VG-Wort Pixel

Berlin vertraulich! "Lieber Herr Kotz ..."


Versprecher lockern das bierernste politische Geschäft auf. Kanzlerin Merkel hat einige Bonmots geliefert, nun legte CSU-Chef Seehofer nach - er verhaspelte sich saukomisch bei einer Millionenzahl.
Von Hans Peter Schütz

Dass bei Politikern zuweilen Kopf und Lippen nicht harmonieren, macht den Ernst dieses Gewerbe erträglicher. Etwa als Angela Merkel in der jüngsten Regierungserklärung zum Thema Europa sagte, sie sei "erst seit 1919 [...] Bürgerin eines freien und friedlichen Europas" und dann der Zuruf ertönt: "Dafür sehen Sie aber noch ziemlich jung aus." Die Kanzlerin ist halt nicht schlecht als Versprecherin. Mitunter könnte ihr auch schon die innere Überzeugung rausgerutscht sein. Zum Beispiel als sie zu Roland Koch sagte: "Lieber Herr Kotz...ähm...Koch!" Oder als sie befand, dass das "Risiko für einen älteren Arbeitnehmer wieder eine Arbeit zu bekommen, größer ist...". Aber das sind alles nur Peanuts im Vergleich zum bayerischen Ministerpräsidenten: Horst Seehofer hatte eindeutig das größte Sprechproblem des Jahres.

Er hält sich ja eine Menge auf das bayerische Schulsystem zugute, aus seiner Sicht bekanntlich besser als in jedem anderen Bundesland. Falls das so sein sollte, scheint er aber im Rechenunterricht nicht sehr gut aufgepasst zu haben. Jedenfalls scheiterte er jetzt im Bayerischen Rundfunk grandios dabei, die Zahl 3.014.237 vorzulesen. Statt Dreimillionenvierzehntausendzweihundertsiebenunddreißig sagt er: "Drei Punkt null eins vier Punkt zwei drei sieben - das könnten drei Millionen hundertvierzig..." Und gibt auf. Der Zahlensalat amüsiert das Internet-Publikum. Doch Seehofer findet, wie so oft in seiner Politik, die Finessen meidend, einen Ausweg und sagt abschließend: "Das sind gute drei Millionen." Richtig, Herr Seehofer. Sie werden gerade noch mal versetzt. Aber bei der Bayerischen Landesbank sollten sie sich künftig nicht mehr einmischen wollen. Wer schon bei Millionen scheitert - wie soll er erst mit Milliarden zurechtkommen?

*

Selten zuvor ist eine politische Behauptung schneller widerlegt worden, wie der kühne Satz von Birgit Homburger, es gebe in der FDP zumindest in höheren Rängen kein Gezerre über die Ablösung von Parteichef Westerwelle. "Ich kenne diese Diskussion nicht", erklärte sie vor drei Wochen stern.de. Doch diese Woche beriet die FDP-Führung intensiv über die Frage: Wann lösen wir ihn ab? Soll er bereits zum bevorstehenden Dreikönigstreffen bereits seinen Rücktritt erklären? Alles "Nörgler und Selbstdarsteller", schimpfte die gleichfalls umstrittene FDP-Fraktionschefin. Zu diesem Satz kursiert jetzt in der Berliner Szene ein Spruch des Westerwelle-Chefkritikers Wolfgang Kubicki: "Es wird...behauptet, ich sei profilierungssüchtig, ein ständiger Nörgler und was sonst noch. Es ist nur gut, dass Frau Homburger das alles nicht ist. Deswegen geht es der FDP ja auch so gut, wie die aktuellen Umfragen es ausweisen." Genau so ist es: Tolle fünf Prozent in Baden-Württemberg.

Dazu passt, wie der baden-württembergische FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Tomcar sich in die Weihnachtszeit verabschiedet hat. "Die Zeit um Neujahr herum gibt Gelegenheit, Pläne zu schmieden und lange Aufgeschobenes nachzuholen." Westerwelles Sturz? Das bleibt offen. Das Zitat, das er über seine Weihnachtswünsche gestellt hat, legt den Gedanken zumindest nahe. Es heißt: "Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht."

*

Unter Berliner Journalisten ist eines unbestritten: Die Berliner Botschaft des Landes Baden-Württemberg ist die gastfreundlichste. Hausherr Professor Wolfgang Reinhart, Minister für Bundesangelegenheiten, vereint perfekt die Rollen des Gastgebers und Politikers. Vor der letzten Sitzung des Bundesrats in diesem Jahr informierte er die Medien nicht nur über die anstehenden Themen, er speiste sie auch kunstgerecht ab: mit gebratener Ente, Rotkraut und Knödel. Als Weihnachtsgeschenk gab es obendrauf für jeden Mitesser eine Flasche Roten aus dem Keller des Staatsweinguts Weinsberg. Und weil das württembergisch ist, fügte Reinhart hinzu: "Aber von der badischen Sonne verwöhnt."

Dann wurde es doch noch politisch. Er wünsche sich, sagte Reinhart, "die Gespräche nächstes Jahr fortsetzen zu können." Da steckte ein leicht schräger Ton drin. Glaubt er etwa, seinen Job zu verlieren, weil die CDU im Ländle bei den Wahlen abschmieren könnte, fragte stern.de. Reinhart korrigierte sofort. Von den 70 Wahlkreisen werde die CDU deutlich über 60 gewinnen. "Mappus bleibt Regierungschef!" Interessant Reinharts Nachsatz: "Alles andere ist offen."

*

Der Bart ist ab bei Ernst Burgbacher, FDP-Abgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Nicht der politische, sondern sein jahrelang mannhaft ausgeprägter Schnurrbart. In FDP-Kreisen kursiert die spöttische Bemerkung, Burgbacher wolle nicht mehr länger als jener Politiker erkannt werden, der für die Hoteliers das Milliarden-Steuergeschenk in der schwarz-gelben Koalition durchgesetzt hat. Dem widerspricht er persönlich energisch. Er halte weiterhin - auch ohne seine haarige Manneszierde - daran fest, dass diese Geschenkaktion aus wirtschaftlicher Sicht dringend geboten gewesen sei. Das einzige Problem: In den Zeitungsredaktionen gibt es so gut wie keine Fotos von Oben-Ohne- Burgbacher. Auch so kann man aus dem politischen Geschäft ausgeblendet werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker