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Der Fall Kundus: Militärs hintergingen Merkel

Wer wusste wann was? Seit Wochen die große Frage bei der Aufklärung des Luftangriffs von Kundus. Recherchen des stern bringen nun den geschassten Minister Franz Josef Jung und seine früheren Spitzen-Militärs in Erklärungsnot. Sie haben der Kanzlerin frühzeitig wichtige Informationen vorenthalten.

Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan haben der Bundeskanzlerin frühzeitige Informationen über zivile Opfer des Bombardements von Kundus im September vergangenen Jahres vorenthalten. Das berichtet der stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Danach ging ein Bericht von Bundeswehroberst Karl Neumann, den dieser am 6. September nach Deutschland sendete, per Fax am Abend bei Schneiderhans Privatadresse ein. Er leitete ihn an Jung weiter, aber beide informierten Angela Merkel nicht über den brisanten Inhalt. Dem stern liegen die Dokumente vor.

Oberst Neumannn war Mitglied des "Initial Action Team" (IAT), einer Nato-Ermittlungsgruppe, die den von Deutschen befohlenen Bombenangriff am 4. September auf zwei von Taliban entführte Tanklaster untersuchte. Laut stern berichtete er in seinem fünf Seiten langen Rapport von zwölf Verletzten im Krankenhaus Kundus, darunter einem zehn- und zwei 14-jährigen Jungen: "Die Namen liegen Isaf vor." US-Kräfte hätten bereits mit der Befragung der Verletzten im Krankenhaus begonnen. Außerdem seien 14 Bewohner aus einer nahegelegenen Ortschaft "bei dem Luftschlag ums Leben gekommen". Es handele sich um Dorfbewohner, die in einer Moschee versammelt gewesen und von Taliban gezwungen worden seien, bei der Bergung der Lkw zu helfen, heißt es weiter in dem Vorabbericht, der wesentliche Elemente des späteren IAT-Berichts zusammenfasste. Diese entscheidenden Details über die blutigste Militäroperation deutscher Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dem Kanzleramt nicht mitgeteilt.

Auch der IAT-Bericht, der am 7. September im Verteidigungsministerium eintraf, wurde dem Kanzleramt nach Recherchen des Magazins vom damaligen Staatssekretär Peter Wichert vorenthalten. Erst auf wiederholtes Drängen bekam das Kanzleramt die Berichte – am 10. September, zwei Tage nach Merkels Regierungserklärung zu dem Bombardement. Das Parlament informierte sie überwiegend gestützt auf Pressemeldungen und informellen Recherchen ihrer Berater im Kanzleramt, die laut stern untergeordnete militärische Stellen anrufen mussten.

Sowohl Jung als auch Schneiderhan und Wichert sind nicht mehr im Amt. Der Minister wurde, inzwischen Arbeitsminister, von der Affäre eingeholt. Schneiderhan und Wichert wurden von Jungs Nachfolger Karl Theodor zu Guttenberg entlassen. Der Vorwurf: Sie sollen ihm wichtige Informationen vorenthalten haben.