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Legalisierung "Das wird der größte Cannabis-Markt der Welt" – so könnte der deutsche THC-Traum aussehen

Niklas Kouparanis in einem Gewächshaus
Wissen, was man verkauft: Niklas Kouparanis will selbst nicht anbauen, die Lieferanten aber genau kennen.
© Bloomwell Group
Das Eckpunktepapier für die Cannabis-Legalisierung steht in den Startlöchern, jetzt geht es, so die EU nicht dazwischen funkt, an den Entwurf konkreter Gesetze. stern sprach mit Cannabis-Unternehmer Niklas Kouparanis über eine mögliche Zukunft für den deutschen Kiffertraum.

Die Legalisierung von Cannabis in Deutschland ist endlich auf einem guten Weg. Das Eckpunktepapier der Bundesregierung liegt vor und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte: "Die Drogenpolitik muss erneuert werden." Doch bis es in Deutschland an jeder Ecke legales Cannabis zu kaufen gibt, muss noch viel passieren. Aus dem Papier muss nun ein Gesetzentwurf werden, dieser muss dann durch diverse Gremien und auch die EU-Kommission hat noch ein Wörtchen mitzureden. Eine einfache Lösung und eine kompromisslose Freigabe der Droge, wie der Autor dieses Interviews sie zuletzt forderte, wird es also nicht geben.

Die Aussichten sind allerdings so vielversprechend, dass sich nicht wenige Unternehmen, die bisher vor allem im Geschäft mit medizinischem Cannabis tätig sind, selbstverständlich auf das grüne Licht der Regierung vorbereiten und ab dem ersten Tag Teil des Booms werden wollen. Die Bloomwell Group ist ein solches Unternehmen – und Niklas Kouparanis ist der Chef. Mit dem stern sprach Kouparanis über mögliche Szenarien, wie der Cannabis-Markt hierzulande aussehen könnte.

Herr Kouparanis, stellen Sie sich doch gerne kurz vor. Was haben Sie bisher gemacht und wie sind Sie zum Cannabis gekommen?

Niklas Kouparanis: Ich arbeite seit Anfang 2017 in der Industrie und würde mich daher selbst als Cannabis-Veteranen bezeichnen. Im Juni 2020 haben wir die Bloomwell Group gegründet, davor hatte ich bereits andere Firmen in dem Sektor aufgebaut. Auf das Potenzial von Cannabis bin ich in den USA aufmerksam geworden, noch bevor im März 2017 in Deutschland das "Cannabis als Medizin"-Gesetz in Kraft trat. 2020 standen wir in Deutschland dann vor der Situation, dass etliche Importeure und Großhändler medizinisches Cannabis an Apotheken vertreiben, aber Patient:innen enorme Schwierigkeiten hatten, Ärztinnen und Ärzte zu finden, die sie bei der Therapie mit medizinischem Cannabis begleiten wollten und konnten. Wir stehen in den Startlöchern, um den Genussmittelmarkt in Deutschland zu versorgen und aktiv die Entwicklung neuer Produkte voranzutreiben.

Wie ist denn im medizinischen Bereich die Lage?

Cannabis – auch das medizinische – wird nach wie vor stigmatisiert. Es gibt viele Apotheken sowie Ärztinnen und Ärzte, die sich damit nicht befassen wollen, aber immer mehr Patient:innen, denen Cannabis wirklich helfen kann. Über unser Tochterunternehmen Algea Care bieten wir Telemedizin-Therapien an und vermitteln Behandlungen. Dort zählen wir aktuell 11.000 Patienten und arbeiten mit gut 90 Ärztinnen und Ärzten in ganz Deutschland zusammen, die von uns geschult werden und auch langfristige Therapien mit uns betreuen. Wir verfügen zum Beispiel über ein großes Wissen über Zusammensetzung von Stoffen, Informationen zu bestimmten Blüten und passende Therapieformen für Patient:innen. Andersrum erlaubt uns diese Arbeit die Weiterentwicklung von Produkten, was letztlich auch im Freizeitmarkt helfen wird.

Apropos – wie viele Jahre kommt die Legalisierung eigentlich zu spät, wenn sie denn kommt?

Die Prohibitionspolitik haben wir jetzt seit über 60 Jahren. Dass das gescheitert ist, sollte jedem klar sein. Spätestens Mitte der Neunziger sollte das so offensichtlich gewesen sein, dass wir damals eigentlich diese Debatte, die wir heute haben, hätten führen sollen. Aber sei’s drum: Ich bin froh, dass wir jetzt darüber reden und wir müssen es diesmal auch richtig versuchen. Dabei ist die Umsetzung leider komplexer, als man denkt, denn es ist internationales Recht im Spiel, worüber die Bundesregierung nicht selbst entscheiden kann.

"Deutschland kann nicht eigenmächtig handeln"

Also ist der Wunsch, Cannabis einfach von heute auf morgen zu legalisieren, gar nicht realistisch?

Leider nein, denn die Europäische Union spielt dabei eine große Rolle. Die beiden Länder, die Cannabis wirklich auf Landesebene legalisiert haben, also Uruguay und Kanada, hatten das Problem nicht. In der EU müssen die Voraussetzungen für die Legalisierung geschaffen werden, da Deutschland sonst ein Vertragsverletzungsverfahren bevorstehen kann und damit empfindliche Strafen drohen würden. Das liegt einerseits daran, dass sich die EU auf das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel der Vereinten Nationen beruft, die die Legalisierung der gesamten Wertschöpfungskette für Cannabis als Genussmittel untersagt. Zudem hat Deutschland zwei europäische Verträge unterzeichnet, in denen es sich unter anderem verpflichtet, die Produktion, die Weiterverarbeitung, den Vertrieb und Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken zu bestrafen. Deshalb kann Deutschland nicht eigenmächtig handeln.

Moment. Aber wieso kann ich dann in den Niederlanden problemlos an Cannabis gelangen? Die sind doch auch in der EU.

Das Beispiel höre ich sehr oft und es ist leider sehr schlecht. Cannabis ist in den Niederlanden nicht legal, sondern entkriminalisiert. Das führt aber zu vielen Problemen, die man in einem seriösen Markt nicht brauchen kann. In den Niederlanden ist Cannabis nur in den Geschäften entkriminalisiert. Das heißt, dass selbst die Lieferung – plakativ also der Bote mit dem Stoff im Rucksack – jeden Tag eigentlich illegal, mindestens aber in einem Graubereich handelt. Das betrifft die gesamte Industrie. Anbau? Logistik? Alles komplett illegal. Und damit öffnet man dem Schwarzmarkt Tür und Tor, weil irgendwer diese Lücke füllen muss. Für den Konsumenten ist das eine Katastrophe, denn die Produktsicherheit steht in so einem Umfeld garantiert nicht an erster Stelle. Die Niederlande sind also ein tolles Beispiel dafür, wie es nicht geht – und, dass wir Cannabis ganz oder gar nicht legalisieren müssen.

Drehen wir die Frage mal um: Warum sollte Deutschland das dringend machen?

Der wichtigste Grund: Die Prohibition ist gescheitert. Die Bundesregierung verweist völlig zurecht darauf, dass die Verträge ihre eigenen Ziele verfehlen. Mehr Menschen konsumieren Cannabis, Jugendliche können Cannabis auf einfachem Wege auf dem illegalen Markt erwerben und verunreinigte Produkte gefährden dort zunehmend die Gesundheit der Menschen. Diese Verträge gefährden also das Wohlergehen vieler Menschen, statt ihrem eigentlichen Sinn und Zweck gerecht zu werden, dem Wohle der Menschheit zu dienen. Wir brauchen daher eine radikale Neuausrichtung der weltweiten Cannabis-Regulierung. Ein Umdenken auf EU-Ebene im Falle Deutschlands würde einen Stein ins Rollen bringen mit weitreichenden Folgen weltweit.

Zudem bin ich mir ziemlich sicher, dass Deutschland der größte Cannabis-Markt der Welt wird. Experten rechnen konservativ mit einem Bedarf von 400 Tonnen Blüten im ersten Jahr. Dafür brauchen wir tüchtige Hände, die das umsetzen. Das ist ein eigener Arbeitsmarkt, eine riesige Chance. Du brauchst den Anbau, die Weiterverarbeitung, den Verkauf, die Logistik – alles. Und das im großen Stil. Aber ich muss wie gesagt bremsen: Gibt die EU kein grünes Licht, wird es das alles nicht so geben. Es sei denn, Karl Lauterbach hat noch einen Plan B in petto, den er aus strategischen Gründen nicht Preis geben mag. Außerdem dürfte es schwierig werden, der Nachfrage gerecht zu werden, da das Eckpunktepapier keine Importe vorsieht.

Irgendwo muss es herkommen: Experten rechnen konservativ mit einem Bedarf von 400 Tonnen Blüten im ersten Jahr.
Irgendwo muss es herkommen: Experten rechnen konservativ mit einem Bedarf von 400 Tonnen Blüten im ersten Jahr.
© Bloomwell Group

Wieso?  

Weil Unternehmen in Deutschland für medizinische Zwecke aktuell nur 2,6 Tonnen jährlich kultivieren dürfen – und das aktuell nicht einmal ausschöpfen. Ohne die Möglichkeit, Blüten legal zu importieren, werden wir Jahre brauchen, um den Bedarf zu decken und der Nachfrage gerecht zu werden. Und wenn man in dieser Wirtschaftskette irgendwas auslässt, stärkt man den illegalen Markt, was nicht das Ziel sein kann und nicht passieren darf. Es braucht einen seriösen Ablauf vom Anbau bis zum Konsum.

"Coffee-Shops wird man erst einmal nicht sehen"

Wie stellen Sie sich die Kifferlandschaft Deutschland eigentlich vor? Amsterdam oder USA?

Eher USA, wenn ich mir die aktuelle Debatte anschaue. Ich glaube nicht, dass wir hier sofort gemütliche Coffee-Shops sehen werden, in denen man kaufen und rauchen kann. Zumindest in der ersten Phase werden die Auflagen so strikt sein, dass Marketing und Außenwerbung nur sehr eingeschränkt möglich sein werden. Ich bin mir nicht mal sicher, dass man die Abgabestellen sehen wird, wenn man nicht weiß, dass sie da sind. Ich denke du wirst also in ein Geschäft gehen, wirst dort beraten, musst dich registrieren und dann darfst du was kaufen – und dann wieder gehen. Wichtig ist, Unternehmen zumindest ein Mindestmaß an Information zu gewährleisten, damit Konsument:innen auf die legalen Möglichkeiten aufmerksam werden – und nicht weiter illegal einkaufen.

Das klingt fast, also wäre das Szenario im Eckpunktepapier, das den Verkauf über Apotheken vorsieht, realistisch.

Ich denke nicht, dass Apotheken da Lust und Zeit für haben. Es gibt eine Handvoll hochqualifizierter Apotheker, aber in der Breite fehlt es an Expertise und ganz ehrlich, das Klientel wird einfach nicht zusammenpassen. Du hast dann verschnupfte Menschen, die hinter zehn gesunden Menschen auf ihre Medizin warten müssen, und die Apotheker sind damit beschäftigt, sich über Sorten und Wirkung von Gras für den Genuss zu unterhalten – das sehe ich nicht. Aber ich sage auch: Wenn sie einen Beitrag leisten wollen, wieso nicht? Lasst uns doch die gesamte Infrastruktur nutzen. Nur werden Apotheken sicherlich nicht die Lösung sein, um flächendeckend auch die Peripherie zu versorgen.

Was wäre eine Alternative?

Ganz klar – und eigentlich total offensichtlich: der kontrollierte Online-Verkauf. Dafür sprechen ganz viele Gründe und ich bin geschockt, dass das im Eckpunktepapier nicht ausreichend vorkommt. Ein Online-Shop erlaubt die bundesweite Versorgung von Kunden, übersichtliche Produktinformationen und die Möglichkeit, die Abgabe an der Haustür zu kontrollieren. Altersprüfungen, Aufklärung – das geht alles über den Versandhandel. Und der dürfte in meinen Augen auch die einzige Möglichkeit sein, ländliche Regionen zu versorgen. Die Land-Apotheke wird’s nicht machen und eine Abgabestelle in jedem Dorf wird sich nicht rechnen.

Naja, das Eckpunktepapier erlaubt ja auch den Eigenanbau, nicht wahr?

Stimmt, wer drei Pflanzen züchtet, der ist versorgt, würde ich sagen. Aber ich sehe das eher bei Enthusiasten, die sich mit der recht komplizierten Materie auseinandersetzen wollen. Du brauchst dafür echt viel Ausrüstung und durch die hohen Energiepreise ist das alles andere als billig. Es sei denn natürlich, du stellst die Pflanzen einfach in den Garten, aber die Qualität leidet dann unter dem deutschen Klima. Anbau ist aber ein gutes Stichwort, das mir zeigt, dass das Eckpunktepapier große Schwächen hat. Wusstest du, dass man aus einer Pflanze rund 150 Gramm Blüten kriegt? 

Das Problem mit dem 30-Gramm-Limit

Ist das nicht ein Problem, wenn die Grenze bei 30 Gramm liegen soll?

Genau das – ich hoffe, mit den 30 Gramm ist nur die maximale Abgabemenge im Shop gemeint, aber nicht die Menge, die man besitzen darf. Auch wenn schon ein solches Verkaufslimit keinen Sinn macht, wird es spätestens beim Besitz absurd. Wie will man das kontrollieren? Wann ist zu viel zu viel? Welche Strafen drohen, wenn es ja eigentlich legalisiert ist? Wie gesagt: Entweder ganz oder gar nicht. Man schafft nur neue Probleme, wenn man da mit Einschränkungen kommt.

Wie viel sind 30 Gramm eigentlich? Reicht das?

Als Abgabemenge in Shops denke ich, ist das eigentlich ganz okay. Gehen wir mal von einem Grammpreis um die 10 Euro aus, wären das ohnehin 300 Euro. So viel muss man erstmal an einem Tag ausgeben wollen. Und selbst wenn: Ich kenne niemanden, der das in 24 Stunden konsumiert. Geübte dürften mit drei Gramm auskommen.

Ein riesiger Brownie steht auf einem Tisch in einer Bäckerei.

Und essbares Zeug mit THC-Gehalt? Wie zahlt das auf die Menge ein?

Das wird es wohl auch geben, zumindest entnehme ich dem Eckpunktepapier die Absicht, das zu erlauben. Wie man das auf die 30 Gramm Blüten rechnet? Spannende Frage. Die Limits sind einfach unnötig und wenig hilfreich.

Was fehlt Ihnen in dem Papier eigentlich? Straßenverkehr?

Ganz wichtiger Punkt, das ist mir alles viel zu schwammig. Es braucht dringend Testverfahren, die in der Lage sind, die aktuelle Wirkung auf eine Person zu messen. Und die gibt es sogar schon. Unsere Richtlinien, die wir heute haben, reichen absolut nicht mehr für einen fairen Umgang mit Konsumenten. Aktuell kann es dir auch nach Wochen passieren, dass du noch Spuren im Blut hast und du zur MPU musst. Die Grenzwerte und Kontrollen sind nicht zeitgemäß.

Noch was?

Ganz klar eine Amnestie für bislang illegale Händler und Personen, die wegen Anbau eine Strafe bekommen haben. Bisher fokussiert sich das alles sehr auf die Konsumenten und lässt Menschen außer Acht, die auf der anderen Seite stehen. Außerdem fände ich eine Neubewertung von medizinischem Cannabis sehr wichtig, damit man es künftig mit einem normalen Rezept kaufen kann – das spart viel Geld und hilft den Patienten sehr.

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