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Marquardt-Buch "Vater, Mutter, Stasi": "Die Stasi darf nicht das letzte Wort haben"

Es war das dunkle Geheimnis ihres Lebens: Die Politikerin Angela Marquardt wurde erst von ihrem Stiefvater, dann von der Stasi missbraucht. Jetzt hat sie es öffentlich gemacht. Ein Gespräch.

Von Jens König

"Ich spürte eine ewige Angst": Angela Marquardt auf der Terrasse des Berliner stern-Büros

"Ich spürte eine ewige Angst": Angela Marquardt auf der Terrasse des Berliner stern-Büros

Angela Marquardt steht im Berliner Büro des stern. Fotoshooting. Schwarze Hose, schwarzer Pullover. Nur ihre kurzen Haare leuchten blond. Eine Erinnerung an ihre Punk-Zeit. Der Fotograf bittet sie, aufrecht zu stehen, nicht so nach vorn gebeugt. "Kann ich nicht", sagt sie und lacht. Die Körperhaltung mit eingezogenen Schultern hat sie beim Judo gelernt. "Die ideale Verteidigungsposition. Wer aufrecht steht, landet schneller auf dem Rücken." Verteidigen will sie sich aber eigentlich nicht mehr.

Angela Marquardt, 43, klein, schmal, drahtig, ist aus ihrem alten Leben ausgebrochen, hat sich emanzipiert davon, was sie selbst für ihre Geschichte hielt. "Gysis Kleene" war sie, die Vorzeige-Punkerin der PDS, stellvertretende Parteivorsitzende mit 24 und bunten Haaren, Bundestagsabgeordnete. 2002 dann der radikale Absturz: Sie wird als "Inoffizielle Mitarbeiterin" der Stasi enttarnt. Schon mit 15 soll sie für den DDR-Geheimdienst gearbeitet haben. Als Kinder-IM. Sie scheidet aus dem Bundestag aus, studiert, wird arbeitslos, dann Mitarbeiterin bei Andrea Nahles, tritt schließlich in die SPD ein. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben.

Darin lüftet sie das dunkle Geheimnis ihres Lebens. Sie war ein verletztes, missbrauchtes Mädchen, als sie in die Fänge der Stasi geriet. Sie entdeckt, dass sie Teil eines perfiden Plans war. Fast alle um sie herum waren Spitzel: ihre Mutter, ihr Stiefvater, ihr Großvater, die Freunde ihrer Eltern. Ihre ganze Familie eine Art Außenstelle der Stasi. Angela Marquardt sollte zu einer Top-Spionin in Erich Mielkes Reich ausgebildet werden. Eine unglaubliche, sehr deutsche Geschichte. Das Gespräch darüber, das oft bedrückend ist, wird sechs Stunden dauern. Als es endet, ist über Berlin längst die Nacht hereingebrochen.

Ihr Leben hatte ein "Geheimnis", wie Sie es nennen. Wie ist es, damit zu leben? Etwas in sich wegzuschließen?
Schwer. Es kann ja jederzeit mit umso größerer Wucht zurückkommen. Ich habe fast mein halbes Leben damit verbracht, meine Geschichte von mir wegzuhalten. Tief in mir drin wollte ich sie einfach nicht erlebt haben.

Aber Sie haben sie erlebt.


Mich jetzt damit auseinanderzusetzen, hat mich viel Kraft gekostet. Es hat auch wehgetan. Zwischendurch habe ich sogar überlegt aufzuhören. Ich wusste, ich muss die Geschichte ganz erzählen, ich darf nicht wieder in der Mitte anfangen. Ich kann sie nur nachvollziehbar machen, wenn ich erzähle, wie es wirklich war.

Was hat Sie so belastet?


Ich spürte eine ewige Angst in mir. Dass meine Stasi-Geschichte jederzeit wieder rausgeholt werden kann, um mich öffentlich an den Pranger zu stellen. Bei jedem Interview, das ich gab, bei jedem politischen Schritt, den ich ging, bei jeder Bewerbung für einen neuen Job – immer fürchtete ich, ich könnte wieder mit meiner Vergangenheit konfrontiert werden. Es war ein Leben mit angezogener Handbremse. Ein Leben im Schatten der Stasi.

Das Geheimnis trug Angela Marquardt mit sich herum, seit sie ungefähr neun Jahre alt war. Ihr leiblicher Vater war ein Jahr zuvor aus ihrem Leben verschwunden, die Eltern hatten sich scheiden lassen. Die Tochter war nicht traurig darüber. Ihr Vater war ein Sadist gewesen. Er hatte Angela grün und blau geprügelt, Bierflaschen nach ihr geworfen, ihre Hand auf die kochend heiße Waschmaschine gedrückt. Einmal hatte er sie sogar kopfüber vom Turm der Marienkirche in Greifswald gehalten.

Dann trat ein neuer Mann in ihr Leben. Michael, der neue Freund ihrer Mutter. Er arbeitete am Theater in Greifswald. Er fuhr mit Angela nach Rügen, in eine Ferienpension. Dort vergewaltigte er sie. Sie weinte nicht. Erzählte auch nichts ihrer Mutter. Ein jahrelanger Albtraum begann. Ihr Stiefvater missbrauchte sie immer wieder. Manchmal hörte er Musik dabei, Nino de Angelo, und sang dazu: "Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind". Sie fing an, ihn "Vater" zu nennen, in der Hoffnung, er würde ihr nicht mehr wehtun.

Dem Martyrium entkam sie erst 1987, als ihre Mutter, der Stiefvater und ihre zwei Geschwister nach Frankfurt/Oder zogen. Sie setzte durch, dass sie allein in Greifswald bleiben durfte. Mit 16. Die "Freunde" ihr Eltern kümmerten sich um sie, behandelten sie wie eine Erwachsene. Aber sie taten ihr dabei nicht weh. "Sie waren genau genommen die ersten männlichen Bezugspersonen, die mir nichts antaten", schreibt Angela Marquardt im Buch. "Dafür schleuderte ich ihnen mein Herz entgegen". Ihnen, den Stasi-Offizieren.

Heute weiß sie, dass dieses Geheimnis der Schlüssel zu ihrer Geschichte ist. Sie schreibt von einem "doppelten Missbrauch - erst durch meinen Stiefvater, dann durch die Stasi". Als sie im Gespräch kurz darüber redet, reden muss, weil es zur Wahrheit dazu gehört, nimmt sie das Wort "Missbrauch" nicht in den Mund. Sie spricht immer nur von "Kapitel drei". Tränen steigen in ihre Augen, ihr Körper wird ganz starr. Nur zwei Menschen hatte sie bislang davon erzählt. Jetzt berichtet sie öffentlich, kurz und knapp, nur das Nötigste, im dritten Kapitel des Buches, Überschrift "Das Geheimnis". Darüber hinaus will sie nichts erklären. "Alles, was ich dazu zu sagen habe, steht im Buch."

Die Mutter IM. Der Stiefvater IM. Der Opa IM. Ihre Freunde Stasi-Offiziere. Eine gespenstische Vorstellung. Die Stasi war Ihre Familie. Ihr Leben.
Ja, was für eine Übermacht!

Die Stasi hatte Sie im Visier, seit Sie 14 waren.


Und sie hatte mein Leben bis zu meinem 25. Lebensjahr verplant. Es gibt eine detaillierte "Einsatz- und Entwicklungskonzeption" der Stasi für mich. Ich sollte im Jahr 1995 an der Theologischen Fakultät in Greifswald als IM installiert werden. Der Politologe Helmut Müller-Enbergs sagte mir, aus meiner Akte könne man herauslesen, dass die Stasi Großes mit mir vorgehabt habe. Sie habe mich zu einer Art Manfred Stolpe für Greifswald entwickeln wollen.

Macht Ihnen das im Nachhinein Angst?


Natürlich. Vor allem frage ich mich, was passiert wäre, wenn 1989 die Mauer nicht gefallen wäre. Ob ich die geworden wäre, die die Stasi aus mir machen wollte?

Und? Wären Sie?


Ich weiß es natürlich nicht. Ich kann nur hoffen, dass ich mit zunehmendem Alter die Dinge durchschaut hätte und stark genug gewesen wäre, die Stasi aus meinem Leben zu werfen.

Warum haben Sie das Netz, das die Stasi um sie herum gesponnen hatte, erst jetzt erkannt?


Früher wollte ich das nicht an mich heranlassen. Ich wollte immer noch daran glauben, dass die Stasi-Leute doch meine Freunde waren. Inzwischen habe ich gelernt, dass ich diese "Freunde" auch deswegen nicht infrage stellte, weil ich nicht wollte, dass mir jemand weh tut.

Heute sind Sie härter zu sich selbst?


Heute weiß ich, dass ihre Freundlichkeit niemals mir galt. Diese Männer waren Stasi-Führungsoffiziere, die mich für ihre Pläne zugerichtet haben. Für das Buch habe ich die Stasi-Personalakten meiner Täter gelesen. Auf jeder Seite springt mich an: Du warst für die nur ein Objekt, Verfügungsmasse, eine Marionette. Auf jeder Seite springt mich aber auch meine eigene Naivität an. Ich verstand damals einfach nicht, was mit mir passierte. Heute schäme ich mich dafür.

Die Stasi hatte Sie noch im Griff, als Sie ihr längst entkommen waren?


In gewisser Weise ist das so. 1998 hatte ich eine bizarre Begegnung mit einem meiner ehemaligen Führungsoffiziere. Ich kandidierte gerade für den Bundestag. Und er fragte mich, ob ich ihn nicht als meinen Mitarbeiter im Wahlkreis anstellen wolle. Ich war sprachlos. Und hatte gleichzeitig Angst. Heute denke ich: Glaubte er, diese Frage stellen zu dürfen, weil ich sein "Produkt" war? Wollte er von mir profitieren, weil er mich "geschaffen" hatte?

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was Angela Marquardt zur Unterzeichnung ihrer Verpflichtungserklärung sagt

"Die Stasi hatte Großes mit mir vor": Angela Marquardt im Gespräch mit stern-Autor Jens König

"Die Stasi hatte Großes mit mir vor": Angela Marquardt im Gespräch mit stern-Autor Jens König

"Vater, Mutter, Stasi", heißt Ihr Buch. Das bringt es auf den Punkt.
Manchmal habe ich mich allerdings schon gefragt, warum ich allein ausbaden muss, was meine Eltern und die Stasi angerichtet haben.

Reden Sie mit Ihrer Mutter darüber? Ihre Eltern haben Sie schließlich der Stasi auf dem Silbertablett präsentiert.


Bitte haben Sie Verständnis, dass ich dazu nichts sagen möchte. Es geht mir vor allem um mich. Um meine Sicht auf die Geschichte.

Haben Sie bis 1989 überhaupt kein selbstbestimmtes Leben geführt?


Doch. Wichtige Entscheidungen in meinem Leben habe ich schon selbst gefällt. Wie die, 1987, als meine Familie nach Frankfurt/Oder zog, allein in Greifswald zu bleiben. Aber manchmal stoße ich in meiner Erinnerung tatsächlich auch an Grenzen.

An welche Grenzen?


Wenn ich in den Stasi-Akten von Dingen lese, von denen ich nichts wusste. Oder an die ich mich nicht erinnern kann.

Zum Beispiel?
Ich wollte eigentlich Sportoffizier der NVA werden. Als sich mein Berufswunsch zerschlug, redeten alle auf mich ein, ich könnte doch Theologie studieren, was bei meinem Elternhaus eigentlich verrückt war. Ich dachte bislang, ich selbst wollte das auch so. Wenn ich die Stasi-Akten lese, muss ich sagen: Diesen Zukunftsplan hat die Stasi für mich geschmiedet. Manchmal fühlt es sich an, als habe ich ein ganz anderes Leben geführt, als es in meiner Erinnerung abgespeichert ist.

Sie mussten Ihr Leben neu zusammensetzen?


Ich musste auf Spurensuche gehen und es rekonstruieren. Die Stasi hat mein Leben nicht nur beeinflusst, sondern regelrecht gesteuert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will mich damit nicht als Opfer hinstellen. Höchstens als Opfer meiner eigenen Arglosigkeit.

Stellen Sie sich manchmal die Frage, wie sehr die Stasi Ihren Charakter geprägt hat? Gerade in der Pubertät?


Es fällt mir schwer, diesen Gedanken zuzulassen. Aber ich muss es wohl. Nur habe ich keine Antwort darauf.

"Ich lasse meine Geschichte damit los": Angela Marquardt

"Ich lasse meine Geschichte damit los": Angela Marquardt

Im Juni 2002 saß Angela Marquardt in der Küche ihrer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie trug bunte Haare und einen Nasenring. Die sonst so selbstbewusste, quirlige junge Frau war schon seit Stunden ganz still, in sich gekehrt, tief erschüttert. Vor ihr auf dem Tisch 100 Seiten Papier. Eine Kopie ihrer Stasi-Akte. Ihr Leben, wie die Staatssicherheit der DDR es sah, hatte sie 85,19 Euro gekostet. Mit Quittung. Sie las, dass sie mit 15 eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte. Dass ihr Deckname "IM Katrin Brandt" lautete. Dass ihr Freund Jörg "Oberfeldwebel" war und ihr Führungsoffizier. "Ich habe mich mit keinem Führungsoffizier getroffen", sagte sie, "sondern mit Jörg."

Sie war verzweifelt. Welche Wahrheit war die richtige? Ihre eigene? Oder die in den Akten? Seit Tagen hatte sie das Haus nicht mehr verlassen. Sie versteckte sich. Nur mit zwei Journalisten, denen sie vertraute, sprach sie. Ihr häufigster Satz lautete: "Ich kann mich nicht erinnern." War das, was die Stasi mit ihr gemacht hatte, nicht seelischer Missbrauch? Angela Marquardt zuckte in ihrer Küche zusammen. "Nein, missbraucht fühle ich mich nicht", sagte sie. In ihrem Kopf arbeitete es weiter. Heute wird klar, warum sie damals die Erkenntnis scheute: Sie hätte darüber sprechen müssen, wer sie missbraucht hat. Nicht nur die Stasi. Sondern auch ihr Stiefvater. Es gab etwas, das sie verschweigen musste. Ihr Geheimnis.

"Also tat ich das, was ich gelernt hatte. Ich schwieg", steht in Ihrem Buch.
Ja, Schweigen konnte ich, wie mein Stiefvater wusste. Als Kind habe ich viele Sachen in mich hinabgeschwiegen.

Warum haben Sie sich 2002 Ihrer Vergangenheit nicht stellen können?


Damals hatte ich null Selbstbewusstsein. Ich dachte nur: Stasi, Spitzel, oh Gott. Ich war schutzlos und überfordert. Der einzige Schutz, der mir blieb, war, meine Geschichte nicht zu erzählen. Also versuchte ich halbherzig, ein Puzzle zusammenzusetzen. Ich hörte jedoch mittendrin einfach auf und sagte: So, das Puzzle ist jetzt fertig. Obwohl die Mitte noch fehlte.

Wollten Sie sich nicht erinnern? Oder konnten Sie nicht?


Beides. Ich kann mich ja bis heute nicht an alles erinnern. Es ist mir selbst ein Rätsel. Ich wünschte, ich könnte es. Ich kann mich, wie fast alle Menschen, an meinen ersten Kuss erinnern. Es war mit Frank. Ich war 12. Ich weiß auch noch, wo es war. Aber dass ich mit 15 eine Verpflichtungserklärung für die Stasi unterschrieben habe – daran habe ich keinerlei Erinnerung.

Viele glauben Ihnen das nicht.


Damit muss ich leben. Ich habe die Verpflichtungserklärung vor zwei Wochen das erste Mal im Original in der Hand gehabt, im Lesesaal der Stasi-Unterlagenbehörde. Bis dahin hatte ich immer nur eine Kopie davon gesehen. Ich erkannte meine Handschrift, ich hatte mit einem schwarzen Kugelschreiber geschrieben. Ausgerechnet mit einem Kuli. Ich benutze die Dinger bis heute nicht gern. Und trotzdem: Keine Erinnerung an die Verpflichtungserklärung. Null.

Haben Sie eine Erklärung dafür?


Die Stasi war in meinen Augen normal. Die Verpflichtungserklärung hatte offenbar keine Bedeutung für mich. Ich unterschrieb sie am 3. April 1987. In der Zeit hatte ich ganz andere Sorgen. Da ging es um die Frage, ob ich mit meiner Familie nach Frankfurt/Oder umziehen muss oder ob ich allein, fern meines Stiefvaters, in Greifswald bleiben darf.

Viele behaupten: Jeder in der DDR wusste, wie schlimm die Stasi war.


Ich kannte zu DDR-Zeiten ja nicht mal das Wort "Stasi". Das glaubt mir keiner, ich weiß, aber es war so. Ich kannte nur die Bezeichnung MfS. Und MdI. Ministerium des Innern. Das stand zur Tarnung im Klassenbuch, wenn die Eltern beim MfS waren.

Sie waren noch ein Kind, als die Stasi Ihnen zum ersten Mal begegnete.


Darauf will ich mich nicht herausreden. Der Blick auf das Land hängt eher davon ab, in welchem Umfeld man groß geworden ist. Wenn meine beste Freundin und ich über die DDR reden, denkst du, wir sind in verschiedenen Ländern groß geworden. Sie ist von klein auf vor den Leuten gewarnt worden, auf deren Schoß ich gesessen habe.

Aber jetzt, da Sie Ihre ganze Geschichte öffentlich machen, erscheint Ihre Zusammenarbeit mit der Stasi in einem ganz anderen Licht.


Es ist nicht an mir, das zu beurteilen. Ich habe das Buch geschrieben und lasse meine Geschichte damit los. Jetzt fühle ich mich so, als stünde ich nackt da. Ich habe ein bisschen Schiss vor den Reaktionen. Jeder kann mein Leben so interpretieren, wie er möchte.

Wovor haben Sie Angst?
Dass Fragen gestellt werden, die ich immer noch nicht beantworten kann. Meine Schulfreundin Silke, deren Vater in den Westen abgehauen war, sagte mir auf einem Klassentreffen 1998 fast beiläufig: "Meine Mutter wusste übrigens immer, dass deine Eltern bei der Stasi waren." Da war sie wieder, meine Vergangenheit. Aber was machte ich? Verdrängte weiter und zog in den Bundestag ein. Warum habe ich mich damals nicht gefragt, was in meiner Jugend wirklich gelaufen ist?

War der zweite Missbrauch, der psychische durch die Stasi, ein Preis, um dem ersten, dem sexuellen Missbrauch zu entkommen?


Das klingt so, als wollte ich die Verantwortung für das, was mit der Stasi passiert ist, komplett abgeben. Das will ich jedoch nicht, ganz im Gegenteil.

Sie wollen nur kein Opfer sein.


Ich will mich nicht zum Opfer stilisieren, ja. Irgendwann ging es mir einfach auf den Keks, dass ich mich versteckte und immer nur die anderen verantwortlich sein sollten. Für das, was ich getan habe, übernehme ich selbst die Verantwortung.

Das Urteil über Ihr Leben, so schreiben Sie, laute "lebenslänglich". Das klingt sehr hart.


Meine Familiengeschichte ist für mich mit Schuldgefühlen verbunden, mit denen ich ein Leben lang klarkommen muss.

Wann fiel endgültig die Entscheidung, Ihre ganze Geschichte zu erzählen?


Auf einer Party im November 2013 in Greifswald traf ich zufällig einen meiner Stasi-Führungsoffiziere wieder. Er sprach mich einfach so an, als sei nichts gewesen. Er hatte sich äußerlich kaum verändert, sprach im alten, vertrauten Tonfall. Ich konnte es nicht fassen, machte ihm schwere Vorwürfe. "Ihr habt mich benutzt", sagte ich. Er versuchte mich zu beruhigen: "Wir haben doch alles vernichtet". Der Abend ließ mich aufgewühlt zurück. Ich verstand: Wenn ich jetzt nicht rede, haben die von der Stasi ewig Macht über mich. Ich muss ihnen das Geheimnis wegnehmen. Die Stasi darf nicht das letzte Wort haben. Nicht in meinem Leben.

Sind Sie heute ein freier Mensch, Frau Marquardt?


Das sind große Worte. Aber ja, ich glaube, ich bin heute innerlich frei. Ich habe eine große Last, die ich jahrzehntelang mit mir herumtrug, abgeworfen.

Angela Marquardt: "Vater, Mutter, Stasi. Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates". Mit Miriam Hollstein. Kiepenheuer & Witsch. Das Buch erscheint am 5. März 2015.