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Chronik der Präsidentenaffäre: So brachte Wulff sich um sein Amt

Ein günstiger Privatkredit war der Anfang. Am Ende stürzte Bundespräsident Wulff über Gratisurlaube und seine Beziehung zu reichen Unternehmern. Nun wird er feierlich verabschiedet. Ein Rückblick.

Begleitet von Kritik und Kontroversen wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff am Abend in Berlin aus dem Amt verabschiedet. Der Große Zapfenstreich im Park von Schloss Bellevue ist das politische Ende einer Affäre, die drei Monate lang die Republik in Atem hielt, und deren juristisches Nachspiel noch andauert. Sie begann mit einem günstigen Privatkredit für Wulffs Haus in Niedersachsen.

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens zu günstigen Bedingungen einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses.

18. Februar 2010

Wulff antwortet auf eine mündliche Anfrage im niedersächsischen Landtag, dass es zwischen ihm und dem Unternehmer Egon Geerkens in den vergangenen zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen gegeben habe.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Christian Wulff ruft von einer Auslandsreise in Kuwait "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann an, um einen Bericht zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern oder zu verschieben. Auf Diekmanns Mailbox droht er Medienberichten zufolge den "endgültigen Bruch" und "Krieg" mit Springer an, falls die Geschichte erscheint.

13. Dezember 2011

Meldungen der "Bild" und von stern.de über Wulffs umstrittene Hauskauf-Finanzierung bringen den Präsidenten in Erklärungsnot.

13. Dezember 2011

Während Wulff noch in der Golfregion unterwegs ist, verbreitet das Bundespräsidialamt eine Stellungnahme. Wulff habe im Landtag keine falschen Angaben gemacht. Zugleich wird eingeräumt: "Es bestand eine Vereinbarung mit Frau Edith Geerkens zu einem Darlehen aus ihrem Privatvermögen." Wulff selbst äußert sich nicht.

14. Dezember 2011

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Wulff ihr "volles Vertrauen" aus. Sie sehe keinen Grund, seine Angaben zu bezweifeln. Die niedersächsischen Grünen wollen prüfen lassen, ob Wulff gegen das Ministergesetz des Landes verstoßen hat, das die Annahme vergünstigter Kredite verbietet. Zugleich werden neue Details über Kontakte Wulffs zum den Geerkens bekannt. Wulff soll laut Medienberichten ihre Hilfe auch in Anspruch genommen haben, als er den Privat- durch einen Bankkredit ablöste. Zudem soll Egon Geerkens 2008 und 2009 insgesamt dreimal einer Wirtschaftsdelegation Wulffs angehört haben.

15. Dezember 2011

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen: "Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte. Ich bedauere das", heißt es in einer Mitteilung. "Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte." In der Sache habe er nichts zu verbergen.

16. Dezember 2011

Nach einem Bericht des "Spiegel" lassen Äußerungen von Egon Geerkens den Schluss zu, das Geld für das Darlehen stamme von ihm selbst. Das Darlehen sei über ein Konto seiner Frau gezahlt worden, für das er aber eine Vollmacht habe. Er selbst habe verhandelt und überlegt, "wie das Geschäft abgewickelt werden könnte". Der Kredit stamme von Frau Geerkens, bekräftigt hingegen Wulffs Anwalt. Im Auftrag der Unternehmer bestätigt ein weiteres Anwaltsbüro, der Vertrag sei mit Frau Geerkens geschlossen worden, die Rückzahlung sei auf ihr Konto erfolgt.

17. Dezember 2011

Die Opposition verschärft ihre Kritik am Bundespräsidenten. SPD und Grüne verlangen, Wulff müsse alle Fakten auf den Tisch legen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter fordert ihn sogar zum Rücktritt auf. "Man muss selber wissen, was man macht", sagt Wulff der Nachrichtenagentur DPA. "Das muss man verantworten - das kann ich." Verfassungsrechtler äußern die Vermutung, Wulff habe mit der Annahme des Kredits womöglich das Gesetz gebrochen.

18. Dezember 2011

Der Bundespräsident räumt insgesamt sechs Urlaube in Anwesen befreundeter Unternehmer ein. Aus einer über seine Bonner Kanzlei vorgelegten Liste geht hervor, dass er seit 2003 drei Mal einen Privaturlaub in Häusern des Unternehmerpaares Geerkens verbrachte. 2008 und 2009 waren die Wulffs demnach außerdem beim Hannoveraner Finanzunternehmer Wolf-Dieter Baumgartl in Italien und dem Unternehmer-Ehepaar Angela Solaro und Volker Meyer auf Norderney zu Gast.

19. Dezember 2011

Merkel gibt Christian Wulff erneut Rückendeckung. Zugleich gibt es neue Enthüllungen über private Geldgeber in Wulffs Freundeskreis. Laut "Bild" wurden Zeitungsanzeigen, mit denen im Herbst 2007 während des niedersächsischen Landtagswahlkampfs für das Christian-Wulff-Buch "Besser die Wahrheit" geworben wurde, von dessen Unternehmerfreund Carsten Maschmeyer bezahlt.

20. Dezember 2011

Wulffs Anwalt betont, sein Mandant habe von den Zahlungen Carsten Maschmeyers nichts gewusst. Die Sitzung des Ältestenrats im Landtag in Hannover, auf der eine gemeinsame Linie zur Klärung der Vorwürfe gegen Wulff gefunden werden sollte, endet nach kurzer Zeit im Streit zwischen Regierung und Opposition.

21. Dezember 2011

Die Anwälte Christian Wulffs räumen gegenüber dem stern erstmals ein, dass der Unternehmer Egon Geerkens vor Wulffs Hauskauf in Großburgwedel den Politiker bei der "Suche nach einer geeigneten Immobilie" beraten habe. Geerkens Frau Edith habe dann die Gewährung eines Privatkredits angeregt. Wulffs Anwalt Gernot Lehr erklärt in einer Stellungnahme, aus der die "Welt" zitiert: "Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt." Angesichts wachsenden Drucks auf Wulff fordern führende Mitglieder aus CDU und FDP ein Ende der Debatte. In der Weihnachtsansprache, so verlautet aus Teilnehmerkreisen, nimmt Wulff keine Stellung zur Kreditaffäre. Die Rede wird an diesem Tag aufgezeichnet, aber erst am 25. Dezember ausgestrahlt.

22. Dezember 2011

Der Bundespräsident entschuldigt sich öffentlich für die entstandenen Irritationen. Zugleich entlässt er seinen Sprecher Olaf Glaeseker ohne offizielle Angabe von Gründen. Einen Tag später enthüllt stern-Reporter Hans-Martin Tillack die Hintergründe: Glaeseker war offenkundig über seine engen Kontakte mit Partykönig Manfred Schmidt gestolpert.

2. Januar 2012

Wulffs Anruf bei Diekmann und sein Versuch der Einflussnahme auf die Berichterstattung durch den Springer-Verlag werden bekannt und lösen ein gewaltiges Medienecho aus.

4. Januar 2012

Wulff gibt ARD und ZDF ein Interview, in dem er den Anruf bei Diekmann als "schweren Fehler" bezeichnet und volle Transparenz bei allen Fragen ankündigt. Am Folgetag veröffentlicht sein Anwalt aber nur eine zusammenfassende Stellungnahme.

11. Januar 2012

Wulffs Anwalt lehnt eine Veröffentlichung der Journalistenfragen und Antworten unter Berufung auf die "anwaltschaftliche Verschwiegenheitspflicht" ab.

12. Januar 2012

Der stern berichtet neue Details über Wulffs Kostenlosurlaub in der Villa Lupo des Versicherungsmanagers Wolf-Dieter Baumgartl im italienischen Castiglioncello: Zumindest zeitweise wurden er und seine Frau Bettina vom Hauspersonal umsorgt.

13. Januar 2012

Nach massivem Druck von allen Seiten kündigt Wulffs Anwalt an, die Fragen und Antworten doch noch zu publizieren, sofern die Medien die Veröffentlichung freigeben.

19. Januar 2012

Wegen Korruptionsverdachts lässt die Staatsanwaltschaft Glaesekers Haus und Büros durchsuchen. Die Fahnder verschaffen sich auch Zugang zu Räumlichkeiten des Eventmanagers Manfred Schmidt, der zu Wulffs Zeit in Niedersachsen enge Kontakte zur Staatskanzlei in Hannover gehabt haben soll.

25. Januar 2012

Wulff gerät durch Enthüllungen des stern auch in den Verdacht der illegalen Vorteilsannahme im Amt in seiner Zeit als Bundespräsident. Demnach bat der CDU-Politiker den Eventmanager Manfred Schmidt, mehr als 80 Gäste zu einer Feier einzuladen, die Schmidt am 30. Juni 2010 und damit am Abend nach Wulffs Wahl zum Präsidenten ausrichten ließ. Die Kosten der Veranstaltung trug Schmidt. Wulff nahm in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 2010 selbst an ihr teil.

8. Februar 2012

Der Filmunternehmer David Groenewold soll im Jahr 2007 einen Luxus-Kurzurlaub von Wulff und seiner damaligen Freundin Bettina auf Sylt zunächst bezahlt haben, berichtet die "Bild"-Zeitung. Wulff habe den Betrag später beim Auschecken in bar beglichen, sagt dessen Anwalt Gernot Lehr. Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft den Fall.

12. Februar 2012

Medien berichten, Groenewold habe eine Briefkastenfirma betrieben, für die das Land Niedersachsen eine Bürgschaft über vier Millionen Euro gegeben hatte. Die Bürgschaft wurde allerdings nicht in Anspruch genommen.

16. Februar 2012

Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt die Aufhebung der Immunität Wulffs, um Ermittlungen führen zu können.

17. Februar 2012

#link;http://www.stern.de/politik/deutschland/ein-bundespraesident-gibt-auf-der-tag-des-wulff-ruecktritts-1787964.html; Wulff erklärt seinen Rücktritt#. In seiner Ansprache zeigt er sich aber Überzeugt, dass die Ermittlungen zu seiner vollständigen Entlastung führen werden.

2. März 2012

Fünf Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamtes und ein Staatsanwalt durchsuchen das Wohnhaus von Wulff in Großburgwedel.

5. März 2012

Alle noch lebenden Ex-Bundespräsidenten entscheiden sich gegen eine Teilnahme an der geplante Verabschiedung Wulffs mit einem Großen Zapfenstreich. Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Horst Köhler und Walter Scheel wollen der militärischen Zeremonie im Park von Schloss Bellevue fernbleiben, berichtet die "Welt" unter Berufung auf die Büros der Ex-Präsidenten.

7. März 2012

Die Kritik am geplanten Zapfenstreich für Wulff wird schärfer. SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht von einer "großen Peinlichkeit". "Da wird einer, der im Amt gescheitert ist, so verabschiedet, als habe er Großes für Deutschland geleistet" sagt er den "Stuttgarter Nachrichten". Vizekanzler Philipp Rösler verteidigt dagegen die Zeremonie. Es gehe um die Würde des Amtes unseres Staatsoberhaupts, so der FDP-Vorsitzende.

8. März 2012

Am Tag von Wulffs Verabschiedung erscheint eine Umfrage, nach der 73 Prozent der Deutschen nicht an eine Rückkehr des Ex-Bundespräsidenten in ein politisches Amt glauben. Nur 15 Prozent halten ein Comeback für möglich.

44 Prozent der vom Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur DPA Befragten sehen das Amt des Bundespräsidenten zudem durch die Wulff-Affäre dauerhaft beschädigt. 47 Prozent hingegen glauben nicht an einen bleibenden Schaden für das Amt.

mad/kng/kave/mlr/DPA/AFP / DPA