Bundespräsidentschaftskandidatur Wie Gesine Schwan die Linken bezirzt


Offiziell gibt es keine Entscheidung, inoffiziell hat sich die SPD geeinigt, dass Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren soll. Will sie gewählt werden, braucht sie die Stimmen der Linkspartei – bei der sie just live auftrat und vor dem Kapitalismus warnte. Ein Ortstermin.
Von Lutz Kinkel, Frankfurt (Oder)

Es hilft nichts. Das Drücken und Drängen, das Locken und Fragen. Gesine Schwan sagt, man müsse es halten wie bei der Kindeserziehung und konsequent sein. Also nichts sagen. Ob ihr zumindest der Medienauflauf schmeichele? "Ich liebe Schmeicheleien", sagt sie und lacht fröhlich. "Deswegen verlängere ich diesen Zustand." Es mag also noch dauern, bevor sie öffentlich erklärt, ob sie als SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten antritt.

Den ganzen Tag schon purzelten die Tickermeldungen herein, die anderes nahelegten. Angeblich hat sich Schwan intern bereits für eine Kandidatur entschieden, angeblich steht die SPD-Spitze hinter ihr. "Schwan gegen Köhler. Das Duell um Bellevue", so soll das Stück im Mai kommenden Jahres heißen. Weil das nicht unwahrscheinlich ist, sind sie alle gekommen: ARD, ZDF, RTL, die Tagespresse und viele mehr. Zu einem Diskussionsabend der Linkspartei mit Lothar Bisky, Roland Claus und der Sozialdemokratin Gesine Schwan. Im Theaterkeller "Oderhähne" am Rathaus von Frankfurt/Oder, nur einen Steinwurf weit entfernt von der Viadrina-Universität, die sie leitet.

Unter dem Logo der Linken

Das Bild, das sich im Theaterkeller bietet, ist nicht ohne Pikanterie. Schwan nimmt unter einem großen, roten Plakat der Linkspartei Platz. "Konsequent für eine neue soziale Idee" heißt der Slogan. Neben ihr sitzt Roland Claus, ehemals Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, jetzt Abgeordneter der Linkspartei. Einen Stuhl weiter Lothar Bisky, Vorsitzender der Linkspartei. 2007 bezweifelte Bisky öffentlich, dass es einen Schießbefehl an der DDR-Grenze gegeben habe, nun ist er Herausgeber des "Neuen Deutschland". Die Stühle, auf denen die Diskutanten sitzen, sind feuerrot bezogen. Das Szenario deutet auf ein politisches Experiment hin, das SPD-Chef Kurt Beck bislang für einen Albtraum gehalten hat. Eigentlich wollte er keine eigene Kandidatin präsentieren, weil sie mit den Stimmen der Linkspartei gewählt werden müsste. Und nun absolviert die So-gut-wie-Kandidatin, die als strikte Antikommunistin gilt, ihren ersten öffentlichen Auftritt nach den Tickermeldungen unter dem Logo der Linken. Die Fernsehbilder werden der SPD nachhängen.

Das Thema des Abends ist die Wende, die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, die Suche nach einer gemeinsamen Identität. Im Publikum sitzen fast nur ältere Semester, Männer und Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind und es satt haben, sich dafür zu entschuldigen. Gesine Schwan, im schlichten hellen Blazer, aber mit dem bekannten exzentrischen Lockenturban auf dem Kopf, fängt die Leidenden mit ihrem Charme locker ein. Sie freue sich immer, wenn die Leute, die sie neu kennenlerne, rätselten: Kommt sie nun aus dem Osten? Oder kommt sie aus dem Westen? Ich bin ein bisschen wie ihr, soll das heißen; geboren wurde Gesine Schwan in Westberlin.

Schwans Kapitalismuskritik

Auch die sorgsam eingestreuten Äußerungen zur aktuellen Politik kommen gut an. Ein wenig Schelte an die Adresse von Hessens Ministerpräsident Roland Koch – er habe in seinem Wahlkampf Ressentiments geschürt. Ein wenig Kritik an Kanzlerin Angela Merkel – "Mir ist nicht so ganz klar, an welchen Positionen sie hängt". Richtig Stimmung kommt auf, als Schwan zur Gesellschaftsanalyse schreitet. Eine politische Machtkonzentration sei in der Demokratie kaum zu fürchten, sagt sie. "Die eigentliche Herausforderung ist jetzt die Machtkonzentration in der kapitalistischen Ökonomie." Das ist ein Satz, den viele Zuhörer so ähnlich wohl schon in der Schule gehört haben. Spontaner Applaus. Horst Köhler hatte seine Kapitalismuskritik kurz zuvor im stern abgeliefert.

Bisky und Claus haben es schwer, neben der wortgewandten und hoch gebildeten Schwan zu glänzen. Claus, der die Runde moderiert, spricht Schwan mit "Frau Präsidentin" an; er meint ihre Position an der Universität, aber heute Abend klingt es anders. Bisky versucht, mit Ostalgie zu punkten, kommt aber nicht gegen Schwan an. Rasch verpufft eine Stunde in zielloser Debatte. "Es steht schon in allen Zeitungen", hebt Roland Claus zum Schlusswort an, mit der Erwartung des Publikums spielend, er werde Schwan nun endlich die Gretchenfrage nach ihrer Kandidatur stellen. "Sie feiern übermorgen ihren 65. Geburtstag." Claus legt eine kleine Kunstpause ein. "Rechnen Sie damit, dass Horst Köhler anruft?" Gelächter im Saal. "Darüber muss ich ganz lange nachdenken", zieht sich die überraschte Schwan aus der Affäre. "Das wird heute nichts mehr."

Claus zögert - zu lange

Wenige Minuten später, die Runde hat sich bereits aufgelöst, gönnt sich Gesine Schwan ein Glas Rotwein und spricht über die Schmeichelei, als Kandidatin gehandelt zu werden. "Wen würden Sie denn wählen?", fragt sie in die Runde. Ein Journalist nimmt den Ball auf und fragt Roland Claus, ob die Linkspartei für Gesine Schwan stimmen würde. Claus zögert ein kurzen Moment zu lang, Schwan lacht laut auf. "Die wollen sich auch nicht so einfach kaufen lassen", sagt sie. Eine kleine Anzahlung hat sie mit diesem Abend bereits geleistet.


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