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Pannen-Gewehr G36: Ein Beamter kämpft für Deutschland

Dieter Jungbluth, Waffenexperte bei der Bundeswehr. Er warnte früh vor Mängeln des Gewehrs G36. Reaktion im Amt? Schweigen. Mobbing. Abstellgleis.

Von Frauke Hunfeld und Hans-Martin Tillack

Dieter Jungbluth auf einem Schießstand in Koblenz. Zu Hause sammelt er stapelweise Akten.

Dieter Jungbluth auf einem Schießstand in Koblenz. Zu Hause sammelt er stapelweise Akten.

Er weiß ja, dass er lästig war. Er ist und bleibt ein Erbsenzähler. Einer, der fünfe niemals gerade sein lässt. Einer, der immer das Haar in der Suppe findet. Einer, der im Auftrag der Bundeswehr den Rüstungsfirmen auf die Finger sah. Und auch haute, wenn es sein musste. Dieter Jungbluth fand das in Ordnung. Das war sein Job. Erbsenzähler wie ihn brauche das Land, findet der Technische Regierungsamtsrat aus dem Westerwald und lächelt freundlich. Dieter Jungbluth ist einer der besten Waffenexperten, die das krisengeschüttelte Beschaffungsamt der Bundeswehr hat. Oder besser gesagt: hatte.

Denn Jungbluth gießt inzwischen den Mammutbaum in seinem Garten, während seine ehemaligen Kollegen die Fehler beim Gewehr G36 suchen. Dabei ist er erst 61 Jahre alt. Er hat schon seit Jahren immer wieder auf Probleme mit Gewehren und Munition hingewiesen. Aber nach über zehnjährigem, zermürbendem Kampf ist er aus dem Dienst ausgeschieden. Wann genau die vielen kleinen Gefechte, die Jungbluth hatte, zu einer Schlacht eskalierten, weiß er gar nicht mehr. Wann genau die Unbequemlichkeit als Querulanz angesehen wurde, die Schlachten zum Krieg wurden, ist im Nachhinein schwer zu sagen.

Es ist nicht so, dass Jungbluth das Amt nie verstanden hätte und das Amt nie ihn. Viele Jahre waren sie ein gutes Team. Jungbluth liebte die Technik, das Tüfteln, die Verantwortung. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr ist für den Einkauf sämtlicher Rüstungsgüter des deutschen Militärs zuständig. Und weil es die ja nicht im Supermarkt gibt, wird vieles erst im Auftrag der Bundeswehr entwickelt. Da geht es um Milliarden, die Entwicklung muss begleitet, die Ergebnisse müssen getestet werden. Wenn man im Ernstfall feststellt, dass etwas nicht funktioniert, ist es zu spät. Jungbluth hatte Maschinenbau studiert, zunächst in der freien Wirtschaft gearbeitet, dann warb die Bundeswehr ihn an. Er hatte wunderschöne Jahre.

"Ich habe meine Arbeit stets mit Begeisterung gemacht", sagt Jungbluth. Er kaufte ein Haus in der Nähe des Koblenzer Amtes, er gründete eine Familie und wurde Vater von drei Töchtern. Er richtete sich mit Genehmigung des Amtes im Keller des Hauses eine Werkstatt ein, um nach Feierabend weitertüfteln zu können. Er verantwortete mehrere wertvolle "Diensterfindungen", entwickelte Patente für Munition. Er bekam schriftliche Anerkennungen, ihm wurden hervorragende Arbeitsergebnisse, herausragende Fachkenntnisse, größtmögliche Selbstständigkeit bescheinigt. Dass genau die ihm zum Verhängnis werden sollten, hätte er nie gedacht. Lange war der Krieg für die Bundeswehr ja nur ein Planspiel. Wie führen wir, wie flögen wir, wie schössen wir und womit, wenn der Feind käme? Manchmal haben sie sogar im Amt darüber gelacht. Aber für Jungbluth war immer klar: "Wenn es dazu kommt, dann muss alles funktionieren."

Er war Prüfer, also prüfte er

Für ihn war jeder Arbeitstag der Ernstfall. Die Truppe aber hatte sich in 40 Jahren "Friedensgrundbetrieb" eingegroovt. Sie kreiste weitgehend störungsfrei um sich selbst. Die realen Kampfeinsätze ab Ende der Neunziger kamen, mindestens, ungelegen. Und das G36, das Standardgewehr der Bundeswehr, das 1995 eingeführt wurde, war für den Einsatz offenbar so wenig gerüstet wie Dieter Jungbluth für den Krieg im Beschaffungsamt. Für Jungbluth war die Sache viele Jahre ganz einfach. Er war Prüfer, also prüfte er.

Oft tüftelte er auch mit an Lösungen, um Probleme abzustellen. 540 Mängel an Waffen und Munition soll er im Laufe seines Berufslebens an seine Vorgesetzten gemeldet haben. Für das Amt ein Beweis, wie irre Jungbluth ist. Für Jungbluth ein Beweis, wie pflichtbewusst er ist. Und wie irre das Amt. Irgendwann um 2004 herum muss die Sache erstmals aus dem Ruder gelaufen sein. Jungbluth arbeitet an der Entwicklung von Munition für eine Panzerbordkanone. Ein Kollege werkelt schon seit einigen Jahren daran, es wird teurer und teurer, aber es tauchen immer neue Probleme auf. Jungbluth prüft – und verweigert seine Zustimmung zur weiteren Erprobung. Die Konstruktion berge die Gefahr, dass Gase ins Innere des Panzers dringen. Dann wären Soldaten in Lebensgefahr.

Jungbluth wird von Aufgaben abgezogen

Normalerweise nimmt man ihm solche Kritik nicht persönlich krumm. Normalerweise hat sein Wort Gewicht. Diesmal nicht. Jungbluth wird mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben abgezogen. Es trifft ihn tief. Es tut weh. Die Entwicklung von Panzermunition ist für den begeisterten Techniker sein Lebenswerk. Er liebt diese Abteilung. Er hat Jahrzehnte seines Lebens investiert. Er will nicht gleich aufgeben. Er leitet seine Bedenken an das Referat "Ermittlungen in Sonderfällen" im Ministerium weiter. Er bittet um Prüfung. Nahezu sechs Jahre später bekommt er eine Antwort: "Die Ermittlungen führten zu einer Bestätigung der von Ihnen vorgebrachten Bedenken", schreiben die Ermittler. Sie bestätigen Jungbluth, "dass das Entwicklungsvorhaben gescheitert war". Aber da ist es schon zu spät für Jungbluth und das Amt. Der Krieg ist in vollem Gange. Jungbluth wird krank in jenem Herbst 2004. Er schläft schlecht. Der Blutdruck ist zu hoch. Ein altes Ohrenleiden meldet sich zurück. Er brauche Abstand, rät sein Arzt. Die Familie überlegt, ob sie einfach weggehen soll aus dem Westerwald. Fort vom Amt, Haus verkaufen, woanders neu anfangen.

Jungbluth schrieb an Guttenberg. Abfuhr.

Jungbluth schrieb an Guttenberg. Abfuhr.

Er ist plötzlich ein Niemand

Jungbluth hat gute Angebote aus der freien Wirtschaft, aus den USA, aus Japan, er hat exzellente Referenzen. Er ist Ausbilder, Waffensachverständiger, Gutachter, auch fürs Bundeskriminalamt. Aber die Frau fühlt sich wohl, die Kinder wollen ihre Freunde nicht verlieren. Und es wird schon alles wieder gut werden. Als Jungbluth wiederkommt, sind seine Akten und Dokumentationen weg. Sein Computer ist vom Netz abgehängt. Er ist plötzlich ein Niemand. Ein Geist. Kollegen haben keine Zeit mehr für ein Gespräch auf dem Gang. Beim Mittagessen ist er nicht mehr dabei. Von Besprechungen erfährt er gar nicht oder zu spät. Es gibt nichts zu tun. Er sieht aus dem Fenster. Das erste Mal in seinem Leben weint er im Dienst.

Als sich eine Stelle als Qualitätsmanager für Rohrwaffen auftut, bewirbt er sich intern. Er wird genommen, er freut sich: "Ich habe gedacht, ich fange einfach von vorn an." Mit Feuereifer stürzt er sich in den Dienst. Und macht sich neue Feinde. Er bemängelt die Vorgehensweise bei der Erprobung einer Pistole von Heckler & Koch. Er beschäftigt sich mit Panzerbewaffnung. Im Kosovo gibt es einen Vorfall mit einer Panzerwaffe – nicht den ersten: Ein Dingo-MG3 gibt selbsttätig 79 Schuss ab, bis es einem Soldaten gelingt, das Maschinengewehr zu stoppen. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass die Salve nicht in den eigenen Konvoi einschlägt.

Nur durch Glück wird niemand verletzt

Jungbluth sieht einen Konstruktionsfehler, aber auch, dass der schon lange bekannt ist und nichts geschehen war. Was er meldet. Er bemängelt fortbestehende Sicherheitsrisiken bei einer Granatmaschinenwaffe. 2006 untersucht er nach drei Unfällen Gewehre des Typs G36. Ihr Hersteller: Heckler & Koch. Bei einer Schießübung sind die Mündungsfeuerdämpfer geplatzt. Nur durch Glück wird niemand verletzt. Angeblich habe Schnee die Feuerdämpfer verstopft. Jungbluth glaubt nicht an Bedienungsfehler. Und er kann nicht fassen, dass ein Kampfgewehr keinen Schnee vertragen darf. Er lässt ein Prüfinstitut der Bundeswehr die Bauteile untersuchen. Das rät, auf ein besseres, aber teureres Herstellungsverfahren umzustellen.

Schon da ist Jungbluth klar, sagt er, was Bundeswehrprüfer sechs Jahre später bestätigen werden: dass der Kunststoff, aus dem das Gewehrgehäuse besteht, schlecht geeignet ist. Nicht wärmeunempfindlich genug. Und dass die Plastikmasse Wasser zieht. Ein Lob bekommt Jungbluth für seine Arbeit nicht. Kaum liegt das Prüfergebnis vor, wird er als Qualitätsmanager abgesetzt. Er ruft noch schnell die beschuldigten Soldaten an und sagt ihnen, dass die Probleme mit dem G36 nicht ihre Schuld seien. Dann muss er gehen. Er soll sich jetzt nur noch mit "Grundsatzfragen" befassen. Zeitweise habe er einfach sinnlos Akten kopieren und scannen müssen. Er bittet um angemessene Arbeit.

Er schrieb an de Maizière. Keine Antwort.

Er schrieb an de Maizière. Keine Antwort.

Er redet und schreibt sich in Rage

Jungbluth träumt schlecht. Er denkt an die Soldaten in Afghanistan. Er denkt an die Jungs in den Panzern. Er stellt sich vor, Eltern von getöteten Soldaten in die Augen sehen zu müssen. Ende 2007 wird Jungbluth in die Bibliothek versetzt, die sogenannte Wehrtechnische Studiensammlung. Er soll eine Festschrift verfassen, über das alte Standardgewehr G3, auch von Heckler & Koch. Er ist einverstanden. Er besorgt sich alles, was er zum G3 finden kann, und legt los. Er will das eigentlich nicht mehr. Er weiß ja inzwischen, was kommt. Aber er stößt in den Akten schon wieder auf Ungereimtheiten. Er kommt sich vor wie eine Lehrerin, die noch auf der Geburtstagspost mit Rotstift die Rechtschreibung korrigiert. Aber niemand im Amt will anscheinend wissen, ob man die Bundeswehr über den Tisch gezogen hat. Die Festschrift erscheint nicht.

Jungbluth hat noch nicht ganz aufgegeben. Er redet und schreibt sich in Rage. Er kann über Gasdruck und Kunststoffzusammensetzungen und verzinnte Munition referieren, bis einem schwindlig wird. Er denkt immer noch, wenn er mehr Beweise bringt, mehr Zeichnungen, mehr Vermerke, mehr Erklärungen, mehr Physik, dann würde endlich jemand auf ihn hören. Er merkt nicht, dass er das Gegenteil erreicht. Je mehr er redet, prüft und schreibt, desto weniger hört man ihm zu. "Jungbluth geht in allem auf die Molekularebene", heißt es angeblich im Amt. Jungbluth versteht das als Kompliment. Aber es ist nicht als Kompliment gemeint. Gemeint ist: Jungbluth nervt. Kein normaler Mensch kann ihm folgen, er hat sich in den Verästelungen seines unbestrittenen technischen Sachverstands verloren. Während Jungbluth in der Bibliothek hockt, gibt es weitere Vorfälle mit dem G36.

Es kommt zu Augenverletzungen

Einmal löst ein gesichertes Gewehr von allein aus und feuert 30 Schuss ab. Die Geistesgegenwart eines Soldaten, der die Waffe nach unten drückt, verhindert das Schlimmste. Kurzzeitig sind alle Gewehre in den Einsatzländern gesperrt. Ein andermal brechen Manöverpatronengeräte. Die Bruchstücke fliegen so weit, dass sie nicht mehr gefunden werden. Es kommt zu Augenverletzungen, weil die Patronenhülsen beim Schießen mit zu viel Druck und in die falsche Richtung ausgeworfen werden.

Jungbluth macht Fehler. Er nennt Vorgesetzte Schwätzer und Ahnungslose. Er verzettelt sich. Er zeigt mehrere Beamte des Beschaffungsamtes an. Das Amt schießt zurück. Im Juni 2008 versucht der Betriebsarzt, ihn gegen seinen Willen von einem Psychiater untersuchen zu lassen. Den Besuch eines Sanatoriums und "das Erlernen von Entspannungstechniken" habe Jungbluth leider abgelehnt, beklagt der Bundeswehrarzt. Jungbluth will das nicht mit sich machen lassen. Er ist nicht krank. Er will nicht entspannen. Er will, dass man ihn ernst nimmt. Er will, dass die Mängel abgestellt werden. Er klagt und bekommt recht. Zweifel an der Dienstfähigkeit dürften "nicht aus der Luft gegriffen" werden, urteilt das Verwaltungsgericht Koblenz.

Und er schrieb an von der Leyen. Sie prüft.

Und er schrieb an von der Leyen. Sie prüft.

Jungbluth leidet

Im Februar 2011 kommt es zum nächsten Eklat. Jungbluth ist aufgefallen, dass die privaten Wachschützer vor dem Beschaffungsamt zivile Pistolen des Typs P8 verwenden, aber mit Bundeswehrmunition ausgerüstet werden. Jungbluth untersucht Pistole und Munition eines Wachmanns und schlägt Alarm. Er hat mal wieder recht. Und es nützt mal wieder nichts, jedenfalls nicht ihm. Drei Monate später wird das Logistikamt der Bundeswehr zwar offiziell warnen, die Wachschützer "unter keinen Umständen" mit der militärischen Munition auszurüsten, denn sie setze "den Schützen einer Verletzungsgefahr aus". Aber für Jungbluths Vorgesetzte zählt das nicht. Er habe seine Kompetenzen überschritten. Ein Disziplinarverfahren wird seltsamerweise nicht eröffnet. Stattdessen bekommt er ein neues Büro zugewiesen, in dem er "Modergeruch" wahrnimmt, offene Elektroleitungen und Spinnweben an den Wänden. Betriebsausflüge finden ohne ihn statt. Von Weihnachtsfeiern erfährt er nichts. Zu Kaffeerunden wird er nicht eingeladen.

Er hat nichts zu tun. Jungbluth leidet. Seine Frau leidet. Seine Töchter leiden. Es gibt kein anderes Thema mehr. Der Bundeswehrarzt will ihn erneut zum Psychiater schicken. "Obgleich die Benutzung von militärischer Munition in zivilen Waffen zwischenzeitlich nicht mehr vorgesehen ist, ändert dies nichts an der Tatsache, dass der Antragsteller ohne Anlass und Auftrag sicherheitsgefährdend und unverantwortlich handelte", schreibt das Beschaffungsamt an das Verwaltungsgericht. Jungbluths Vorhaltungen seien "substanzlos". Dem Gericht wird es langsam zu bunt. Eine psychiatrische Untersuchung auf "Dienstfähigkeit" sei "keine zur Beseitigung innerbehördlicher Unstimmigkeiten geeignete oder zulässige Maßnahme", urteilen die Richter. Jungbluth gewinnt erneut.

Der Dienstweg gleicht einem Labyrinth

Jungbluth fühlt sich bedroht. Sprüche von Kollegen wie "Du kannst nicht nur Kugeln untersuchen, du kannst dir auch mal eine fangen" nimmt er ernst. Seine Frau hat Angst, wenn er sich verspätet. Eines Abends glaubt er einen Laser auf sich gerichtet; als ziele jemand durchs Fenster seines Einfamilienhauses auf ihn. Er läuft in den Keller und zieht sich seine Schutzweste an. Manchmal weiß er nicht mehr, wo die Angst aufhört und die Paranoia beginnt.

Das G36 ist mittlerweile auch ohne Jungbluths Zutun in Verschiss geraten. Seit Ende 2011 ahnt man, dass sich die technischen Probleme nicht mehr ohne Weiteres weghalluzinieren lassen. Allerlei Schreiben gehen hin und her. Abteilungen bekriegen sich. Es wird geprüft. Und es wird geprüft, wer prüft. Und es wird geprüft, ob einer prüfen muss, ob eine Prüfung notwendig ist. Gutachten werden bestellt und wieder abbestellt. Hunderte Seiten werden mit Vermerken befüllt, ein Teil davon dreht sich allein um die Frage, wer wem etwas gesagt oder geschrieben habe, das dieser nicht oder noch nicht oder schon viel früher hätte erfahren dürfen. Einem Beamten des Beschaffungsamtes drohen disziplinarische Schritte, nur weil er Informationen über das G36 an das vorgesetzte Verteidigungsministerium weitergeleitet hat – was seine Pflicht war. Der Dienstweg gleicht einem Labyrinth, dessen Ziel außer Sicht geraten ist.

Jungbluth schreibt an den Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, später auch an Thomas de Maizière. Er ist nicht gerade ein Schriftsteller. Einen Brief von Jungbluth zu lesen macht Arbeit. In seinem Ingenieursdeutsch berichtet er von seinen Untersuchungsergebnissen, von den Mängeln am Gerät und auch davon, wie es ihm ergangen ist. Es gelte die Parole, die Leitung will belogen werden, schreibt er. Leute wie er, die auf Probleme aufmerksam machten, landeten auf dem Abstellgleis. Er schreibt auch, dass er seit Monaten nicht bezahlt worden sei. In dem ganzen Kuddelmuddel hat die Bundeswehr offenbar übersehen, dass ihm Gehalt zusteht.

20.000 Schuss und kein toter Feind

Die jüngere Tochter muss ihr Studium unterbrechen, weil das Geld fehlt. Aber die Minister machen nichts. "Wegen der weitgehenden Wiederholung vergangener Sachverhalte war ein erneutes Aufgreifen der Vorwürfe nicht geboten", notieren die Beamten im Verteidigungsministerium. Die Sache dreht sich im Kreis. Jungbluth wiederholt sich, weil nichts passiert. Das Amt reagiert nicht, weil Jungbluth sich wiederholt. Von den Soldaten im Einsatz habe sich nie jemand mit Kritik am G36 gemeldet, trotz mehrfacher Nachfragen, meldet die Rüstungsabteilung wieder und wieder, auch an die neue Ministerin von der Leyen.

Das stimmt nicht. Es gibt Beschwerden aus der Truppe über Sicherheitsmängel des Gewehrs, die sich auch bei "der Vorbereitung auf den Afghanistaneinsatz im September 2008" gezeigt hätten. Im Jahr 2009 lehnt ein Leutnant der Kampfschwimmer "die zukünftige Verwendung" der Gewehre "und die damit verbundene Verantwortung kategorisch ab". Es gibt das Karfreitagsgefecht in Afghanistan im April 2010, in dem drei deutsche Soldaten sterben. Sie hatten mit ihren G36 insgesamt 28.000 Schuss abgefeuert und hinterher keinen einzigen toten Feind gefunden. Es gibt lautes Murren in der Truppe. Und es gibt, mindestens, ein detailliertes anonymes Schreiben von sachkundiger Stelle.

Ministerin bestätigt "Präzisionsprobleme"

Die Ministerin räumt inzwischen "Präzisionsprobleme" des Gewehrs ein. Und will Jungbluths Vorwürfe prüfen. Aber der Apparat ist immer noch bockig. Die geborstenen Mündungsfeuerdämpfer des G36? Lagen angeblich doch nicht am Werkstoff, schreibt das Ministerium auf Anfrage des stern. Der Umgang mit Jungbluth? Korrekt. Der gekappte Netzzugang für Jungbluths Computer? Kam "aufgrund nicht vorhersehbarer betriebsablauftechnischer Ursachen" zustande.

Jungbluth ist inzwischen in Altersteilzeit. In der "Blockphase Freistellung". Er hat aufgelistet, wie viel Gehalt das Amt ihm immer noch schuldet. Er liest die aktuellen Meldungen über das G36, über die Probleme mit dem falschen Kunststoff, über die Mängel mit der Treffsicherheit. Es ist für ihn nichts Neues. Er geht angeln und mit dem Hund spazieren, er repariert die Autos seiner drei Töchter. Aber immer noch tüftelt er viele Stunden an einem seiner Computer. Er denkt immer noch an die Soldaten. Jungbluth kann nicht loslassen, würde ein Psychiater sagen. Im Krieg würde man sagen, Jungbluth ist ein Held. Er ist verwundet, aber er kämpft weiter. Auch wenn es sinnlos ist. Vor ein paar Tagen hat er mal wieder einen Brief geschrieben, diesmal an die Ministerin persönlich. Er hat seine Hilfe angeboten bei den technischen Problemen. Eine Medaille kriegt er wahrscheinlich trotzdem nicht.

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