Die Grünen Was ist bloß aus Ihnen geworden?


Sie wollten alles und das sofort: die Welt retten, Kriege und Atomkraft stoppen, Probleme ausdiskutieren - und auf keinen Fall so werden wie die anderen. Vor 25 Jahren zogen die Grünen als vierte Kraft in den Bundestag. Die Mauer stand noch, und Kohl war gerade Kanzler geworden. Seither hat sich viel verändert. Links ist heute die Linke, öko sind alle, und die einstige Anti-Parteien-Partei flirtet mit der CDU. Der stern hat die Alternativen von damals besucht. Eine Zeitreise zu Zweiflern, Zauseln und Zweckoptimisten, die zerstrittener sind denn je
Claus Lutterbeck und Jan Rosenkranz

Christine Bernbacher kam mit Anton nach Bonn und verlangte auch für ihn einen Bundestagsausweis - er war ihr Langhaardackel. Walter Schwenninger trug eine solch gewaltige Matte, dass ihm ein CDU-Mann 1,50 Mark für den Friseur in die Hand drückte. Nur Erika Hickel verpasste die historische Stunde: Sie hatte nicht geglaubt, es in den Bundestag zu schaffen - und war in einen langen Urlaub verschwunden.

Als die ersten 28 Grünen-Abgeordneten am 29. März 1983 ins Parlament einzogen, zerbrach die gemütliche Bonner Drei-Parteien- Republik. Es war wie heute mit Oskar Lafontaines Linken: Keine der beiden Volksparteien konnte sich vorstellen, mit den Tannenzweiglein schwenkenden Exoten eine Koalition einzugehen. Es gibt dieses Foto, das den Kulturschock konserviert hat: zwei Schrate mit langen Haaren und langen Bärten, dahinter zwei CDUler mit Scheitel und Anzug und Skepsis im Blick. Bart I: Gert Jannsen, Geografieprofessor aus Oldenburg. Bart II: Dieter Drabiniok, Maurer aus Bottrop. Ein Vierteljahrhundert später wird dieser Drabiniok sagen: "Ich bin nur noch Karteileiche." Seine Haare sind grauer, aber immer noch lang. Beiträge zahlt er seit Jahren nicht mehr. Man ist sich fremd geworden mit der Zeit.

Kein Bock mehr auf Konsum

Bevor Drabiniok zu den Grünen kam, gehörte er zur "Ruhrpott-Schickeria". Dicke Rolex, dickes Auto und künstliche Locken. Bis er zufällig einen Artikel über die Grenzen des Wachstums las. Sonst schlug er nur den Sportteil auf. Nun machte es "Knack", kein Bock mehr auf Konsum, auf dieses Mehrmehrmehr. Stattdessen zog er mit Plakaten um den Hals durch die Fußgängerzone von Bottrop. Die Mutter sorgte sich, er würde noch unter der Brücke landen. Der Vater wollte ihn zum Psychiater schicken. Die Ehe ging zu Bruch.

Und dann sass er im Bundestag. Er platzte vor Stolz. Er starb fast vor Angst vor der ersten Rede. Er vertauschte die Blätter, verlor den Faden, und als er Hilfe suchend aufschaute, sah er Joschka Fischer, der bräsig in der Bank saß und sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlug.

Egal. Vorbei. Alte Zeiten. Heute ist ihm vor allem eines wichtig: In ein paar Tagen ist er schuldenfrei, nach langen Jahren in der Privatinsolvenz. Es lief nicht gut mit seiner Baufirma, die er gegründet hatte, als er fertig mit den Grünen war. Er zahlte als Einziger nach Tarif, einige Auftraggeber zahlten gar nicht. Irgendwann war Schluss. Seitdem lebt er von Hartz IV. Schreibt Kurzgeschichten und Leserbriefe an die Zeitung. Joggt viel. Er ruht ganz in sich.

Nur eine Erde

Drabiniok ist Grüner geblieben, obwohl ihm die Partei zu zahm geworden ist. "Damals einte uns die Erkenntnis, dass wir nur diese eine Erde haben", sagt er. Jetzt sprechen die Grünen von "Wachstum" und liebäugeln in Hamburg mit der CDU. "Wir sind auf dem Weg zur reinen Funktionspartei. Stinknormal, Stütze des Systems, alles, was wir nie sein wollten." Drabiniok ist nicht verbittert, er findet es nur schade.

Heute überschlagen sich alle dabei, supergrün auszusehen, zumindest in Wahlzeiten. Sogar Frauenthemen stehen in jeder Partei obenan. Damals johlten die schwarzen Machos wie im Bierzelt, wenn eine der "Emanzen" ans Rednerpult ging. "Man spürte ihre Blicke auf dem Körper", erinnert sich Gaby Gottwald, mit 27 Jahren damals die Jüngste der Grünen. "Wie kurz ist ihr Rock? Trägt sie einen BH?" Um die Kerle "vorzuführen in ihrem ganz ordinären Sexismus", zog sie immer besonders kurze Röcke an, wenn sie Reden hielt. Unionsmänner geiferten "Hexe, Hexe". Noch heute strahlen ihre Augen hinter der randlosen Brille, wenn sie davon erzählt.

Zweimal Marx gelesen

Die stramme Linke, die Marx' "Kapital" zweimal gelesen hat ("Einmal privat, einmal an der Uni"), glaubt, die Grünen seien "in fast allen Kernfragen gescheitert". Nun sogar mit der CDU koalieren zu wollen sei "beschämend, bald haben sie alles aufgegeben, wofür sie standen". Richtig "widerlich und verrottet" findet sie jene Grünen, die auf "die bösen Kommunisten" einteufeln: "Was für eine verlogene Bande. In Hamburg nannte man Krista Sager 'Pol-Pot-Mieze', heute wagt sie es, vor DKP-Leuten bei der Linken zu warnen?" Gaby Gottwald koordiniert heute den Arbeitskreis Soziales bei der Bundestagsfraktion der Linken.

Voller Skepsis verfolgt auch Waltraud Schoppe ihre alte Partei - vom entgegengesetzten Flügel aus. Gegen schwarz-grüne Bündnisse hat sie nichts. Sie ist "entsetzt" darüber, dass Fraktionschefin Renate Künast "glaubt, die Grünen stünden der Linken viel näher als der FDP. Mit dieser Linken kann man doch nicht zusammenarbeiten!" Schoppe vermisst den Schwung, der die Grünen auf die politische Bühne katapultiert hat: "Neue Ideen! Wo sind die? Wir Grünen haben alle Parteien verändert, aber dabei haben wir unser Profil verloren." Als "normale Zeitungsleserin" fragt sie sich oft, "wer eigentlich für uns im Bundestag sitzt und was die da vertreten?"

Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass das Weltverbessern immer schwieriger wird. Kürzlich schauten die Grünen bei einer kleinen Feier einen TV-Film, der die Fraktion 1983 bei ihren chaotischen Anfängen zeigt. Da lachten die vielen jungen, ordentlich angezogenen, brav gescheitelten Mitarbeiter im Präsidialsaal des Reichtags, wie sich die grünen Opas und Omas lustvoll bis zum Heulkrampf zerfleischten. Nach dem Film gab es ein Gläschen Bio- Holundersekt, und nach fünf Minuten ging es huschhusch wieder an die Arbeit.

Jeder durfte reden

"Wenn ich heute die Bilder sehe", sagt Antje Vollmer, "merke ich vor allem, wie jung das war. Wir waren alle wie frisch von der Wiese gepflückt." Sie hatten weder viel Respekt vor "diesem Hohen Haus" noch sonderlich viel Ahnung von Anträgen, Anfragen und Ausschüssen. Elf Jahre später kam die evangelische Theologin als erste Grüne ins Präsidium des Parlaments, ausgerechnet mit der Hilfe der CDU. Als Bundestagsvizepräsidentin a. D. steht der kleinen Frau mit dem immergleichen Pagenkopf noch ein Büro zu, einen Steinwurf vom Reichstag entfernt. Sie halte die ersten Fraktionsmitglieder für die Charismatiker, sagt Vollmer, "schon die Nachrücker waren bürokratischer". Grüne Abgeordnete mussten anfangs nach zwei Jahren ihr Mandat abgeben; die Partei wollte keine Berufspolitiker züchten. Die Ersten stritten auf Fraktionssitzungen bis zur völligen Erschöpfung. "Marieluise ist der Meinung: Was soll der Schwachsinn." "Joschka Fischer dreht durch." So lesen sich die Protokolle jener Tage. Jeder durfte reden, auch die Basis, und überall war Presse.

"Die Grünen waren die modernste Partei, weil sie konsequent auf die Medienwirkung zielten", sagt Vollmer. Die zwanghaft symbolischen Aktionen gingen ihr oft auf den Wecker, aber sie brachten Aufmerksamkeit. Petra Kelly hatte ihnen das eingeimpft. Der grüne Friedensengel hatte diesen Stil im Wahlkampfstab von Robert Kennedy gelernt. Also zogen sie mit einer vom sauren Regen gebeutelten Tanne durch Bonn, schafften Dienstfahrräder an oder strickten im Plenarsaal Socken.

Um Bündnisse ging es nicht. Sie waren Schmuddelkinder, mit denen niemand regieren wollte. Sie tanzten ihren Reigen auch lieber allein - da konnten Fischer und Otto Schily noch so oft rot-grüne Kabinette zusammenträumen. Als Rot-Grün 1998 dann doch regierte, sagt Antje Vollmer, sei es historisch fast schon zu spät gewesen. "Die Folgen der Einheit und der Globalisierungsschock zwangen im Grunde zu neoliberaler und neokonservativer Politik." Die Große Koalition setze das nahtlos fort. Schwarz-Grün könnte nun ebenso zu spät kommen, sagt Vollmer. Sie rät ihrer Partei, auch über Bündnisse mit der Linken nachzudenken. "Jetzt ist die Zeit für linke Korrekturen gekommen."

"Ein bisschen wertkonservativ"

Das sieht Wolfgang Ehmke ähnlich. Dabei kommt er von den schwarz-grün angehauchten Südwest-Grünen, die "ein bisschen wertkonservativ waren und argwöhnisch auf die linken Großstadt-Grünen sahen". Heute wäre es ihm lieber, wenn die Partei mit SPD und der Linken koalierte. "Die Wahlen zeigen, es gibt eine linke Mehrheit, man muss sie nur auch nutzen."

"Wir als Grüne …" Da muss er lachen, weil er schon so lange kein Grüner mehr ist. Gründungsmitglied Ehmke ist 2000 ausgetreten, weil die Partei dem Kosovo-Einsatz zustimmte. "Ich bin kein absoluter Pazifist, aber überzeugt, dass die Bundeswehr im Ausland nichts zu suchen hat", sagt er. Der Beamte Ehmke war Fischer 1985 ins hessische Umweltministerium gefolgt und 14 Jahre geblieben, bis Roland Koch die Macht übernahm. Da wurde er gefeuert. Umweltschützer ist er bis heute, hält Vorträge und studiert heimische Orchideen.

Sein einstiger Dienstherr wollte nicht über die alten Zeiten und schon gar nicht über die Grünen heute reden. "Tempi passati", sagt Joschka Fischer. Da führt er lieber seinen Hund im Grunewald spazieren. Auch Otto Schily, der Zampano der grünen Fraktion, dann zur SPD gewechselt, lässt ausrichten, er "möchte nicht reden".

Aus härterem Holz

Die beiden gaben schon damals allen zu verstehen, dass sie aus härterem Holz geschnitzt sind als die friedensbewegten Weicheier. "Zwei Egomanen", die sich in ihrer Eitelkeit durchaus unterschieden, erinnert sich Hubert Kleinert: "Schily hat die Leute nur einsortiert: Wer schmeichelt mir am meisten?" Fischer "wusste, wann es wichtig war, auch mal jemandem zuzuhören". Zu Fischer, mit dem er so viel zusammenhockte und ausheckte, dass Antje Vollmer giftete: "Wann gebt ihr endlich zu, dass ihr euch liebt?", hat er keinen Kontakt mehr. Schily trifft er ab und an zufällig in Berlin. Nach fünf Minuten fällt ihm immer auf, dass sich seine "weniger angenehmen Seiten" noch deutlich verstärkt haben. "Die Selbstgerechtigkeit nimmt mit dem Alter zu."

Bäckersohn Kleinert gehörte zu den klügsten Köpfen der Grünen, er und Metzgersohn Fischer haben die Strategien der Realos maßgeblich entworfen. Ihn nervte der "verlogene Moralismus", das Blümchen-Tragen und die endlosen Psychokisten. Er sah Politik nüchtern: "Was müssen wir tun? Wie kriegen wir das hin? Wie werden die anderen darauf reagieren? Und was machen wir dann?" Seine Gegner schimpften ihn "Realissimo", aber das hält er für ein Lob: "Ich verstehe nicht, warum sich eine Partei jahrelang heillos über so eine banale Frage zerstreitet, ob man mitspielen soll in der Politik oder nicht."

Dass CDU und Grüne einmal koalieren, hätte er "im Traum nicht gedacht". Der Hamburger GAL wünscht er alles Gute für ihr Experiment; mit der CDU verschwimme das eigene Profil nicht so wie im Bündnis mit der SPD. "Bei deutlichen Abstand voneinander lässt es sich besser zusammenarbeiten." 2001 hat er im Kreistag von Marburg eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP eingefädelt, und mit dem schwarzen Landrat spielt er ab und zu Tennis.

Gegenstand beruflicher Betrachtung

Kleinert ist Politikprofessor in Gießen. Die Grünen sieht er "wie jede andere Partei auch, sie ist Gegenstand meiner beruflichen Betrachtung". Seine Frau ist ausgetreten. Wieso sitzt nur noch eine Abgeordnete von damals im Bundestag? "Ganz einfach", sagt Kleinert, "die Marie war immer die Normalste von uns allen."

Der Lehrerin Marieluise Beck waren die Machtspiele der grünen Männer immer suspekt, sie wollte "Tabus aufbrechen, Utopien entfalten" und fand später raus, dass der Bundestag ein denkbar schlechter Ort dafür war und dass Kompromisse "nicht Einknicken bedeuten", sondern notwendig sind, "solange die Richtung stimmt". Natürlich sei Fischer oft ein "entsetzlicher Rüpel" gewesen, aber er habe den Grünen genau das eingetrichtert. Das sei sein großes Verdienst. Dieser schmerzhafte Gang stehe der Linken noch bevor: "Wie die das Blaue vom Himmel runter versprechen, aber nie sagen, wie sie das alles bezahlen wollen", da kriegt sie zu viel. "Denen sollen wir näher sein als der FDP?" Wenn alles gut geht, zieht sie auch im kommenden Jahr wieder in den Bundestag ein. Lust dazu hat sie.

"Ideale von einst verraten"

Damit steht sie allein auf weiter grüner Flur. Vier aus der ersten Fraktion sind gestorben, viele haben die Grünen verlassen, fast keiner ist mit dem Schlingerkurs zufrieden, und Jürgen Reents sagt sogar: "Ich finde es unbegreiflich, wie man eine Partei wählen kann, die dem Fischer so speichelleckerisch in den Kosovo-Krieg gefolgt ist." Schlimmer könne man "die Ideale von einst nicht verraten". Die Grünen hätten "durchaus ein paar historische Glanzpunkte" gehabt, geblieben sei "leider nicht viel". Dass sie heute versuchten, mit der Union Koalitionen zu bilden, findet er verständlich, "vielleicht gelingt es ihnen ja dabei, ihr Profil wieder etwas zu schärfen".

Reents ist Chefredakteur einer kleinen Zeitung mit großem Namen, die "ständig ums Überleben kämpft". Mehr als 43 284 Leser täglich wollen das "Neue Deutschland" nicht kaufen. Nicht mal Mindestlohn kann das Blatt seinen Angestellten zahlen, aber die nehmen das klaglos hin, "denn sie wissen: Die Alternative ist nicht mehr Lohn, sie heißt zumachen". Reents ist Mitglied der Linken, die Aufforderung, "wir sollten, so wie die Grünen, erst mal einen ideologischen Kotau machen, bevor man mit uns regieren kann", hält er für unzumutbar.

Untereinander haben die 28 Grünen- Abgeordneten der ersten Stunde fast keinen Kontakt mehr. Die Zentrifugalkraft, die schon den Anfang so schwer machte, hat sie weit auseinandergewirbelt. Vor ein paar Jahren war Dieter Drabiniok eingeladen nach Berlin, das Jubiläum der Parteigründung zu feiern. Man hatte sich nicht viel zu sagen. Vielleicht auch, weil sich Drabiniok so verdammt treu geblieben ist. Er war der Einzige mit langen Haaren.

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