Berlin vertraulich! Der einsame Trauer-Glos


Wirtschaftspolitik ist zur Chefsache geworden und Bundeswirtschaftsminister Glos agiert nur noch im Hintergrund. Nicht nur die CSU ist von ihrem Mann auf dem Stuhl des Wirtschaftsministers enttäuscht, auch die Kanzlerin hat kein nettes Wort für ihn übrig. Ganz fair allerdings ist der Mangel an Wertschätzung nicht.
Von Hans Peter Schütz

Wirtschaftspolitik ist Sache der Chefin. Der Autobauer Opel hat Probleme? Angela Merkel lädt die Autobosse ins Kanzleramt. SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier bittet die Autoindustrie ebenfalls zum Krisengespräch ins Auswärtige Amt. Nur vom CSU-Bundeswirtschaftsminister ist nichts zu hören.

Michael Glos mosert nur im Hintergrund. Rettungspakete für die Autobauer halte er für falsch. Das hat der stellvertretende CSU-Vorsitzende Peter Ramsauer schon viel griffiger gesagt: "Die Opelianer haben ´nen Knall." Sein Parteifreund Glos muss derweil Schlagzeilen verdauen wie: "Der Trauer-Glos." Vor der CSU-Führung hat er sich jetzt bitter beklagt. Angela Merkel unterstütze ihn nicht, stehe aber stramm hinter dem angeschlagenen SPD-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Was Nettes von ihr über Glos ist nicht bekannt. Und natürlich ärgert es viele in der CSU, dass vom ersten CSU-Mann auf dem Stuhl des Wirtschaftsministers beim Kampf gegen die Finanzkrise von einer "Schlaftablette auf zwei Beinen" die Rede ist oder wie er beim Thema Konjunkturankurbelung so wenig von sich hören lässt.

Ganz fair allerdings ist der Mangel an Wertschätzung nicht. Schuld an Zuschnitt und Besetzung des Ressorts ist nämlich der CSU-Ex-Vorsitzende Edmund Stoiber. Der hat es sich nach eigenen Wünschen strukturell zusammen geschustert, denn er wollte mit segnender Hand und Subventionen verstreuend von Berlin aus vor allem in Bayern technologiefördernd aktiv sein. Nach seiner Flucht aus Angela Merkels Nähe zwang er zusammen mit der CSU-Landesgruppe Glos auf den Posten, den dieser nie im Leben angestrebt hat. Eher war das Gegenteil der Fall, denn einmal hat der spottlustige Politiker über sich selbst gelästert. Er wünsche dem Land, es möge ihm niemals so schlecht gehen, dass es ihn auf einem Ministerposten brauche. Beim Amtsantritt, zu dem er sich von der Kanzlerin überreden ließ, wusste er nicht einmal, wo genau in Berlin das Wirtschaftsministerium ist. Bei der Personalauswahl hatte er zudem keine freie Hand. Gerne hätte er beim Amtsantritt sofort Walther Otremba zum Staatssekretär gemacht. Doch Stoiber mischte sich von hinten ein. Der nicht, bestimmte er, denn Otremba habe ja einst mit seinem innerparteilichen Intimfeind Theo Waigel eng zusammen gearbeitet. Zwei Jahre musste Glos warten, bis er Otremba holen durfte. Hinzu kommt, dass er keinen eigenen Ehrgeiz mehr hat. Wenn er nach 2009 Bundestagsvizepräsident werden könnte, wäre er glücklich. Weshalb tust du dir das an, hat ihn seine Frau schon gefragt, nachdem er ihr gestanden hatte, dass sogar er selbst seine Berufung für einen Fehler hält. Ganz einfach. Weil ihn Merkel vor ein paar Monaten ins Kanzleramt zum Kaffee eingeladen hat und ihm dabei sagte: "Du stehst das durch, denn ich stehe hinter dir." In Sachen Wirtschaftspolitik allerdings auch weit vor ihm.

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Eine parlamentarische CSU-Rekordhalterin konnte jetzt CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer präsentieren: Die Parteifreundin Dorothee Bär. Erster Rekord: Vier Vornamen trägt die kurz "Doro" gerufene CSU-Bundestagsabgeordnete - Dorothee, Gisela, Renate, Maria. Zweiter Rekord: Auf dem jüngsten Deutschlandtag der Jungen Union (JU) wurde sie mit dem besten Ergebnis von 85,1 Prozent zu einer der vier stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, nur JU-Chef Philipp Missfelder war besser. Dritter Rekord: In jüngeren Jahren als sie - mit 24 - kam noch kein CSU-Politiker in den Bundestag, denn dort sitzt sie seit 2002. Sie sei, sagt Ramsauer, der beste Beweise für die nachhaltige CSU-Personalpolitik. Denn jetzt wurde die Unterfränkin zur Obfrau im Auswärtigen Ausschuss gewählt, folgt damit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, der auf den Posten des CSU-Generalsekretärs musste. Als Bär vor Journalisten als damit "oberster Außenpolitiker der CSU" vorgestellt wurde, griff der Landesgruppenchef allerdings blitzschnell ein: "Oberste Außenpolitikerin!" Als Chef-Außenpolitiker fühlt er sich selbst, und das will er auch bleiben. Reist daher jetzt nach Moskau und von dort nach Tomsk hinterm Ural.

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Bayerische Sprachkunde erteilt der glänzend bayerisch und englisch parlierende Ramsauer gerne den Berliner Journalisten. So sagte er über den neuen hessischen SPD-Spitzenkandidaten: "Wo Schäfer-Gümbel draufsteht, ist natürlich Ypsilanti drin." Das sei wie beim "Schachterldeifi." Weil sein Publikum verständnislos guckte, übersetzte Ramsauer auf hochdeutsch: "Das ist ein Schächtelchenteufel. Oder ein Dämon in der Streichholzschachtel."

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"Er ist ausgescheert", freuen sich viele in der SPD, weil der SPD-Bundestagsabgeordnete und Andrea-Ypsilanti-Vertraute Hermann Scheer sich aus der hessischen Szene abgesetzt hat. Das bissige Wortspielchen wird ihn allerdings wenig scheren. Er antwortet auf solche Angriffe gerne mit einem Satz, den zuweilen auch sein Konkurrent im Wahlkreis Waiblingen, der CDU-Abgeordnete Joachim Pfeiffer, zu hören bekommt: "Was kümmert´s den Adler, wenn die Krähe krächzt." Was uns zeigt: An Selbstbewusstsein fehlt es dem "Sonnenkönig" der SPD nicht.

Hans Peter Schütz


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