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Merkel auf Staatsbesuch in Neuseeland: Angela rettet Whauwhau

Die Kanzlerin bei den Kiwis in Neuseeland - Angela Merkels weiteste Auslandsreise bisher. Was bringt das? Bericht über einen ungewöhnlichen Staaatsbesuch in zehn Fragen und Antworten.

Von Jens König, Auckland

Der Höhepunkt der Reise?

Ganz klar: der Kiwi. Neuseelands Nationalvogel. Nach ihm bezeichnen sich die Einwohner des Landes als "Kiwis". Es gibt auch eine Kiwibank, die staatliche Rentenkasse heißt "Kiwisaver". Da kam Angela Merkel nicht umhin, ihren Beitrag zur Rettung dieses einzigartigen Vogels zu leisten: Auf der 165 Millionen Jahre alten Insel Motutapu, einem unbewohnten Naturschutzgebiet vor Auckland, nahm sie ein Kiwi-Küken in die Hand, streichelte es und setzte es dann in dem geschützten Lebensraum aus. Der Name des Kiwis: Whauwhau, gesprochen Foefoe.

Ist die Kanzlerin in Neuseeland etwa zur Tierfreundin geworden?

Nicht wirklich. Auf der Pressekonferenz mit Neuseelands Premierminister John Key wird sie nach ihrem Kiwi-Moment gefragt. Typische Merkel-Naturwissenschaftler-Antwort: "Ich habe mich informiert, dass der lange Schnabel des Kiwi nicht dazu führen kann, dass man gebissen wird. Der Kiwi schnappt nur, weil er Angst hat." Als sie den Kiwi streichelte, sah die Kanzlerin jedenfalls entspannter aus als vor ein paar Jahren in Russland neben Wladimir Putins riesigem Labradorhund. "Das Babyfell des Kiwi war sehr weich und sehr angenehm."

Warum muss Merkel nicht nur den Euro, sondern jetzt auch noch den Kiwi retten?

Tja, weil der Kiwi ein komischer Vogel ist. Er kann nämlich nicht fliegen. Und ist auch sonst ein empfindliches Kerlchen. Die Abgeschiedenheit Neuseelands hat ihm im Laufe seiner Evolution nicht nur gut getan. Hunde, Ratten und Marder, die mit den europäischen Einwanderern nach Neuseeland gekommen sind, bedrohen ihn in seiner Existenz. Derzeit sterben 95 Prozent der Kiwis, bevor sie die Geschlechtsreife erreichen. Deswegen gibt es das 8,7 Millionen Neuseeland-Dollar teure Kiwi-Rettungsprogramm auf der Insel Motutapu. Alle Raubtiere sind dort getötet worden, so kann der Kiwi in einer geschützten Umgebung groß gezogen werden. Merkels Whauwhau gehört übrigens zu den Streifenkiwis. Davon gibt es nur noch 600 Exemplare. So gesehen war Merkels Streichelszene ein großer Ökomoment, noch dazu billig zu haben.

Warum überhaupt Neuseeland?

Gute Frage. Die Gelegenheit war einfach günstig. Die Kanzlerin war sowieso auf dem Weg in die Ecke - zum G20-Gipfel in Brisbane, Australien. Da hat sie den Neuseeland-Besuch mitgenommen, eine Einladung dazu lag schon lange vor. Es wäre unhöflich gewesen, nicht vorbeizuschauen. 22 Stunden Flugzeit, knapp 18.000 Kilometer von Berlin nach Auckland, einmal ans andere Ende der Welt - es ist Merkels bisher weiteste Auslandsreise als Kanzlerin. Neuseeland kommt ihr entgegen: viel Natur, offen für freien Handel, konservative Haushaltsführung; auch in Neuseeland steht die schwarze Null.

Wann war das letzte Mal ein deutscher Regierungschef in Neuseeland?

1997, Helmut Kohl. Legendäre Reise. Elf Tage nahm er sich Zeit: für Hongkong, Brunei, Australien und Neuseeland samt Zwischenstopp in Kasachstan auf dem Rückflug. In Nordaustralien machte Kohl mit dem Journalistentross einen Bootsausflug zum größten Korallenriff der Welt, zum Schwimmen und Schnorcheln. Sowas würde heute als Urlaubsreise durchgehen. Und nichts hasst die Kanzlerin mehr, als den Eindruck zu erwecken, sie arbeite nicht. Einen Badeanzug hat sie nicht im Gepäck. Der dicke Kohl wurde übrigens von australischen Paparazzi am Hotelpool in Badehose abgelichtet - auch das legendär.

Also hat Merkel in Neuseeland gearbeitet?

Selbstverständlich. Elf Termine in zwölf Stunden. Schwerpunkt: Wissenschaft und Wirtschaft. Merkel ist beeindruckt, mit welchem Geschick und Tempo Neuseeland Freihandelszonen mit seinen Nachbarn errichtet. Mit Blick auf die schleppenden Verhandlungen und langen Debatten zu TTIP sagte sie: "Das sollten wir uns in Europa zu Herzen nehmen."

Maori getroffen?

Ohne Maori kein Neuseeland-Besuch. Die neuseeländischen Ureinwohner heißen die Kanzlerin mit der Powhiri, der traditionellen Begrüßungszeremonie, willkommen. Die Männer in Baströckchen und mit freiem Oberkörper, die Frauen im bunten Kleid. Die Maori grunzen, brüllen, schneiden Grimassen, recken ihre Speere und tanzen ihren berühmten Haka-Tanz, den man vom neuseeländischen Rugby-Team kennt. Den Pfeil, den einer der "Krieger" Angela Merkel vor die Füße wirft, darf sie, die Frau, nicht aufheben. Die Aufgabe übernimmt ihr Pressesprecher Steffen Seibert, mit starrem Blick, der wohl Unerschütterlichkeit demonstrieren soll, aber eher nach Furcht aussieht. Damit ist symbolisiert, dass die Deutschen in friedlicher Absicht gekommen sind. Die deutsche "Kriegerin", äh, Kanzlerin vollzieht mit den beiden Stammesältesten den Hongi-Gruß: Sie reiben ihre Nasen aneinander.

Was war mit Hobbit?

Den hat keiner gesehen, auch Merkel nicht.

Ach so, wie war das Wetter?

Angenehm. Wobei sich der neuseeländische Sommer in Grenzen hält. 17 Grad Celsius, abwechselnd Sonne und Rege, viel Wind. Neuseeland ist eben eine langgestreckte, schmale Insel.

Satz des Tages?

Von der Kanzlerin höchstpersönlich. An der Universität in Auckland wird sie nach der Rolle von Frauen in der Politik gefragt. Sie antwortet: "Frauen dürfen sich nie schlechter behandelt fühlen als Männer. Sie müssen in diesem Job auch einstecken können."