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G20 - Ein Jahr danach: Weder Tote noch Panzer: Die fünf größten Fake-News zum G20-Gipfel in Hamburg

Was ist wahr, was nur erfunden? Beim G20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Jahr brodelte die Gerüchteküche ordentlich. Zahlreiche falsche "Horrormeldungen" wurden im Netz tausendfach geteilt. Fünf drastische Beispiele.

G20-Gipfel in Hamburg: Randalierer und Polizei

Während der Hamburger Gipfeltage verbreiteten sich viele Fake-News in Windeseile. Manche von ihnen gingen viral und wurden sogar von etablierten Medien übernommen. Die Hamburger Polizei hatte während des G20-Gipfels alle Hände voll zu tun, gegen die Gerüchte anzukämpfen. Wir zeigen die fünf größten Fake-News zu G20 in Hamburg.

1. Beim G20-Gipfel in Hamburg wurden Bundeswehrpanzer eingesetzt

Direkt am ersten Gipfeltag, dem 7. Juli 2017, verbreiteten sich mehrere Fotos aus dem Hamburger Stadtteil Osdorf, die mehrere Bundeswehrpanzer zeigen. Sofort machte sich Verwirrung breit: Unterstützt die Bundeswehr mit einem Einsatz im Inland etwa die Hamburger Polizei? Die Bilder verbreiteten sich in Windeseile und sorgten für Panik. Der Schaden war angerichtet.

Wenig später erklärte das Verteidigungsministerium, dass die Bundeswehr lediglich Fuchs-Transportpanzer von einer Kaserne in eine andere verlegt habe. Dass der Zeitpunkt für diese Verlegung nicht optimal gewählt war, räumte die Bundeswehr kurz darauf ein. Auch die Hamburger Polizei bestätigte auf Twitter, dass sie keine Unterstützung der Bundeswehr bekommen hatte.

Dazu verwies die Polizei auf die engen verfassungsrechtlichen Grenzen für einen Bundeswehreinsatz im Innern.

Auf diverse Nachfragen erklärte die Polizei außerdem, dass weder der Notstand noch der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Doch das Satiremagazin "Der Postillon" ließ sich die Chance nicht entgehen und legte sogar noch eine Schippe drauf. Es verbreitete die Spaßnachricht - inklusive Fotomontage -, dass "zur Deeskalation" in Hamburg eine Atomrakete aufgefahren wurde.

Abgesehen davon, dass Deutschland gar nicht im Besitz solcher Atomraketen ist, war das natürlich Satire par excellence. Weil aber auch diese Spaßnachricht massiv in den sozialen Medien verbreitet wurde, stellte die Polizei auf Twitter sicherheitshalber noch einmal klar, dass es sich bei "Postillon"-Meldungen generell um Satire handelt.

2. Das Krankenhaus in St. Georg wurde angegriffen

In einer knapp 90-sekündigen Sprachnachricht, die ursprünglich wohl am Freitag (7. Juli 2017) über den Messengerdienst Whatsapp verbreitet wurde, berichtet eine angebliche Polizistin, dass sie gerade Feierabend gemacht habe und ihren Zuhörern nun "ungefiltert" berichten wolle, was nicht in die Presse gelange.

In der dubiosen Audiobotschaft berichtet die unbekannte Frau zum Beispiel, dass das Krankenhaus St. Georg in der Hamburger Innenstadt angegriffen worden sei und Patienten deshalb mit Helikoptern in andere Krankenhäuser ausgeflogen werden müssten. Zudem sei ein Kindergarten angegriffen und einer Polizeikollegin die Waffe gestohlen worden. Die Pressestelle der Polizei reagierte schnell und widersprach den falschen Behauptungen der angeblichen Kollegin.

Doch das Dementi kam offenbar zu spät. Im Eifer des Gefechts fielen sogar mehrere TV-Sender auf die Fake-News herein. Die Audiobotschaft, die insbesondere auf Whatsapp vielfach verschickt wurde, wurde noch am selben Tag mit dem Titel "Ungeschönte Berichterstattung vom G20 (Polizistin spricht)" auf Youtube hochgeladen. Innerhalb nur eines Jahres wurde das Video über 100.000 Mal aufgerufen. Wer die Sprachnachricht mit welcher Intention aufgenommen und verbreitet hat, ist auch ein Jahr später nicht bekannt. Die Polizei teilte auf stern-Anfrage mit, dass in dem Fall keine Ermittlungen aufgenommen wurden. Das Verschicken einer solchen Sprachnachricht erfülle noch keinen Straftatbestand, so die Begründung.

3. Polizei stürmte das linksautonome Kulturzentrum "Rote Flora"

Nach den heftigen Krawallen im Umfeld der "Welcome To Hell"-Demo, die am Donnerstag (6. Juli 2017) vor dem offiziellen Beginn des G20-Gipfels stattgefunden hatte, und dem Zug der Zerstörung am Freitagmorgen (7. Juli 2017) im Westen der Hansestadt, wurde die Reaktion der Polizeikräfte mit Spannung erwartet. War das linksautonome Kulturzentrum "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel Dreh- und Angelpunkt der G20-Randalierer? Schnell wurden Stimmen laut, die eine Räumung der "Roten Flora" forderten. Am Freitagabend war es dann soweit: Gerüchte, Polizisten hätten das Kulturzentrum gestürmt, verbreiteten sich in Windeseile. Auch Politikerin Jutta Ditfurth griff die Falschmeldung auf und verbreitete sie weiter.

Richtig ist: Es gab am Freitagabend zahlreiche Polizeieinsätze im Umfeld der der "Roten Flora". Gestürmt oder sogar geräumt wurde die Einrichtung aber nicht. Mittlerweile ist auch die im Anschluss an den G20-Gipfel hitzig geführte Diskussion um eine Schließung der "Roten Flora" wieder abgeflaut. Eine tragende Rolle der Flora-Aktivisten bei den Krawallen sehen selbst die Hamburger  Sicherheitsbehörden nicht.

4. Bei den G20-Krawallen wurden Menschen getötet

In den Tagen vor und während des G20-Gipfels überschlugen sich die Hiobsbotschaften. Die Stadt Hamburg schien sich über mehrere Tage in einer Art Schockzustand zu befinden. Guter Nährboden für Gerüchte. Einige nutzten die Gelegenheit, die ohnehin angespannte Stimmung noch mit weiteren "Horrormeldungen" anzuheizen. Zur Wahrheit gehört, dass bei G20-Einsätzen rund 500 Polizisten und eine große Zahl an Demonstranten verletzt wurden. Es wurde aber niemand - weder auf Seiten der G20-Gegner noch auf Seiten der Polizei - lebensgefährlich verletzt oder sogar getötet.

Zuvor hatten Falschmeldungen die Runde gemacht, dass ein Polizist nach einem Böller-Wurf erblindet sei, ein weiterer Beamter einen Schädelbruch erlitten habe und sogar ein Polizist ums Leben gekommen sei. Alles falsch. Um die Gerüchte zu entkräften, stellte die Polizei deshalb mehrfach auf Twitter klar, dass es sich bei den Berichten über Tote und Schwerletzte um Fake-News handelt.

5. G20-Randalierer folgten einer "Bonzenviertel abarbeiten"-Liste

Neben den drastischen Bildern aus dem Hamburger Schanzenviertel, als hunderte Autonome ganze Straßenzüge kontrollierten, brennende Barrikaden errichteten und zahlreiche Geschäfte plünderten, sind vielen vor allem die Bilder des wütenden Mobs, der durch Hamburg zog, im Kopf hängen geblieben. Am Freitagmorgen (7. Juli 2017) liefen hunderte schwarz-vermummte Randalierer durch Straßen im Hamburger Westen. Es war ein Feldzug der Zerstörung. Zahlreiche Autos brannten, Scheiben wurden eingeschlagen und ein IKEA-Einrichtungshaus attackiert. Kurz darauf ging die Falschmeldung über die Liste "Bonzenviertel abarbeiten" viral. Auch der Laienschauspieler Ingo Kantorek, bekannt aus der Reality-Seifenoper "Köln 50667", sprang auf den Zug auf. Er verbreitete am Freitag einen panischen Appell auf Facebook. In seiner Warnung berichtete er von der besagten Liste - und behauptete sogar, dass die Existenz der Liste von der Polizei bestätigt sei.

An meine Hamburger Fans ! Es gibt eine Liste der G20 Gegnern: "Bonzenviertel abarbeiten" (von der Polizei bestätigt),...

Gepostet von Ingo Kantorek am Freitag, 7. Juli 2017

Nach den Elbvororten sollten, so der Schauspieler, noch vier weitere Hamburger Stadtteile von G20-Gegnern verwüstet werden. Mit dem Aufruf "Bringt euch in Sicherheit!" schloss er seinen Post, den er an seine knapp 500.000 Facebookfans adressiert hatte, ab. Sein Beitrag zu der ominösen Liste wurde alleine auf Facebook knapp dreitausend Mal geteilt. Richtig ist: Der Polizei lagen keinerlei Informationen über eine derartige Liste vor. Wahrscheinlich hatte es eine solche Liste nie gegeben. Nach den morgendlichen Krawallen in Blankenese und Altona wurden keine weiteren "Bonzenviertel" von großen randalierenden Gruppen "abgearbeitet". Nachmittags und abends konzentrierten sich die Autonomen stattdessen auf das Hamburger Schanzenviertel.

Vor, während und nach den Hamburger Gipfel-Tagen verbreiteten sich noch viele weitere Gerüchte. Einige konnten, kurz nachdem sie in die Welt gesetzt wurden, direkt aufgeklärt werden. Über andere wird auch ein Jahr nach G20 noch diskutiert. Bei der Bewertung von Falschmeldungen ist es wichtig, zwischen den Meldungen, die bewusst als Fake-News verbreitet wurden, und denen, die aus Versehen in die Welt gesetzt wurden, zu unterscheiden. Nicht jede der G20-Falschmeldungen ist mit böser Absicht entstanden. Wenn die Gerüchteküche brodelt, ist klare Sicht häufig nicht mehr möglich.

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