Erfolg der Kanzlerin und ihres Teams. Sicher, die Klimaziele sind butterweich. Aber das ist egal. Der Riesenschritt besteht darin, dass die USA, dass die Regierung von George W. Bush, plötzlich zugibt, dass der Klimawandel von Menschenhand gemacht ist, dass sie ein Klimaziel in Erwägung zieht, und dass sie den weiteren Klimaprozess den Vereinten Nationen überlassen will. Das ist ein grandioser diplomatischer Erfolg. Zwar sind die Formeln butterweich, ihre politische Bedeutung ist jedoch hammerhart. Auch wenn die Anbiederungsorgie der "Bild"-Zeitung am Freitag - die Zeitung ernennt Merkel auf Seite 1 zur "Miss World", nur schwer zu ertragen ist: Ein Körnchen Wahrheit steckt in der Schlagzeile. Merkel hat einen wichtigen Teil der außenpolitischen Meisterprüfung in diesem Monat mit Bravour bestanden. Auch Merkels Vorgänger Gerhard Schröder hatte außenpolitisches Gespür. Auch er spielte, etwa bei den EU-Vertragsverhandlungen von Nizza, mitunter eine entscheidende Rolle. Aber Schröder war eher ein Haudrauf-Verhandler, kein Meister des feinen Kompromisses, des langsamen Überzeugens. In der Disziplin Diplomatie schlägt sie ihn um Längen. Unterschätzen, das lernt man dieser Tage erneut, darf man diese Frau, diese Kanzlerin, nicht. Nie.

Merkel schuf beharrlich eine kritische Masse

Dabei hatten Merkel und ihr Team noch vor Wochen strategische Fehler gemacht. Sie hatten die Erwartungen an diesen Gipfel in die Höhe getrieben, hatten die Hoffnung geschürt, dass die USA sich auf konkrete Ziele verpflichten würden. Sie hatte den Einsatz unnötig in die Höhe getrieben, schon ein relativer Erfolg würde ihr als Niederlage ausgelegt werden: Denn an der Marke der Klimaziele, das war klar, würde Merkel gemessen werden. Bis zuletzt sah es so aus, als würde sie sich an George W. Bush die Zähne ausbeißen. Aber offenbar hat sie es vor Beginn des Gipfels von Heiligendamm geschafft, sich bilateral so viel Unterstützung zu sichern, dass sie Bush am Schluss umstimmen konnte. Tony Blair sprang Merkel zu Seite, die dereinst skeptischen Kanadier gewann sie für sich, die Japaner auch noch. Es war eine kritische Masse, die da zusammenkam, die offenbar im Laufe dieser Woche auch den US-Präsidenten überzeugt hat. Merkel konnte sich dieses Erfolgs nicht sicher sein. Sie hat ihn erreicht durch Beharrlichkeit, Geduld - und den Sack im richtigen Moment zugemacht. Machiavelli schrieb in seine Bedienungsanleitung zur Macht dereinst, dass ein Herrscher "Fortuna" haben müsste, ein gewisses Glück, aber auch die Fähigkeit, den richtigen Moment zu erkennen. Bei Merkel scheint beides der Fall: Einst genoss sie die Patronage Helmut Kohls, der sie als "Mädchen" bezeichnete. Als das Denkmal Kohl wankte, distanzierte sie sich in einem legendären Zeitungsartikel kalt davon. Solange Merkel, die Wissenschaftlerin, nur wenige Mitspieler hat, Spieler, deren Verhalten sie grob kalkulieren kann - und bei Männern scheint das besonders leicht, scheint sie unaufhaltsam.

Wie der VfB Stuttgart

Für die Kanzlerin ist Heiligendamm wie der Sieg des VfB Stuttgart am vorletzten Spieltag in Bochum: Die Stuttgarter lagen zurück, gaben aber nicht auf, zeigten Charakter, kamen zurück - und siegten. Damit hatten sie für den letzten Spieltag die bessere Ausgangsposition - und wurden Meister. Für Merkel ist es ähnlich. Den Rückstand hat sie in einen Vorteil verwandelt, jetzt kann sie gestärkt und gelassen den Juni angehen. Ende des Monats verhandeln in Brüssel die EU-27 über einen Fahrplan für die EU-Verfassung. Das ist der zweite Teil ihrer Meisterprüfung. Hochglanzbilder à la Heiligendamm wird es dort nicht geben, auch wird der Kompromiss, wenn denn einer rauskommt, nicht so schön eingängig sein wie die Formeln fürs Klima. Seit Wochen verhandeln die Deutschen auf diesen Termin hin, versuchen die widerspenstigen Briten, Tschechen und Polen für sich zu gewinnen. Merkels Heiligendammer Erfolg stärkt sie für diesen diplomatischen Kraftakt in Europa.

Die außenpolitischen Erfolge der Kanzlerin, die Art und Weise, in der sie die EU-Ratspräsidentschaft und den G8-Vorsitz nun ausgenutzt hat, bescheren Merkel und der Union auch innenpolitische Geländegewinne - vor allem innerhalb der großen Koalition. Merkel hat die Außenpolitik, eigentlich die Domäne des beliebten SPD-Außenministers Frank-Walter Steinmeier, nun endgültig besetzt. Von der SPD ist in diesen Tagen von Heiligendamm nichts zu hören. Merkels außenpolitische Präsenz drängt die Genossen jetzt weiter in die Defensive. Ob und wie sich das auswirkt, ist noch offen. Allerdings könnten sich die Sozialdemokraten bemüßigt fühlen, ihr Profil schärfen zu müssen, Merkel ein wenig zu bremsen, ihr Kontra zu geben. Gelingen kann das den Sozen eigentlich nur, indem sie stärker auf ihr Image als "Friedenspartei" setzen, als Partei, die "Abenteuer" (Schröder) vermeintlich nicht mitmacht. Die nächste Gelegenheit böte sich, wenn im Herbst die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr beschlossen werden muss. Hier könnte die SPD wider Merkel und die Union eine Kehrtwende vollziehen, ihrer Klientel würde das gefallen.

Merkels Außenpolitik - ein Problem für die SPD

Unklar ist, ob das Merkel groß jucken würde. Dem potenziellen Herausforderer Kurt Beck ist sie in Umfragen weit enteilt, und die ganz großen Themen, die Merkels Schwächen offenbaren könnten, stehen ohnehin nicht mehr auf der Tagesordnung der großen Koalition. Denn Merkel hat Schwächen, sobald Akteure aufs Spielfeld treten, die in Zahl und Handlung schwer oder gar nicht zu berechnen sind, Bauchpolitiker wie Gerhard Schröder, irgendwelche Abgeordneten, die im Klein-Klein der Ausschussarbeit ganze Reformen kippen und killen können. In der Gesundheitsreform ist Merkel, die Kabinettspolitikerin, an diesen, im Vergleich mit der großen Weltpolitik kleinen, Hindernissen gescheitert. Aber große Reformen stehen vor den nächsten Bundestagswahlen nicht mehr an. Da hat sie nichts zu befürchten. Und so scheint es, als ob Merkel an diesem Freitagabend in ihrer Wohnung in Berlin oder in ihrem Wahlkreis in Stralsund in aller Ruhe eine Flasche Wein öffnen könnte, um mit Professor Sauer auf einen Erfolg anzustoßen: Sie hat es allen gezeigt. Vielleicht stört es Professor Sauer dabei nicht einmal, dass seine Gattin als "Miss World" bezeichnet worden ist, nicht als "Mrs." In der Jubelarie für die Kanzlerin hat man ihren Ehemann schlicht unterschlagen.


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