Dreifachmord in Heppenheim V-Mann schwer belastet


Im Fall der drei getöteten georgischen Autohändler, deren Leichen Ende Februar im Rhein bei Mannheim gefunden worden waren, ist ein neuer Zeuge aufgetaucht. Seinen Aussagen zufolge hat ein V-Mann der Polizei die Morde begangen. Doch Talip O. bestreitet die Tat weiterhin vehement.
Von Rainer Nübel und Christian Parth

Im Fall der drei getöteten georgischen Autohändler, deren Leichen am 27. Februar aus dem Wasser des Altrheins bei Mannheim gezogen worden waren, ist ein weiterer Zeuge aufgetaucht. Der 20-jährige Iraker belastet einen der beiden Tatverdächtigen schwer. Demnach soll der Gebrauchtwagenhändler Talip O. die Georgier getötet haben, nachdem er sie mit einem Angebot auf einem Automarkt in Ludwigshafen in eine Falle gelockt habe. Zusätzliche Brisanz bekommt der Fall, da Talip O. seit 2004 als V-Mann in die Islamistenszene beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, Abteilung Staatsschutz, geführt wurde.

Nach Recherchen von stern.de war der junge Iraker bereits am Morgen des 30. Januar 2008 gemeinsam mit Talip O. auf dem Autohof in Ludwigshafen aufgetaucht. Die kundigen Händler hatten sich gewundert, da sie diesen Mann noch nie zuvor auf dem Platz gesehen hatten. Kurz darauf traf Talip O. die drei Georgier, die seit fünf Jahren regelmäßig zum Giulini-Platz kamen, um günstig Autos zu kaufen und sie in ihre Heimat zu überführen. Ihnen bot er einen Mercedes für 7000 Euro zum Kauf an. Nach den Morden an den Georgiern war der Iraker zunächst verschwunden. Nach Informationen von stern.de soll er jetzt ausgesagt haben, am Abend nach den Morden von Talip O. angerufen worden zu sein. Dieser habe ihm dann gestanden, die drei Männer getötet zu haben.

Der gebürtige Iraker Talip O. dagegen bestreitet die Tat weiterhin. Er bleibt bei seiner Version, die selbst ein ge-wiefter Krimiautor als abenteuerlich bezeichnen dürfte. Demnach seien die drei Georgier am Giulini-Platz in Ludwigshafen zu ihm in den weißen Ford Escort gestiegen, den er von der Polizei für seine V-Mann-Tätigkeit bekommen hatte. Gemeinsam fuhren sie nach Heppenheim, um den Mercedes zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin habe Talip O. seinen Freund Ahmed H. aufgegabelt.

Steit um Kette

Der Somalier soll nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden Islamist sein, der auch Kontakte zur Sauerländer Terrorgruppe um den inzwischen inhaftierten Fritz G. gepflegt habe. Auf der Fahrt nach Heppenheim soll sich der Somalier schließlich mit den Georgiern angelegt haben, weil ihm das Amulett-Kreuz missfallen habe, das einer der christlich-orthodoxen Männer um den Hals trug. Die Situation im Auto sei völlig eskaliert. An einem Schafshof in Heppenheim angekommen, seien plötzlich zwei vermummte Männer zu ihnen gestoßen.

Man habe über den Tschetschenienkrieg gestritten, die Georgier seien als "Feinde Gottes" beschimpft worden, weil ihr Volk damals die Russen und nicht die muslimischen Rebellen unterstützt habe. Danach habe Ahmed H. im Zorn zwei Georgier erschossen. Der dritte sei gefesselt und geknebelt worden. Ihn habe man angeblich "zum Emir" bringen wollen, um ihn rituell zu köpfen.

Rechtsanwalt Stefan Allgeier gibt zu, dass die Version seines Mandanten zunächst recht ausgefallen klinge. Aber dennoch sei es die richtige. Die Rekonstruktion der Tat vergangene Woche in Heppenheim lasse klar den Schluss zu, dass außer den beiden Tatverdächtigen und den Opfern noch mehrere Personen und auch weitere Autos am Tatort gewesen seien, sagte Allgeier zu stern.de. Der Rechtsanwalt zweifelt überdies die Glaubwürdigkeit des neuen Belastungszeugen stark an. Schließlich hätten sich er und Ahmed H. auch zuvor schon gekannt. Es könnte sich also um ein Komplott gegen Talip O. handeln, der nach seiner Enttarnung als V-Mann nun vor allem Angst um seine Familie habe.

Muslim, aber kein Extremist

Das hält der Anwalt von Ahmed H. wiederum für wenig wahrscheinlich. Sein Mandant sei zwar ein gläubiger Muslim, aber kein Extremist, sagte Rechtsanwalt Gerhard Härdle zu stern.de. Der 26-Jährige habe auch nie Kontakte zu den Islamisten aus der "Sauerland-Gruppe" gehabt. Es deute dagegen viel daraufhin, dass sämtliche behördliche Informationen über die angeblichen islamistischen Tätigkeiten seines Mandanten von Talip O. stammten. Nach Aussagen von Ahmed H. habe dieser vor rund zwei Jahren erstmals den Kontakt zu ihm gesucht. "Oft mehrmals täglich stellte er meinem Mandanten telefonisch und auf andere Weise nach", sagte Härdle. "Wie eine Klette" habe sich Talip an Ahmed H. geheftet.

Auch an besagtem 30. Januar habe der V-Mann mehrfach auf dem Handy von Ahmed H. angerufen, um ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Am Abend habe er ihn mit dem weißen Escort schließlich von einem Nachhilfekurs in Frankenthal abgeholt, um ihn angeblich nach Hause nach Ludwigshafen zu fahren. Die drei Georgier hätten bereits im Auto gesessen. Die Version des Tathergangs von Ahmed H. geht so: Talip O. sei geradewegs zum Schafstall nach Heppenheim gefahren, wo er sich seit zwei Jahren regelmäßig aufhalte. Dann habe er eine Pistole gezogen und zwei Georgier erschossen, den Dritten eigenhändig mit einem Schal erwürgt. Später habe der V-Mann sogar gesagt, dass er ursprünglich sogar alle drei Georgier strangulieren wollte. Damit habe er schon im Irak Erfahrung gesammelt, das hinterlasse keine Spuren. Dieser Version zufolge ging es vermutlich allein um die maximal 15.000 Euro Bargeld, die die Georgier für ihre Autokäufe mit sich führten.

Nach Informationen von stern.de soll Ta-lip O. Geldprobleme gehabt haben. Ehemalige Geschäftspartner sagten, dass er oft zum Glücksspiel ins Casino nach Bad Dürkheim gefahren sei. Außerdem habe er sich mit Immobiliengeschäften im Irak finanziell ruiniert. Überhaupt genießt er in Ludwigshafen nicht gerade den Ruf eines redlichen Kaufmanns. Die Qualität seiner Autos sei oft mangelhaft gewesen. Außerdem habe er Kunden übervorteilt. Autos, die bezahlt wurden und nach Afrika gebracht werden sollten, habe er oft nicht geliefert. Auch mit dem Handel von irakischen Pässen soll er sich Geld dazuverdient haben. Allerdings sei er auch hier nach dem Kassieren oft die Lieferung schuldig geblieben.

Vornehmlich arabische Kunden habe er zu privaten Prostituierten vermittelt und dafür Provisionen erhalten. Ehemalige Freunde berichten zudem, dass seine erste Frau, eine Schiitin aus Irak, sehr unter dem cholerischen Wesen von Talip O. zu leiden gehabt habe. Dabei soll er auch handgreiflich geworden sein. Inzwischen ist er mit seiner zweiten Frau verheiratet, die wie er sunnitischer Abstammung ist.

Mysteriös bleibt indes weiterhin, warum Talip O. sich am 10. Februar wieder zurück nach Deutschland traute, obwohl er zwei Tage nach der Tat nach Damaskus geflogen war. Bei seiner Rückkehr wurde er am Frankfurter Flughafen zwar zunächst von der Bundespolizei festgehalten, anschließend aber wieder laufen gelassen. Die Festnahme erfolgte schließlich am 15. Februar. Auch Ahmed H. sitzt in Untersuchungshaft. Die Leichen der drei Georgier sind inzwischen auf einem Friedhof in der Hauptstadt Tiflis beigesetzt worden. Sie hinterlassen Frauen und Kinder.


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