Aus stern Nr. 23/2005 Der Coup im Coup


Gerhard Schröder hat bei der Neuwahl nichts mehr zu gewinnen, er sollte seinen Weg zu Ende gehen - und Franz Müntefering die Spitzenkandidatur überlassen. Aus stern Nr. 23/2005

Die Sache ist aussichtslos, aber noch nicht zu Ende gebracht. Aussichtslos, weil selbst die schwach glimmende Rest-Hoffnung auf Personalisierung des Wahlkampfs erloschen ist. ICH oder sie - Schröder oder Merkel -, das zieht nicht mehr, das ist vorbei, bevor es begonnen hat. "Null Chance", kommentiert der Wahlforscher Manfred Güllner. Also muss, also kann die Sache zu Ende gebracht werden. Am 1. Juli, wenn die Vertrauensfrage für Rot-Grün verloren ist und die Koalition de facto beendet, an diesem 1. Juli kann Gerhard Schröder auch die Spitzenkandidatur abgeben. An Franz Müntefering, der längst nicht mehr nur Vorsitzender, sondern Führer der Sozialdemokratie ist. Er führt sie in eine große Koalition, wenn er Glück hat, viel wahrscheinlicher aber in die Dürre langer Jahre der Opposition. Schröder indes ist nur noch hinderlich für seine Partei. Die Übergabe an Müntefering ist ein Gebot der Vernunft.

Und Schröder weiß das. Denn der P-Faktor - persönliche Eigenschaften, Ausstrahlung, Humor, kurz: alles, was das Bild des Kanzlers im Volk ausmacht - zählt nicht mehr. Nicht einmal mehr in seinem Fall. Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein lag Heide Simonis im persönlichen Vergleich mit 58 zu 25 Prozent demoskopische Lichtjahre vor Peter Harry Carstensen, bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen Peer Steinbrück mit 47 zu 29 Punkten vor Jürgen Rüttgers. Nun regieren Carstensen und Rüttgers. Denn die Deutschen wählen den Wechsel, nicht den Kumpel. Weil sie Interesse daran haben, ökonomisch und sozial, weil sie Hoffnung suchen und Vertrauen investieren wollen. Die einen können's einfach nicht, die anderen vielleicht.

Und dieses vagabundierende Vertrauen lädt Angela Merkel auf. Mit Sympathien und Hoffnungen. Ähnlich wie damals, als sie nach Kohls Spendenskandal die am Boden liegende CDU übernahm und in ihrer Partei zu "Angie", Kandidatin der Herzen, wurde. Damals übernahm sie eine verzweifelte Partei, diesmal ein verzweifelndes Land. Die noch immer unbekannte, unbeschriebene Frau, die Frau mit den zwei Gesichtern - einem verhärmten, verdrießlichen, verspotteten und einem charmanten, lächelnden, linkisch verschmitzten - wird zur Projektionsfläche für die Emotionen des Volkes. Ihre vermeintliche Schwäche - Frau, und auch noch aus dem Osten! - wandelt sich zur Stärke eines Neubeginns. Die strahlende Kandidatin, die das erste Gesicht abgestreift hat wie eine Maske, ist nicht nur mit eigener Kraft aufgeladen, sie reflektiert kollektive Energie. Dieser Vertrauensvorschuss ist ihr wahrer, ihr einziger Schatz, den sie eisern zu hüten hat vor den Zockern am Spieltisch der Opposition. Schröder aber muss verblüfft erkennen, dass er selbst im Sympathie-Wettstreit verliert. Der P-Faktor stärkt ihn nicht, er setzt ihn vollends matt. Analysiert der Kanzler seine Lage mit kühler Logik, muss er erkennen: Wachstum hat er nicht in Gang gesetzt, Jobs nicht geschaffen, Hartz IV, wofür er alles riskiert hat, wird zur reformerischen Katastrophe. Und jedermann weiß, tagtäglich wird es geschrieben, gesendet und am Stammtisch besprochen: Er ist verloren, er ist weg. Seine Partei hat sich ihm einst nur deshalb an den Hals geworfen und zähneknirschend ertragen, weil er, er ganz persönlich, Wahlen gewinnen konnte. Nun kann er nicht mehr. Nun will ihn auch die SPD nicht mehr. Sie will zurück auf sicheres Terrain, das Franz Müntefering mit seiner Kapitalismus-Kritik abgesteckt hat.

Schröder und Müntefering miteinander im Wahlkampf, das hieße Spagat: für Hartz IV, für niedrigere Unternehmensteuern - und doch auch dagegen, verschwiemelt, aber nicht zu übertünchen. Und damit: Verworrenheit, Unglaubwürdigkeit, Entmutigung der SPD. Und Ermutigung Oskar Lafontaines. Müntefering allein im Wahlkampf, das hieße Klarheit: Zuspitzung nach links, Mobilisierung der Partei, Entmutigung Lafontaines. Warum ein Linksbündnis wählen, wenn die SPD selbst nach links geht? Und: Die einzige Machtoption, die die SPD noch hat - große Koalition -, ist Münteferings Perspektive. Warum also noch Schröder wählen und nicht gleich Müntefering? Schröders Verzicht hieße mithin Stärkung, nicht Schwächung seiner Partei.

Und am Ende, im historischen Rückblick, ließe sich daraus sogar noch die Story fürs Geschichtsbuch schreiben. Die Legende einer weitsichtig, in Etappen vollzogenen Machtübergabe, Kapitel für Kapitel an der Realität überprüft und mutig inszeniert: zuerst der Parteivorsitz, dann die politische Führung durch Antikapitalismus, schließlich die Spitzenkandidatur bei der Neuwahl. Der Coup im Coup. Landete Müntefering in einer großen Koalition, geschähe Schröder auch noch - Ironie der Geschichte - Genugtuung: Die SPD könnte nicht mit ihm abrechnen, sie wäre - an der Seite der Union - zur Fortsetzung, ja Verschärfung seiner Reformen gezwungen. Es wäre der Clou nach dem Coup im Coup.

Hans-Ulrich Jörges print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker