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Kommentar

Parteitag der Rechtspopulisten: Die Kulturkämpfer - AfD will Rache für 68er-Revolution

Auf ihrem Parteitag in Stuttgart hat die AfD die Machtfrage gestellt: Sie will Revanche für die Niederlage, die das rechte und national gesinnte Lager einst gegen die 68er erlitten hat.

Frauke Petry und Beatrix von Storch von der AfD

Frauke Petry und Beatrix von Storch auf dem Parteitag der AfD

AfD-Parteitage sind ein besonderes Erlebnis: Hundertschaften von Bereitschaftspolizei, Absperrgitter, Wasserwerfer, dazu das Wummern der Polizei-Hubschrauber, die permanent überm Ort des Geschehens kreisen – eine Atmosphäre von Bürgerkrieg und Straßenkampf liegt über allem. Man mag darin eine Form ausgleichender Gerechtigkeit erkennen: Die Partei, die wie kaum eine andere von der Ausgrenzung lebt und nicht selten auch vom Ressentiment, sie erlebt sich selbst als ausgegrenzt, wenn sie sich versammelt, so wie am Wochenende in einer Messehalle am Stuttgarter Flughafen.

Will diese Partei am Ende vielleicht sogar selbst den Bürgerkrieg? Das wohl (vorerst) nicht, auch wenn ihr rechter Frontkämpfer Björn Höcke gern erklärt, die AfD sei "die letzte Chance" vor dem Volksaufstand gegen die von ihm so gehassten Eliten in Parteienstaat und Medien.

AfD stellt Machtfrage

Aber: Die AfD stellt die Machtfrage, offensiver und selbstbewusster als je zuvor. "Mehrheiten können sich ändern!", rief die Vorsitzende Frauke Petry mit drohendem Unterton in die Parteitagshalle. Das ist die erste Erkenntnis von Stuttgart: Beflügelt von den Erfolgen anderer Rechtspopulisten in Europa, wie zuletzt in Österreich, sieht sich die AfD auf der Welle eines neu-rechten Zeitgeistes, der sie irgendwann da hin spülen kann, wo sie die Grundachsen Deutschlands in ihrem Sinne verschieben kann. Sie sieht sich nicht mehr als reine Nölpartei schlechtgelaunter älterer Reihenhausbewohner. Sie sieht sich auf dem Weg an die Schalthebel der Macht.

Zweite Erkenntnis: Diese Partei ist von ungeheurer, auch unheimlich zu nennender Vitalität. Wenn über 2.000 Parteimitglieder – nicht etwa, wie bei anderen Parteien üblich, zuvor ausgesuchte Delegierte – anreisen, um volle zwei Tage in einer chronisch überfüllten Halle über ein Grundsatzprogramm zu debattieren, zu streiten, abzustimmen: Dann ist das, auch wenn die Inhalte oft abstoßend sein mögen, politisches Engagement und direkte Demokratie, gelebt mit einer Ausdauer und einer Intensität, wie sie in Deutschland lange nicht mehr zu beobachten waren. In Stuttgart waren Menschen zu erleben, die inzwischen richtig durchpolitisiert sind. Es waren viele. Sie werden so schnell nicht wieder von der Bühne der deutschen Politik verschwinden.

Die dritte – und wohl wichtigste Erkenntnis: Dieser Partei werden die Themen nicht ausgehen. Nach dem angeblichen "Asyl-Orkan" der Flüchtlingswelle ruft sie nun den Islam auf, der angeblich "nicht zu Deutschland" gehöre.

AfD will Kulturkampf

Das dahinter steckende, eigentliche Thema der AfD heißt: Wir wollen einen Kulturkampf. Wir wollen ein anderes Deutschland. Die Halle explodierte förmlich, als Co-Parteichef Jörg Meuthen rief: "Wir wollen weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland!"

Meuthen traf damit wie kein anderer die Seele der Partei, ihren eigentlichen ideologischen Kern. Die AfD ist der organisierte Versuch, die vom rechtsbürgerlichen und deutsch-nationalen Milieu immer als verletzend und demütigend empfundene historische Niederlage, die mit dem links-emanzipatorischen Aufbruch von 1968 verbunden ist, rückgängig zu machen. Sie will Revanche für 68’.

Die AfD lebt von dem Gefühl, im Grunde seit damals fremd zu sein im eigenen Land. Daher zieht jede Gleichstellungsbeauftragte, jeder links angehauchte Gemeinschaftskundelehrer, jeder Leitartikler mit rot-grünen Sympathien, die Verachtung und die Wut dieser Partei auf sich. Das grundlegende Fremdheitsgefühl gegenüber den Diskursmustern und Wertvorstellungen, die die 68er hinterlassen haben und die auch Helmut Kohl mit seiner "geistig-moralischen Wende" nicht zurückdrehen konnte, lässt sich an immer neuen Themen endlos durchvariieren: vom "Genderwahnsinn" bis zu "Multi-Kulti", vom Euro bis zur durch zu viele Anglizismen angeblich bedrohten deutschen Sprache.

AfD funktioniert in West- wie Ostdeutschland

Genau deshalb funktioniert die AfD in Westdeutschland genauso wie in Ostdeutschland. Im Westen haben AfD-Anhänger das Gefühl, das ihnen das Deutschland, in dem sie sich aufgehoben fühlen könnten, längst weggenommen wurde vom links-grünen Zeitgeist, ohne, das sie je nach ihrem Einverständnis gefragt worden wären. Im Osten haben sie das Gefühl, in der nach-68-Bundesrepublik gar nicht erst angekommen zu sein.

Der Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr könnte zu einem spannenden Schauspiel werden. Die AfD will eine Kulturrevolution – eine von rechts. Und die, die das Land von links verändert haben, werden es verteidigen müssen. Was für eine Rollenverteilung!

Die Geschichte hält manchmal doch wirklich seltsame Pointen bereit.