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Droste über Westerwelle: "Alles, was er hatte, war Krawatte"

Leidet Guido Westerwelle am Scharping-Syndrom? Und warum ist rumheulen auch keine Lösung? Satiriker Wiglaf Droste spricht mit stern.de über die schwarz-gelbe Republik.

Herr Droste, was haben Sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt?
Ich habe, weil es nichts zu wählen gab, nichts gewählt.

Ihr Fazit nach 100 Tagen Schwarz-Gelb?
Es kam, was zu erwarten war: eine Mischung aus militarisierter Außenpolitik und dem üblichen innenpolitischen Gewürge. Das sind die Früchte der konservativen Revolution Helmut Kohls 1982. Die Generation, die damals jung war, steht jetzt in voller Blüte und führt sich dementsprechend auf. Guido Westerwelles politisches Programm bestand ja aus den Worten: "Ich will hier rein." Das war alles, was er hatte. Und es ist auch versinnbildlicht im Gebaren, den Gesichtszügen und der Rhetorik von Karl-Theodor zu Guttenberg, der das nonchalante Herrenmenschentum vertritt, das es erstaunlicherweise wieder gibt. Es ist ein Rückgriff auf vorzivilisatorische Stilistiken. Das finde ich so albern wie unangenehm, es funktioniert aber erstaunlicherweise. Durch Einschüchterung.

Einschüchterung? Wie sollte das der politischen Klasse gelingen?
Durch die Inszenierung von Macht. Durch Abschottung. Wenn ich im Fernseher Nachrichten anschaue, sehe ich meistens eine Limousine fahren. Sie fährt hin, dann fährt sie weg. Und man fragt sich: Was geht in den armen Journalisten vor, dass sie jeden Abend solche Bilder zeigen müssen? Die Sicherheitspolitik ist ein anderes Beispiel. Es reicht ein recht fader Nationalfeiertag, um das ganze Land mit Uniformierten vollzustellen.

Klingt, als schlage Ihnen die Republik aufs Gemüt. Wie würden Sie Ihre emotionale Temperatur beschreiben? Depressiv? Manisch? Gleichgültig?
Kühl und analytisch. Es lohnt sich nicht, deswegen depressiv zu werden. Ich habe vor kurzem in einem Radiointerview auch die Frage gehört, was an Deutschland traurig mache. Und ich dachte: Sind wir jetzt wieder bei Bettina Wegner? "Sind so kleine Hände"? Das geht nicht. Das ist keine Haltung. Archaisch gesagt: Rumflennen gehört sich für einen Kerl nicht. Man kann ja nur mit guter Laune kämpfen.

Wann haben Sie das letzte Mal schallend über die Politik gelacht?
Gute Frage. Ich nehme das mehr übers Ohr war. Die Stimme von Herrn Westerwelle lässt einen immer ahnen, dass er die Faust ballt und mit den Ärmchen in der Luft herumrührt. Er entwickelt langsam ein Scharping-Syndrom: Der Mann, der dachte, er sei unglaublich schnell und rasend intelligent. Dabei sahen alle anderen einen sehr langsamen, schwerfälligen Denker. Und er war der einzige, der es nicht merkte. Ich habe mir schon vor einigen Jahren erlaubt, Guido Westerwelles Gesamtexistenz zusammenzufassen: "Alles, was er hatte, war Krawatte."

Abgesehen von Angela Merkel oder Westerwelle: Welcher Politiker löst bei Ihnen das meiste Stirnrunzeln aus?
Gereizt hat mich immer Wolfgang Schäuble, vor allem, als er Innenminister war. Er ist ja der Erfinder des Wortes "Sicherheitsarchitektur". Die Übersetzung dafür wäre Gefängnis, Knast oder Hochsicherheitstrakt. Aber er meint natürlich ganz etwas anderes. Dieser Fanatismus der Sicherheit ist im Fall Schäuble aus persönlichen Gründen nachvollziehbar. Er ist Opfer eines Attentats geworden. Das ist traumatisierend. Ein mitfühlendes Gemeinwesen hätte die Verpflichtung gehabt, Wolfgang Schäuble daran zu hindern, dieses Trauma öffentlich abzuarbeiten. Dass das unterblieb, ist Wolfgang Schäuble nicht bekommen, und hat die Reste von Liberalität und Freizügigkeit in diesem Land beschädigt.

Was bleibt für Sie zu tun, wenn sich die Politik selbst karikiert - beispielsweise Günther Oettinger bei seinem Versuch, Englisch zu sprechen?
Diesen Elfer hat sich Oettinger selbst hingelegt. Aussagekräftig ist aber doch, dass dieser Auftritt mehr Reaktionen ausgelöst hat als Oettingers Versuch, einen seiner Vorgänger, den ehemaligen NS-Marinerichter Filbinger, am Grab zum Widerstandskämpfer zu erklären. Da hat Herr Oettinger viel mehr von sich preisgegeben als mit seiner peinlichen Rede auf Oettinger-Englisch. Ich war zu der Zeit gerade in Stuttgart, und ein schwäbischer Freund sagte dazu trocken: "In einem darfst du die Schwaben nicht falsch einschätzen. Die lachen jetzt alle, aber hinterher würden sie ihn wiederwählen."

Auch der politische Gebrauch der deutschen Sprache regt zum Nachdenken an. Was halten Sie von einer Vokabel wie "Wachstumsbeschleunigungsgesetz"?
Die politische Sprache zerfällt in mehrere Teile. Es gibt dieses Verschleierungsvokabular, das besonders auffällig ist, wenn es nicht gelingt. Ein Wort wie "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" funktioniert nicht, weil es fürchterlich holpert, nach DDR riecht und jeder weiß, dass Wachstum nicht per Dekret hergestellt werden kann. Es klingt ein bisschen nach Viagra für die Wirtschaft. Andere Politikerphrasen sind durchaus irritierend: "Wir müssen die Menschen abholen". Der erste satirische Reflex lautet: Wie, werden wieder Menschen abgeholt? Der nächste Schritt ist kognitiv: Moment mal, das rhetorische "Wir" zählt sich nicht zu den Menschen. Wem also zählt es sich zu? Den Unmenschen? Oder doch mehr Gott? Und wieso überhaupt abholen? Wo? An der Bushaltestelle? Im Krankenhaus? Naiven und Schutzbefohlenen rät man ja: Geh nicht mit dem lieben Onkel mit, wenn der dich abholen will. Der hat nichts Schönes mit dir vor. Der will dich nur missbrauchen, als Wähler.

Gibt es denn überhaupt einen Politiker, der Sie beeindruckt hat?
Peer Steinbrück. Ich fand sein Auftreten bei der Steueroasen-Debatte bemerkenswert. Er wusste genau, dass er dafür in der Schweiz die Nazi-Uniform angezogen bekommt, obwohl sie ihm überhaupt nicht steht. In der Schweiz ist Geld in keiner Weise komisch. Steinbrück ging da wirklich ans Eingemachte, ans Heiligste. Das war das größtmögliche Delikt, das ein deutscher Politiker in der Schweiz begehen kann, und er beging es wissentlich. Und wurde so zum Schweizer Todfeind Nummer Eins. Ich bin nicht ins Verlieren verknallt, aber dass jemand mit diesem Format auf lange Sicht in Deutschland politisch nichts werden kann, das sagt einiges aus.

Lutz Happel