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Berlin vertraulich!: Mutter Müllers schweres Herz

Das Kanzleramt Angela Merkels gilt als kinderfreundlich. Dass es auch für die jungen Mütter in Merkels Nähe zuweilen unmöglich ist, Familie und Spitzenpolitik unter einen Hut zu bringen, zeigt der Fall der Staatsministerin Hildegard Müller. Sie wird nun wohl gehen - allerdings winkt ihr ein lukrativer Job.

Von Hans Peter Schütz

Unlängst berichtete die "Financial Times Deutschland" unter der Überschrift "Kreißsaal Kanzleramt", dass seit dem Amtsantritt von Angela Merkel in der Regierungszentrale schon 49 Babys geboren worden sind. Mehr als doppelt so viele wie zu Regierungszeiten von Gerhard Schröder (nur 19 von 2002 bis 2005). Doch die Gebärfreude bringt durchaus für manche Mütter auch Probleme mit sich: Nur einige Wochen ist es her, da schwärmte Staatsministerin Hildegard Müller (CDU) noch: "Deutschland wandelt sich zu einem kinderfreundlicheren Land, und im Kanzleramt leben wir das vor." Schön sei es, ihre kleine Tochter wenigstens jeden Tag einmal "wach zu sehen". Doch Mutter werden im Kanzleramt kann auch sehr problematisch werden, wie sich bei eben jener Müller jetzt zeigt.

Denn lange wird sie wohl nicht mehr im Kanzleramt bleiben, so schwer sie sich mit einem Abschied auch tut. Zu 90 Prozent sei es sicher, so eine enge Freundin, dass Müller demnächst aus ihrem Job aussteigt. Angeboten worden ist ihr der Posten der Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Etwa 180.000 Euro verdient sie zurzeit als CDU-Abgeordnete und als langjährige Vertraute von Kanzlerin Merkel. Beim BDEW wird ihr Gehalt aufs Doppelte geschätzt, mindestens.

Aber nicht deswegen steigt sie vermutlich um und gibt ihr Bundestagsmandat auf. Es sind private Gründe: Ihr Mann, ein Anwalt, mit dem sie das Kind hat, muss aus familiären Gründen in Heidelberg leben. Sie arbeitet im Kanzleramt in Berlin - was mindestens eine 60-Stunden-Woche bedeutet. Und zugleich ist sie CDU-Bundestagsabgeordnete in ihrem Düsseldorfer Wahlkreis, wo sie 2005 direkt gewählt worden ist. Dann sitzt sie auch noch im NRW-Landesvorstand der CDU, was gerade für sie kein Honigschlecken ist, denn die Regierung Rüttgers ist bekannt dafür, gerne Politik gegen die Politik Merkels zu machen. Mutter, Politikerin, Ehefrau: Auf Dauer ist das nicht zu schaffen, auch nicht im Kanzleramt. Ein Zerwürfnis mit der Kanzlerin gibt es nicht. Die würde Hildegard Müller sehr gerne behalten, aber es lässt sich für sie unter diesen Verhältnissen einfach nicht vernünftig leben. Als Nachfolger im Kanzleramt wird derzeit Norbert Röttgen gehandelt, den Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion.

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Viele haben Bundeswirtschaftsminister Michael Glos bewundert, weil er sich als erster Bundesminister nach Bagdad getraut hat, wo der Großteil der Stadt als rote Gefahrenzone markiert ist, in der es jederzeit zu Anschlägen kommen kann. Aber rote Gefahrenzonen schrecken ihn nicht, wie er scherzte, als ihm vor Ort von der GSG 9 eine Splitterschutzweste angezogen und ein Stahlhelm aufgestülpt wurde. Bei 45 Grad im Schatten kein Spaß. Aber Glos gab sich gelassen. Schließlich bewege er sich schon drei Jahre in der roten Gefahrenzone einer Großen Koalition und so, wie in Bagdad ausgestattet, würde er sich sogar in die SPD-Fraktion im Bundestag getrauen.

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Ein gewaltiger medialer Erfolg war der Eröffnung der Ausstellung über das Leben von Franz Josef Strauß in der bayerischen Landesvertretung in Berlin beschieden. Wann hat ein so seriöses Blatt wie die Frankfurter Allgemeine jemals über eine politische Ausstellung so groß auf der ersten Seite berichtet? Auch die Kanzlerin hat angekündigt, dass sie demnächst die Strauß-Gedenkstätte besuchen wird. Schließlich hat sie FJS auf dem CSU-Parteitag am Wochenende als den Mann gewürdigt, "ohne den ich heute nicht hier stehen würde". Und sie sagte: "Er war ein Mann, ohne den die Mauer nicht gefallen wäre."

Das ist ein zeitgeschichtlich fragwürdiges Kompliment, denn Strauß hat zwar viele Menschen aus der DDR freigekauft, aber das System dort auch mit einem Milliarden-Kredit stabilisiert. Man darf bei solcher Würdigung im 20. Jahr nach seinem Tod halt nicht allzu rigide Tatsachen servieren, die keine sind. Dass auf der Ausstellung ihr Vater mit Kochschürze abgebildet wird, hat beispielsweise Strauß' Tochter Monika sehr amüsiert. Auf die Frage nach seiner Küchenkompetenz antwortete sie lächelnd: "Da hat ma aufpassn müassn, dass eahm´s Wasser net anbrennt."

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Politische Sommerpause im Berliner Regierungsviertel. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, auch wegen seiner Verdienste um die Marktöffnung für die Solarenergie "Sonnenkönig" genannt, sitzt dennoch jeden Morgen im Polit-Café "Einstein" zum Frühstück, ehe er in sein Bundeshaus-Büro eilt. Weshalb kein Urlaub? Scheer: "Urlaub ist mir viel zu langweilig." Gegenbemerkung: "Aber die SPD-Politik ist nun diesen Sommer doch überhaupt auch nicht unterhaltsam." Scheer, der gerne eine rot-rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl hätte: "Eben drum bin ich hier."

  • Hans Peter Schütz