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Bundeswehr in Afghanistan: Der Mythos der deutschen Gutkrieger

Jahrelang bastelten deutsche Wehrpolitiker an einem Mythos. Die Bundeswehr baut Mädchenschulen, während die Amerikaner in Afghanistan Krieg führen. Nun ist der Mythos zerbombt.

Eine Analyse von Eric Chauvistré

Seit Freitag ist die Welt deutscher Wehrpolitiker eine andere. Der von der Bundeswehr bestellte Bombenhagel traf nicht nur zwei Tanklastzüge und tötete mindestens 70 Afghanen. Die Bundeswehr zerstörte auch ihren eigenen Afghanistan-Mythos.

Den hatte eine ganz große Koalition von Wehrpolitikern über Jahre hinweg zusammen gebastelt. Die Bundeswehrsoldaten sollten die besseren Menschen sein. Und Krieg, so wollten es die politischen Vorgesetzten in Bundesregierung und Bundestag, durfte das, was dort im Stationierungsgebiet der Bundeswehr geschah, keinesfalls heißen - eine Sprachregelung, die sich die Grünen ebenso zu eigen machten wie die Union.

Klischees von Rüpeln und Gutmenschen

Zweck der Übung war, eine Debatte zu vermeiden. Und zumindest mit dieser Strategie waren Deutschlands Wehrpolitiker erstaunlich erfolgreich. Ist dennoch einmal der Hauch einer Auseinandersetzung über Sinn und Zweck des Einsatzes am Hindukusch aufgekommen, lenkte man die Kritik auf das Vorgehen der US-Amerikaner oder Briten. Gäbe es diese unsensiblen Rüpel nicht, so der Tenor, dann wäre Afghanistan längst viel weiter. Wenn alle so vernünftig und bedacht wie die Deutschen vorgingen, dann wäre die Nato noch viel erfolgreicher beim Aufbau eines demokratischen Staates Afghanistan.

Das absurde Konstrukt der deutschen Gutkrieger hat lange gehalten. Doch jetzt, so scheint es, droht es wegzubrechen. Die offensichtlich manipulierte Präsidentschaftswahl macht jedes Gerede vom erfolgreichen Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens lächerlich. Wenn die Nato-geführte Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) nach acht Jahren im Land nur die Installation einer korrupten und wahlfälschenden Warlord-Regierung vorweisen kann, dann darf das getrost als Scheitern bezeichnet werden.

Ziel: ein Minimum an Stabilität

Doch der Nato, den USA und auch der deutschen Bundesregierung geht es ohnehin nur noch um ein Minimum an Stabilität. Es geht darum, einen afghanischen Staatsapparat aufzubauen, um ihn anschließend aufzurüsten. Denn das ist die einzige Perspektive, auf die deutsche wie amerikanische Wehrpolitiker verweisen können, wenn nach einem Ausweg aus der afghanischen Misere gefragt wird. Ziel ist der Aufbau eines einigermaßen loyalen Machtapparats, der den Krieg dann - mit einer ISAF im Hintergrund - ein paar Jahre oder auch Jahrzehnte weiter führen darf. Die Idee aber, irgendetwas in Afghanistan zu verändern, ist längst aufgegeben.

Das Fundament deutscher Afghanistanpolitik bricht auch deshalb weg, weil die arrogante Abgrenzung der Deutschen gegenüber anderen Nato-Staaten seit letztem Freitag endgültig nicht mehr funktioniert. Die Verbündeten mussten über Jahre die Belehrungen aus Berlin ertragen und können nun ihre Häme über die Deutschen kaum verbergen. Aus den selbst erklärten Mädchenschulenbauern aus Deutschland wurden leichtsinnige Bomber.

Distanzwaffen und Bodentruppen

Dabei ist der Angriff vom letzten Freitag eine logische Folge der deutschen Militärpolitik, die sich einerseits zwar hehre Ziele setzt, andererseits jedes Risiko für die deutschen Soldaten vermeiden will. Die Entscheidung, schon bei einer vermuteten, aber nicht unmittelbaren Gefahr 500-Pfund-Bomben bei den Amerikanern zu ordern, ist da nur konsequent. Wer Tote und Verletzte in den eigene Reihen um jeden Preis vermeiden will, greift zu Distanzwaffen. Damit aber wächst zwangsläufig die Zahl der gegnerischen Toten und selbstverständlich das Risiko, auch Unbeteiligte zu verletzen und zu töten.

Die Bundeswehr greift damit auf Mittel zurück, die bislang immer den US-Truppen zugeschrieben wurden. Und das in einem Moment, da sich die Amerikaner - zumindest auf dem Papier - davon verabschieden. Die neue US-Strategie für Afghanistan zielt eben nicht mehr vorrangig auf das Töten bewaffneter Aufständischer ab. Konkret heißt das: Es soll weniger Luftangriffe geben und dafür mehr Einsätze von Bodentruppen. Daher die starke Aufstockung der US-Truppen seit dem Amtsantritt Barack Obamas.

Wehrpolitik als demokratiefreie Zone

Wenn deutsche Wehrpolitiker über die neue Strategie der USA und damit auch der Nato reden, dann schweigen sie gerne über Bodentruppen. Denn dieses Vorgehen, das Opfer unter den Afghanen vermeiden helfen soll, erhöht das Risiko für die Nato-Truppen - also auch für die deutschen Soldaten. Um solch ein Risiko akzeptabel zu machen, müsste es in Deutschland mindestens eine offene Auseinandersetzung geben. Aber genau diese Debatte wollen die Befürworter des Afghanistan-Einsatzes nicht.

Berlins Wehrpolitiker jammern zwar gerne über die mangelnde Unterstützung für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, halten Militärpolitik aber gleichzeitig für eine demokratiefreie Zone. Afghanistan sollte deshalb nicht im Wahlkampf thematisiert werden - da war sich wieder eine ganz Große Koalition von Wehrpolitikern, von der Union bis zu den Grünen, einig. Das Schreckensszenario der Bundesregierung der letzten Monate war, dass ein Anschlag auf ein Bundeswehrcamp kurz vor der Bundestagswahl passieren könnte, der das Thema nochmal hochspült.

Erst schießen, dann reden

Nun war es ausgerechnet die Bundeswehr selbst, die mit den bestellten US-Bomben auf Afghanen die Stimmung in Deutschland hat ein wenig kippen lassen. Das leichtfertige Agieren der Offiziere bedurfte dabei vermutlich nicht mal einer gesonderten Anweisung von Oben. Wenn über Monate vermittelt wird, dass ein Anschlag jeden Moment bevorstehe und um jeden Preis zu verhindern sei, ist das Ergebnis absehbar. Dann wird eben lieber zu früh als zu spät gebombt. Die Bundeswehr machte damit genau das, was sie Amerikanern so lange vorgeworfen hat: Im Zweifelsfall erst schießen, dann reden.

Die hehren Ziele für eine demokratische Zukunft Afghanistans sind vergessen. Jede Perspektive für ein konstruktives Ende verbaut. Es geht nur noch Gesichtswahrung - und um Eigenschutz. In Afghanistan verteidigt die Bundeswehr jetzt nur noch eins: ihren eigenen Einsatz.

Eric Chauvistré ist der Autor des Buches: "Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird", erschienen im Campus Verlag 2009.