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Mondmission, Obama, Twitter: Das All als Ablenkungsmanöver? Wie Donald Trump versucht, die Schlagzeilen umzuschreiben

Der US-Präsident will wieder zum Mond fliegen. Warum ausgerechnet jetzt? Eine mögliche Lesart: Donald Trump will von unliebsamen Problemen ablenken. Es wäre nicht das erste Mal.

Donald Trumps Ablenkungsmanöver

Will US-Präsident Donald Trump mit seiner Mond- und Marsmission nur ablenken?

Eigentlich ist es bemerkenswert, mit was für einer Konsequenz Donald Trump offenbar versucht, unliebsamen Schlagzeilen den Kampf anzusagen. Dabei scheint ihm egal zu sein, ob seine zweifelhaften PR-Stunts aufs Image einzahlen oder nicht. Knapp ein Jahr nach seiner Amtseinführung findet der US-Präsident so wenig Zustimmung in der Bevölkerung wie keiner seiner Vorgänger vor ihm in den vergangenen Jahren 70 Jahren.

Es kann eigentlich nur besser werden, könnte sich Trump das Dilemma schönreden. Und so greift Trump scheinbar immer wieder zu einem (un-)geschickten Stilmittel, das verdächtig nach Methode aussieht: dem Ablenkungsmanöver.

Mission (Impossible) to Mars  

Wer in diesen Tagen "sexual harassment" (z. dt.: sexuelle Belästigung) in die Google-News-Suche tippt, sieht in den Top-Schlagzeilen immer wieder einen Namen auftauchen: Donald Trump. Für einen US-Präsidenten im Allgemeinen sind das bereits sehr unangenehme Nachrichten, für Donald Trump im Besonderen obendrein altbekannte Anschuldigungen.

Mehr als zehn Frauen haben ihm Übergriffe vorgeworfen und beziehen sich dabei auf Vorfälle, die sich vor Jahren abgespielt haben sollen. Drei von ihnen haben ihre Anschuldigen, die sie bereits während Trumps Wahlkampf erhoben haben, nun im US-Fernsehen erneuert. Obendrein ist die US-Botschafterin bei den UN der Ansicht, dass den Frauen, die Donald Trump der sexuellen Belästigung beschuldigt haben, "zugehört" werden sollte. Dass Trump für den Republikaner Roy Moore gewissermaßen die Werbetrommel rühren muss, dem ebenfalls sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, nimmt der Debatte nicht gerade die Brisanz. 

Also stellt der US-Präsident Donald Trump eines klar: "Dieses Mal werden wir nicht nur Flaggen aufstellen und unsere Fußabdrücke hinterlassen, sondern wir werden letztlich das Fundament für eine Mars-Mission legen - und, vielleicht, für viele weitere Welten." Äh, was? Die USA wollen die bemannte Raumfahrt zum Mond wieder aufnehmen und diese als Basis für Missionen zum Mars nutzen. "Wir träumen groß.", sagt Trump, der die entsprechende Direktive am gestrigen 45. Jahrestag der bis dato letzten bemannten Mission zum Mond unterzeichnet hat. Medien aus aller Welt berichten darüber. Obwohl die Anordnung bisher ein Luftschloss ist - einen Zeitrahmen oder ein Budget für dieses ambitionierte Ziel nennt sie nicht. Aber das ist, so der Eindruck, ohnehin Nebensache. Solange unschönere Meldungen im Zusammenhang mit Trump nicht zur Hauptsache werden.

Donald Trump, das "durchtriebene Marketing-Genie"

Wie zum Beispiel Donald Trumps Steuerreform, die nach der Schlappe bei "Obamacare" seinen ersten großen Gesetzeserfolg bedeuten könnte - aber hoch umstritten ist. Kritiker gehen davon aus, dass vor allem Gutverdiener, Millionäre und Milliardäre von der Reform profitieren werden. Während die Mittelschicht auf lange Sicht vermutlich sogar mehr zahlen muss als bisher. Bei diesen Prognosen haben selbst Trumps Republikaner mit ihrer Zustimmung gehadert - eine Abstimmung wurde sogar kurzfristig vertagt - die Kritik aus den Medien ist scharf und schonungslos. Kurz: Die Aufregung ist groß.

Dass kann Donald Trump natürlich nicht gebrauchen. Schon gar nicht so kurz vor dem Ziel, eines seiner zentralen Wahlversprechen einzulösen. Also verteilt Donald Trump die Aufmerksamkeit mit Hilfe einer Provokation um: Innerhalb von zehn Stunden verbreitet Donald Trump via Twitter drei islamophobe Videos einer britischen Rechtsextremistin - kommentarlos, ohne Kontext. Später wird sich Trumps Sprecherin lieblos rechtfertigen: "Egal, ob es ein echtes Video ist, die Bedrohung ist echt." Doch da ist der womöglich kalkulierte Skandal schon international in den Schlagzeilen. Nach Kritik der britischen Regierung lässt Donald Trump Premierministerin Theresa May via Twitter wissen: "Konzentrieren Sie sich nicht auf mich, konzentrieren Sie sich auf den zerstörerischen radikalen Islamismus, der innerhalb des Vereinigten Königreichs stattfindet. Uns geht es gut!"

Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" erkennt darin die "Strategie des durchtriebenen Marketing-Genies". Es dürfte kein Zufall sein, "dass Trump die islamfeindlichen Videos just in den Tagen seinem Millionenpublikum weiterleitet, in denen es im US-Senat um die Details seiner umstrittenen Steuerreform geht.", kommentiert die Tageszeitung.

Russland? Obama!

Ein Umstand wirft einen besonders langen Schatten auf Trumps Amtszeit: seine angeblichen Russland-Kontakte. Bis heute wird in dieser Angelegenheit ermittelt. Auch am 1. März spitzt sich die Lage zu, als die "Washington Post" berichtet, dass US-Justizminister Jeff Sessions Kontakte zum Kreml während des Wahlkampfes gepflegt haben soll. Rücktrittsforderungen wurden laut, ebenso der Verdacht, dass auch Trump mit drin steckt.  

Also setzt Trump kurzerhand eine andere Affäre in die Welt: "Schrecklich! Habe gerade herausgefunden, dass Obama meine Leitungen im Trump Tower abgehört hat, kurz vor dem Sieg. Nichts gefunden.", twittert Trump am 4. März.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat dem vermeintlichen Abhörskandal - für den es keinerlei Beweise gebe, so Ex-FBI-Chef Comey damals - in einer Chronologie aufgearbeitet. Trumps offenbar mutwillig aufgebauschte Geschichte wird von der "SZ" bis zum 6. April nachgezeichnet, bis der Zeitstrahl mit der Erkenntnis schließt: "Die Schlammschlacht geht also weiter. Und das nur wegen ein paar Trump-Tweets und anderer Behauptungen, an denen - auch mit größter Fantasie - so gut wie nichts dran ist."

Der "Deutschlandfunk" titelt zu dem "Ablenkungsmanöver des Präsidenten": "Twittern gegen die Russland-Ermittlungen" - und zitiert den ranghöchsten Demokraten im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, Adam Schiff. "Das ist ein Versuch, von den Russland-Ermittlungen abzulenken.", so Schiff. "Immer wieder werden neue Themen hochgebracht, was im Endeffekt eine Wolke schafft, die der Öffentlichkeit den Blick auf die Realität versperren soll. (...) Das Weiße Haus unternimmt jede Anstrengung, um davon abzulenken und zu sagen: Schauen Sie nicht hier hin, hier gibt es nichts zu sehen."

Immerhin fliegen die USA bald wieder zum Mond.

fs