HOME

Berichte über Seehofers Privatleben: Die "Bild"-Zeitung legt nach

In der CSU-Spitze tobt ein Machtkampf, in dem auch die "Bild"-Zeitung kräftig mitmischt. Sie berichtete am Montag über eine angebliche Geliebte Horst Seehofers, eines möglichen Stoiber-Nachfolgers. Nun soll Seehofers angebliche Geliebte auch noch ein Kind von dem Minister erwarten.

Von Florian Güßgen

Wenn's hart auf hart kommt in der Politik, dann wird das Private schon mal öffentlich: als Währung im Machtkampf, als Druckmittel. So offenbar geschehen bei dem Versuch von Edmund Stoibers einstigem Büroleiter, mehr über das Privatleben der Fürther Landrätin und Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli zu erfahren. In der CSU-Krise ist nun neu, dass die "Bild"-Zeitung das Privatleben eines Politikers öffentlich macht, der im Personalgerangel der CSU eine entscheidende Rolle spielt: Das Privatleben Horst Seehofers. Am Montag veröffentlichte die Zeitung einen Bericht über eine angebliche Geliebte des Verbraucherschutzministers, CSU-Vizes und inoffiziellen Kandidaten für die Stoiber-Nachfolge im Amt des CSU-Chefs, vielleicht sogar des Ministerpräsidenten. Die "Bild"-Zeitung berief sich auf "Tuscheleien" innerhalb der CSU über den Familienvater. Am Dienstag hat die Zeitung nun nachgelegt: Angeblich soll Seehofers Geliebte ein Kind von ihm erwarten, berichtete die "Bild" in großen Lettern auf Seite eins. Sie sei im vierten Monat schwanger, heißt es. Dazu druckte die Zeitung auf der zweiten Seite drei Bilder Seehofers. Eins davon zeigt ihn ihn mit seiner Ehefrau, eines am Frühstückstisch in seiner Heimat Ingolstadt.

Berichte über Privatleben sind an sich tabu

Mit ihren Berichten über Seehofer gerät die "Bild"-Zeitung mit einem ungeschriebenen Gesetz der deutschen Presse in Konflikt. Dieses besagt, dass über das Privatleben von Politikern nicht berichtet wird - zumindest nicht ohne deren Einverständnis. Die Gerüchte und harten Recherchen, wer jetzt genau mit wem pennt, mögen zur privaten Belustigung der Journalisten beitragen, veröffentlicht werden sie gemeinhin nicht, zumal wenn man Gefahr läuft, sich politisch instrumentalisieren zu lassen. Genau das droht jedoch in der Causa Seehofer. Der Minister gilt als Anwärter für den CSU-Vorsitz ebenso wie für den Posten des bayerischen Ministerpräsidenten. Die Veröffentlichungen können ihm politisch enorm schaden, anderen, etwa dem wankenden Ämterinhaber Edmund Stoiber, der gerade in Wildbad Kreuth bei der Klausur der Landtagsfraktion gegen eine Ablösung kämpft, könnten sie nutzen. Für eine mögliche Stoiber-Nachfolge im Amt des CSU-Parteivorsitzenden gibt es außer Seehofer eigentlich keinen starken Kandidaten. Und bei Teilen der CSU dürfte Seehofer schon nach diesen Berichten definitiv unten durch sein.

"Bild" rechtfertigt Berichte

Noch ist völlig offen, wer der "Bild"-Zeitung die Informationen gesteckt hat - oder sogar auf ihre Veröffentlichung gedrungen hat. Mit seiner Berichterstattung läuft das Medium dennoch Gefahr, sich zum Büttel einer Gruppe innerhalb der CSU zu machen - auch wenn die "Bild"-Redaktion die Behauptung am Montag als "blanken Unsinn" bezeichnete, dass die Informationen gezielt von der bayerischen Staatskanzlei gestreut worden seien. In einem Kommentar rechtfertigte das Blatt am Dienstag die Berichte über Seehofers Privatleben mit dem Hinweis darauf, dass Seehofer sein angeblich heiles Familienleben selbst offensiv politisch vermarktet habe. "Horst Seehofer hat sein häusliches Idyll immer vorgezeigt: das Hochglanzbild von der heilen Familie als Wahlkamfschlager für bayerische Wähler", schreibt Kommentator Nicolaus Fest. "Nun ist er als Chef der CSU im Gespräch - also der Partei, für die laut Grundsatzprogramm 'Ehe und Familie im Mittelpunkt stehen." Demzufolge hat Seehofer sein Privatleben selbst zu Politik gemacht - es also in den öffentlichen Raum gehoben. Daraus folgert Fest, dass es auch zum Gegenstand öffentlicher Berichterstattung werden dürfe: "Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen", schreibt Fest.

"Ich verurteile das aufs Schärfste"

Die CSU-Führung, inklusive Edmund Stoiber, ist da demonstrativ anderer Ansicht. Sie empörte sich bereits am Montag bei der Klausur der Landtagsfraktion in Kreuth über die Veröffentlichungen über das Privatleben Seehofers. Auch in Berlin war sie quer durch alle Parteien einhellig verurteilt worden. Der Fraktionschef der SPD im bayerischen Landtag, Franz Maget, hatte den Bericht mit dem Fall Theo Waigel verglichen. 1993, als Waigel und Stoiber um die Nachfolge des bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl rangen, wurde an die Presse durchgestochen, dass der verheiratete Waigel ein Verhältnis mit der Skirennläuferin Irene Epple unterhielt, die er später heiratete. Am Dienstag prasselte erneut Kritik auf die "Bild"-Zeitung ein: Es sei "ein unglaublicher Vorgang, hier private Dinge in die Politik hinein zu tragen", sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger laut Nachrichtenagentur AP dem Deutschlandradio Kultur. "Ich verurteile das aufs Schärfste." Fraktionschef Joachim Herrmann sagte am Dienstag, er hoffe, dass niemand aus der Partei an der Indiskretion gegenüber Seehofer beteiligt sei. Es sei aber sicher kein Zufall, dass der Bericht genau zum Beginn der Klausur in Wildbad Kreuth veröffentlicht worden sei. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein stellte sich vor Seehofer. Das Privatleben Seehofers spiele für seine politische Zukunft keine Rolle, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Vor 50 Jahren seien außereheliche Affären vielleicht ein Stein des Anstoßes gewesen, heute jedoch nicht mehr. "Nur derjenige, der nie Fehler macht, darf Steine werfen."

Seehofer sagt Termine ab

Laut AP sagte Seehofer am Dienstag alle seine Termine in Berlin ab. Bei der Kabinettssitzung am Vormittag ließ er sich von seinem Staatssekretär Gerd Müller vertreten. "Der Minister hat eine Reihe von Gesprächen zur Entwicklung in Bayern zu führen", sagte ein Sprecher seines Hauses. "Das ist für ihn wichtiger im Moment." Zurzeit wolle er "keine öffentlichkeitswirksamen Termine" wahrnehmen, hieß es.