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Gemeinsames Instagram-Foto Ein Wink, nur nicht vom Balkon: Welche Botschaften in dem Kanzlermacher-Selfie stecken

Volker Wissing, Annalena Baerbock, Christian Lindner und Robert Habeck (v.l.n.r.)
Dieses Selfie teilten Volker Wissing, Annalena Baerbock, Christian Lindner und Robert Habeck (v.l.n.r.) nach ersten Vorsondierungen
© Volker Wissing/FDP / DPA
Grüne und FDP haben ihre Vorgespräche zur Bildung einer möglichen Koalition aufgenommen, wie ein gemeinsames Instagram-Foto veranschaulichen soll. Doch hinter dem Bild dürfte weitaus mehr stecken. 

Ein Selfie weist den Weg zur neuen Bundesregierung. Vielleicht ist das die erste belastbare Botschaft, die zwischen den Pixeln verborgen liegt: Es brechen wohl wirklich "spannende Zeiten" an.

Ausgerufen haben sie FDP und Grüne – praktisch zur selben Uhrzeit – mitten in der Nacht. Auf Instagram. Dort veröffentlichten die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck sowie FDP-Chef Christian Lindner und Generalsekretär Volker Wissing ein Bild des Quartetts, versehen mit identischem Text: "Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten."

Ein Bild mit vielen Botschaften, zeigt es doch wesentlich mehr als die Spitzen von FDP und Grünen: Zwei Wahlsieger sprechen miteinander und untereinander – um herauszufinden, ob da was geht. Wie es nicht geht, wissen sie bereits. 

Fehler der Vergangenheit

Man muss lange durch den Instagram-Account von Lindner scrollen, um auf jenes Bildmaterial zu stoßen, dass einst den K(r)ampf einer Koalitionsbildung illustrierte, die spektakulär scheiterte. Einen vergleichbaren Fehlschlag will man nach dieser Bundestagswahl offenkundig vermeiden. 

Vor 211 Wochen veröffentlicht der FDP-Chef einen "Lesetipp", ein Interview, das er dem "Focus" gegeben hatte. Die Schlagzeile ist ein Zitat Lindners: "Für ein Bündnis mit CDU und Union fehlt mir inzwischen die Fantasie".

Zu diesem Zeitpunkt sind es noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl 2017, die der FDP das bundespolitische Comeback bringen wird. Eine Neuauflage der Großen Koalition will, damals wie heute, eigentlich niemand. Und so richtet sich auch damals der Blick auf die Liberalen: Würden sie eine sogenannte Jamaika-Koalition schmieden? Lindner schraubt die Erwartungen runter, treibt den Preis und den Marktwert der FDP für ein mögliches Bündnis nach oben. 

Vor 204 Wochen schickt Lindner schon "Grüße von den #Sondierungen!", noch sind lächelnde Liberale zu sehen, die viel "#workworkwork" in "#Jamaica" stecken. Vergebens. Wenig später, vor 201 Wochen, setzt Lindner den "#Sondierungen" zu "#Jamaica" ein jähes Ende. Den Liberalen ist das Lächeln vergangen und nur die Gewissheit geblieben: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." 

So lautete seinerzeit die Erzählung der FDP, warum die Gespräche gescheitert sind. Heute sagt Grünen-Chef Robert Habeck rückblickend, aber auch vorausschauend: Das Gegenteil von 2017 sei gefragt, dann könne es was werden. "Und nicht vom Balkon winken, bevor irgendwas geleistet wurde." 

Ein Wink ist das aktuelle Foto daher allemal, wenngleich nicht vom Balkon.

Es bewegt sich etwas zwischen Grünen und FDP – und Bewegung ist von beiden Seiten angesichts großer politischer Unterschiede nötig (mehr dazu lesen Sie hier). Sie suchen nach gemeinsamen Linien, zunächst untereinander, um dann gemeinsam zum größeren Ganzen zu gehen – also in Sondierungsgespräche, ob mit der SPD oder Union.

Insofern lässt sich der Schnappschuss auch als selbstbewusstes Statement verstehen. Die Wahlsieger wissen um ihre wichtige Rolle als kleinere Partner einer möglichen Koalition, die schließlich die Antwort auf die Frage finden müssen: Wer wird der nächste Bundeskanzler? Und auf der Suche danach lassen sie sich nicht reinreden.

Selfie statt Pressestatement

Das wissen die Kanzlermacher medienwirksam zu inszenieren – auch dieser Text ist letztlich Ergebnis ihrer Kommunikationsstrategie. Denn Journalist:innen waren über das Treffen, das dem Anschein nach in privateren Räumlichkeiten stattgefunden hat, nicht vorab informiert. Die Veröffentlichung des Bildes machte die Zusammenkunft öffentlich, mit der erst im Laufe der nächsten Tage gerechnet wurde.   

Dass Instagram als Kommunikationskanal genutzt wurde, und nicht etwa eine Zeitung oder Twitter, lässt sich ebenfalls als Signal lesen: Raus aus der politischen Blase, rein in die jüngere Zielgruppe – dort, wo FDP und Grüne bei den Bundestagswahlen besonders gepunktet haben. Die meisten Erstwähler:innen haben bei ihnen ihre Kreuze gemacht. Ob auch die zahllosen Montagen und Memes kalkuliert waren, die auf das Foto folgten, ist nicht überliefert – aber ausschließen möchte man das nicht. Sicher ist: Das Selfie ist überall, wird rauf und runter besprochen und kommentiert.

Ob eine Pressekonferenz einen ähnlichen Effekt gehabt hätte? Vermutlich nicht. Ziel ist es offenbar gewesen, eine klare wie kraftvolle Botschaft zu platzieren – warum sonst haben sich die vier Absender dafür entschieden, dasselbe Bild (wenngleich mit unterschiedlichen Filtern) vier Mal mit identischem Text zu veröffentlichen?

Natürlich bleiben nach diesem Bild viele Fragen offen. Gewissheit ist nach dem Schnappschuss, bei aller Deutung der Pixel, eigentlich nur: Grüne und FDP haben ihre Vorsondierungen begonnen. Es sind "spannende Zeiten", in der Tat.

fs

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