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Vorschläge der Leopoldina Exit-Strategie: "Sehr durchdachtes Paket" oder "ein bisschen ohne Daten vor sich hingeredet"?

Die 1652 gegründete Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina ist mit ihren rund 1600 Mitgliedern aus nahezu allen Wissenschaftsbereichen eine klassische Gelehrtengesellschaft
Die 1652 gegründete Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina ist mit ihren rund 1600 Mitgliedern aus nahezu allen Wissenschaftsbereichen eine klassische Gelehrtengesellschaft
© Peter Endig/dpa-Zentralbild / DPA
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat Vorschläge formuliert, wie Deutschland einen Weg aus der Coronakrise finden kann. In deutschen Medien kommen die sehr unterschiedlich an.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt, unter bestimmten Voraussetzungen so bald wie möglich zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I schrittweise zu öffnen. In der am Montag veröffentlichten Stellungnahme der Wissenschaftler, die sich mit weiteren Schritten in der Corona-Pandemie beschäftigt, heißt es unter anderem zu den Voraussetzungen, die Infektionen müssten auf niedrigem Niveau stabilisiert und die bekannten Hygieneregeln eingehalten werden. Zudem sprechen sich die Experten für eine Maskenpflicht etwa in Bussen und Bahnen aus. Deutsche Medien kommentieren die Vorschläge der Leopoldina unterschiedlich:

Tagesschau

Und die Schulen? Hier plädieren die Wissenschaftler tatsächlich dafür, zuerst die Grundschulen und die Klassen der Sekundarstufe I wieder zu öffnen - also ausgerechnet die Altersklassen, die schwerer steuerbar sind, denen das Corona-Risiko und die Pflicht zum Abstand halten nicht so präsent sein dürfte wie älteren Jugendlichen. Das ist ein gewagter Schritt.

Fast zynisch klingt es, wenn sie gleichzeitig die vorbeugende Isolation besonders gefährdeter alter Menschen als "bevormundend" ablehnen. Der Schutz des Lebens ist aber nicht abwägbar gegen die Interessen einer Folgegeneration. Der Enkel kann das Bruchrechnen auch ein paar Monate später üben, wenn dafür der Großvater noch Jahre leben darf.

Süddeutsche Zeitung

Die Ungeduld ist groß und verständlich, die Fragen sind es auch: Wie lässt sich die Gesundheit der Schüler schützen, ihrer Eltern, Großeltern, Lehrer? Haben Abstandsregeln im Klassenzimmer eine Chance? Die Wissenschaftler der Leopoldina raten der Bundesregierung, die Schulen so früh wie möglich wieder zu öffnen. Das ist richtig, aber fast trivial - wann das ist, ist ja genau die Frage. Richtig, aber gar nicht trivial ist dagegen die Anregung, die Klassen schrittweise wieder aufzumachen, und zwar von unten nach oben. Denn je jünger die Kinder, desto weniger hilft die Technik - und desto mehr fehlt die Schule.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Soeben hieß es noch, die Schulen seien der jüngeren Schüler wegen geschlossen worden, weil ihnen das Befolgen aller Hygienegebote nicht abverlangt werden könne. Jetzt soll ihre geringere Fähigkeit zu digitalem Lernen den Ausschlag geben, sie als erste in die Schulen zurückzuholen. Dabei darf natürlich der Schulhof "nicht zum Austauschort für Viren werden."

Und das Klassenzimmer? "Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülern wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen". Und entsprechend viele Lehrer. Ja, wenn. Wäre dann aber die Schließung der Schulen überhaupt nötig gewesen? Rein in die Maßnahme, raus aus der Maßnahme, Hauptsache Technokratie, dafür aber mit der Produktion guten Gewissens für Politiker, die nun sagen können: "Die Wissenschaft hat festgestellt", auch wenn sie nur ein bisschen ohne Daten vor sich hingeredet hat.

Bild

Das Experten-Fazit über die Aussagekraft der Corona-Tests: "verzerrend". Was für die Professoren außer Frage steht, sind hingegen die Konsequenzen der Corona-Maßnahmen: für die Wirtschaft, das soziale Gefüge und die Demokratie.

Die "Leopoldina"-Studie ist ein Weckruf: Alle Zahlen müssen auf den Prüfstand gestellt, die Corona-Gefahr vernünftig eingeordnet werden.

Denn eins steht fest: Jeder Tag Stillstand kostet Deutschland Milliarden von Euro, Tausende Arbeitsplätze – und, auch davor warnen die Experten, ein Stück Demokratie.

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Den deutschen Exit-Szenarien ist bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Sie verzichten weitestgehend auf Termine, sondern nennen Voraussetzungen. Bei der Leopoldina, in die die Kanzlerin ihr Vertrauen setzt, ist dies die ausreichende Vorbereitung der Krankenhäuser. Auch wenn in den Kliniken Betten geräumt und Notfallpläne erstellt wurden, gibt es daran - Stichwort Schutzkleidung - noch Zweifel. Das Risiko eines Wiederaufflammens des Virus, dessen Ausdehnung sich nur verlangsamt zu haben scheint, will man im Kanzleramt und den meisten Ländern nicht riskieren.

Badische Zeitung (Freiburg)

Konkret geht es um eine Öffnung, die so ablaufen muss, dass es nicht sprunghaft zu vielen Neu-Infektionen kommt, was wiederum die Behandlung von Covid-19-Schwerkranken in den Kliniken gefährden würde. Beide Ziele zu vereinen, ist leider ungemein schwierig - auch wenn Bund und Länder die Öffnung des Shutdown in kleinen Schritten vollziehen. Es mangelt nämlich an Corona-Tests und auch die App des Robert-Koch-Instituts, die Infektionsketten einfacher nachvollziehbar macht, lässt auf sich warten. Allerdings wird es nur mit viel mehr Tests und Tracking-Apps möglich sein, laufend in Echtzeit festzustellen, wie sich die Epidemie an einem bestimmten Ort entwickelt - was dort also an Lockerungen möglich wäre. Das Leben, wie man es vor Corona kannte, wird wohl noch lange auf sich warten lassen.

Rheinpfalz (Ludwigshafen)

Die in Deutschland erlassenen Beschränkungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie wirken. Das haben die vergangenen Tage gezeigt. (...) Nun hat die Nationalakademie Leopoldina konkrete Vorschläge für eine Lockerung der Verbote auf den Tisch gelegt. Das ist auch gut so. Denn es ist wichtig, dass die Menschen einen Silberstreif sehen, dass sie bemerken, dass es aufwärts geht. Das ist wichtig, damit die Motivation der Bürger aufrecht erhalten wird. (...) Was die Leopoldina am Montag vorgelegt hat, ist ein sehr durchdachtes Paket an Vorschlägen für den weiteren Umgang mit der Pandemie. Experten aus den unterschiedlichsten Gebieten haben sich dafür eingebracht und einen Konsens gesucht. Die Politik wird wohl kaum wagen, sich allzu weit davon zu entfernen. Aber das bedeutet nicht, dass sich jeder Vorschlag in der Praxis auch als sinnvoll erweisen wird. Das ist kaum zu erwarten angesichts dieser beispiellosen Krise. Daher wird es den Mut brauchen, sich immer wieder dort zu korrigieren, wo es nötig ist. So lässt sich der bestmögliche Weg durch diese schwere Zeit finden.

tkr DPA AFP

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