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Berlin vertraulich!: Bettinas Abgang und Doros Stolz

Niemand hat Bettina Wulff zum Rücktritt aufgefordert. Trotzdem ist sie - leider, leider - mit Christian zurück nach Großburgwedel gefahren. Nun ist das Schloss frei für Doro Bärs Liebling.

Von Hans Peter Schütz

Der Große Saal im Schloss Bellevue war am Freitagvormittag schon 20 Minuten vor Christian Wulffs Pressekonferenz gerammelt voll. Dicht an dicht drängelten sich Journalisten, Fotografen und Kameraleute auf der Tribüne vor dem leeren Stehpult. Zeit, um einander die Wartezeit mit ein paar phantasiereichen Ideen zu überbrücken. Zum Beispiel dieser: Wie wäre es, sagte einer. wenn nicht Wulff reden würde, sondern seine Frau Bettina, der selbst die "Bild" immer noch zu Füßen liegt? "Meine Damen und Herren", könne sie sagen, "ich musste leider meinen Mann des Amtes entlassen. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Ich werde das Amt der Bundespräsidenten weiterhin würdevoll bekleiden. Der Christian hat ja auch viel mit den Kindern zu tun." Das wäre mal eine schöne Aussicht gewesen.

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Kaum war dann Wulff abgetreten, bejubelte Dorothee Bär, einzige Webfrau der CSU, auf Twitter die neue Situation - weil ihr Parteichef übergangsweise die Geschäfte auf Bellevue führt. "Horst #Seehofer ist Staatsoberhaupt!", zwischerte sie stolz. Doch schon kurz darauf besann sie sich eines Besseren: "Die Zeit ist reif für eine Frau! Überreif!" Lasse Becker, Chef der Jungen Liberalen, der gerne eine große Lippe riskiert, konnte wohl mit beiden Tweets nichts anfangen. Sein Twitter-Kommentar: "#Wulff Rücktritt war richtig, um weiteren Schaden vom Amt abzuwenden. Auch wenn #Seehofer als temporärer Bundespräsident etwas gruselig is."

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Bundespräsident muss man sein, dann fallen Gartenfeste leicht. Wie der amtliche Sponseringbericht belegt, spenden deutsche Unternehmer für diese Sause besonders großzügig. Für die Sommerfeste 2009 und 2010 des Präsidenten Wulff flossen insgesamt 3.022.914 Euro in die Kasse des Präsidialamts. Die großzügigste Spende fürs Sommerfest kam von der AOK Berlin, der die Fete 90.000 Euro wert war. Die Daimler AG und die Deutsche Post AG ließen jeweils 70.000 Euro springen. Die Zwiesel Kristallglas AG spendierte Gläser im Wert von 7150 Euro. Die Sektkellerei Rotkäppchen-Mumm legte Getränke im Wert von 21.574 Euro obendrauf. Na denn: Prost, Herr Ex-Präsident! Die schönen Zeiten sind vorbei!

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Wird die Berliner Vertretung des Landes Baden-Württemberg ein Auffanglager für andernorts vertriebene Politiker? Etwa für Volker Ratzmann, den die Berliner Grünen nach der Berlin-Wahl im September trotz des Rekordergebnisses der Grünen von 17,6 Prozent als Fraktionsvorsitzenden wegquengelten? Das Land Baden-Württemberg, genauer: Ministerpräsident Kretschmann (Grüne), hat ihn auf die Position eines Referatsleiters in der Landesvertretung berufen, wo er Europapolitik und Bundespolitik der grün-roten Landesregierung in Berlin koordinieren soll. Ist das eine kleine "Degradierung" von Bundesratsminister Peter Friedrich (SPD), der bislang dafür zuständig war? Friedrich sieht das locker: "Ich bin froh, dass er kommt." Denn mehr Arbeit kommt auf jeden Fall auf die Landesvertretung zu. Kretschmann rückt im Herbst zum Bundesratspräsidenten auf und etwas später auch zum Chef der Ministerpräsidentenkonferenz. Die profilträchtigen Tätigkeiten will Kretschmann nicht allein der SPD überlassen. Ratzmann selbst beschreibt seinen Job mit dem Satz: "Ich will Ministerpräsident Kretschmann bei seiner bundespolitischen Arbeit, die zunimmt, unterstützen." Dass er zur grünen Bundestagsfraktion engere Kontakte hat als Friedrich, liegt auf der Hand. Mit der Ländle-Politik ist er über seine Ehefrau, die grüne Freiburger Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae, mit der er zwei Kinder hat, verbunden. Schwäbisch versteht er also auch. Der neue Job ermöglicht es der Familie, weiterhin in Berlin zusammen zu wohnen. Der politische Einfluss der grünen Familie Andreae/Ratzmann wächst ohnehin. Denn Kerstin Andreae wird im Vorstand der grünen Fraktion im Bundestag Nachfolgerin von Fritz Kuhn, der im Herbst gerne Oberbürgermeister von Stuttgart werden möchte.

Billig ist der Ratzmann-Posten nicht. Zwar lehnt die Landesvertretung es aus "Gründen des Persönlichkeitsschutzes ab," sein künftiges Gehalt zu nennen. Es liegt aber, sicherem Vernehmen nach, bei 6700 Euro brutto pro Mpnat. Ein "Geschäftle" ist das für Ratzmann gleichwohl nicht. Zwar hat er als grüner Fraktionschef in Berlin im Monat "nur" 4750 Euro bekommen (Diäten und Funktionszulage), aber er konnte weiter nebenher als Rechtsanwalt arbeiten. Das ist in seiner neuen Position nicht mehr möglich.

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Welche Schwäche bringt der Unternehmer Sebastian Turner mit, der gegen den Grünen Fritz Kuhn antritt, um für die CDU den Posten des Stuttgarter Oberbürgermeisters zu erobern? Der ehemalige Stuttgarter CDU-Politiker Gerhard Mayer-Vorfelder soll es "Unfug" genannt haben, dass ein Parteiloser wie Turner für die CDU ins Rennen geht. Turner selbst nimmt das harsche Urteil locker. Gegenüber stern.de räumte er eine ganz andere Schwäche ein: "Wenn Mayer-Vorfelder herausbekommt, dass ich als Jugendspieler bei den Stuttgarter Kickers gespielt habe, und nicht beim VfB, dann kann sich die Lage noch einmal verschärfen." Das muss man ernst nehmen, denn Mayer-Vorfelder war lange Zeit VfB-Präsident.

  • Hans Peter Schütz