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Anti-Atomkraft-Proteste: Die Bewegung lebt

Es war wie in den 80ern. Bunt. Laut. In Berlin, Hamburg, München und Köln ist die Anti-Atomkraft-Bewegung der zweiten Generation auf die Straße gegangen - und das soll erst der Anfang sein.

Von Julius Leichsenring, Berlin

Es ist 14.15 Uhr. Zehntausende Menschen stehen hier, mitten in Berlin, auf der Straße des 17. Juni. Und plötzlich ist alles ganz still. Eine Minute lang wird der Opfer der Katastrophe in Japan gedacht. Eine Minute, dann ist er wieder da - jener Lärm, der bis ins Kanzleramt dringen soll, den sie hören sollen in der schwarz-gelben Regierung, der ihnen so in den Ohren klingeln soll, dass bald Schluss ist mit der Kernkraft in Deutschland. "Abschalten", "abschalten", skandieren sie und heben Transparente in die Höhe. "Das Lügen geht weiter", steht da. Oder: "Deutschland sucht den Super-GAU".

"Das ist schon ein guter Anfang"

Es ist ein Tag, der in die Geschichte eingehen könnte, als der Tag, an dem die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung endgültig wiederauferstanden ist. Knapp 90.000 Menschen seien allein in Berlin dem Demonstrationsaufruf gefolgt, verkündet eine Aktivistin von der Bühne herunter. Das Motto hat mobilisiert. "Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten", lautet es. Aber es ist ja nicht nur Berlin. Auch in Hamburg, München und Köln stehen die Atomkraftgegner an diesem Samstag auf der Straße. Über 210.000 Demonstranten sollen es insgesamt sein, heißt es. Die Parteipolitik will sich an diesem Tag eigentlich zurückhalten, aber, klar, einen Tag vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalzsind die Spitzen der Opposition doch gekommen. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin etwa, oder der Genosse Frank-Walter Steinmeier. "Das ist schon ein guter Anfang", ruft die Aktivistin auf der Bühne.

Fukushima mobilisiert. Alle. Die Demonstration erinnert an die bunt zusammen gewürfelten Proteste der 80er Jahre, die Anti-Akw-Bewegung der ersten Generation. Familien sind da, mit Kindern, Punks mit zerrissenen Hosen, ältere Damen, Skater, aber auch Männer mit langen Mänteln und gescheiteltem Haar. Andere tragen demonstrativ Schutzanzüge und Gasmasken oder haben sich das Zeichen für Radioaktivität ins Gesicht gemalt. Das gemeinsame Symbol der Demonstranten ist die rote Sonne auf gelben Hintergrund, eingerahmt von dem Schriftzug "Atomkraft? Nein danke". Nein! Danke! Das ist die Botschaft an die Kanzlerin. Überall lässt sich die Sonne während des Umzuges wiederfinden, der vom Potsdamer Platz vorbei am Tiergarten auf die Straße des 17.Juni führt: auf Fahnen ist die Sonne gedruckt, auf Luftballons strahlt sie, auf Rucksäcken, Laternenmasten, und ja, auch auf Springerstiefeln.

Startschuss für eine neue Akw-Bewegung

Organisiert hat die Demonstration ein breites Bündnis von Verbänden. Die Naturschützer vom BUND sind dabei, aber auch die Globalisierungskritiker von Attac. Man wollte den Startschuss für "eine neue starke Anti-AKW-Bewegung" geben, sagt Jochen Stay, Sprecher des Mitorganisators "Ausgestrahlt". Dass die Demonstration so groß wird, überrascht selbst Teilnehmer: "So ein gesellschaftliches Engagement, das hab ich ja noch nie erlebt", sagt ein Demonstrant. Er fühle sich von der Politik veralbert, erklärt ein zweifacher Familienvater seine Motivation, am Wochenende plötzlich demonstrieren zu gehen. Selbst wenn Schwarz-Gelb bei dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernkraft geblieben wäre, wäre das ehrlicher gewesen findet er. Das Moratorium, die Pause, hält auch er für Wahlkampftaktik.

"Wir brauchen kein Moratorium, wir brauchen einen geordneten Ausstieg", fordert an diesem Nachmittag DGB-Chef Michael Sommer vor dem Brandenburger Tor - und erntet stürmenden Applaus. "Wir lassen uns keine Angst machen" heizt er die Menge an. Die Lobbyisten der Deutschen Atomindustrie ließen sich nicht einmal von dem Grauen in Japan aus der Fassung bringen, schimpft der Gewerkschafter. "Wir haben genug von den Lügen, den Beschwichtigungen, den Verharmlosungen." Das Gerede von einer "Stromlücke" sei zudem reine Angstmacherei. BUND-Chef Hubert Weiger bezeichnet ein Beharren auf der Atomkraft gar als permanenten Verstoß gegen das Grundgesetz. "Mehr Hirn", fordert der Umweltschützer. Während er redet, kommen immer mehr Menschen aus dem Tiergarten vor die Bühne geströmt. Zum Abschluss spielt die Popband "Wir sind Helden". Die neue Anti-Atomkraft-Bewegung feiert sich nun selbst - laut und deutlich.