Die Bundesregierung sucht nach Entlastungen in der Energiekrise, eine Folge des Krieges im Nahen Osten. Die Parteispitzen von Union und SPD präsentierten am Montag zwei Maßnahmen: Tankrabatt und Krisenbonus. Die Mineralölsteuer wird für zwei Monate um 17 Prozent gesenkt, und Unternehmen, die es sich leisten können, sollen eine steuerfreie Entlastungsprämie in Höhe von 1000 Euro auszahlen können.
Hilft das besonders belasteten Bürgerinnen und Bürgern? Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm sieht das kritisch – und bringt stattdessen andere Maßnahmen ins Spiel. Die Maßnahmen seien „zu kurzfristig gedacht und nicht zielgenau“, sagt Grimm der Nachrichtenagentur DPA.
Viel mehr brauche es grundlegende Reformen, sagt die Ökonomin, und schlägt als sprit- und damit geldsparende Maßnahme ein befristetes Tempolimit vor. Eine Übersicht.
Wie stehen die Deutschen zu einem Tempolimit?
Ein generelles Tempolimit auf deutschen Straßen wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Auf Autobahnen liegt die Richtgeschwindigkeit bei 130 Kilometern pro Stunde. Dies gilt als Empfehlung für Autofahrer. ADAC-Angaben zufolge haben gut 70 Prozent der Autobahnstrecke (18.115 Kilometer) keine Geschwindigkeitsbegrenzung, abzüglich Baustellen.
In einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag von stern und RTL gab eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Befragten an, sie befürworteten ein zeitlich befristetes Tempolimit. Angegeben war bei der Befragung eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. 48 Prozent waren dagegen.
Auch in einer Umfrage unter 1000 ADAC-Mitgliedern stimmte 2025 eine Mehrheit von 55 Prozent für ein Tempolimit.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach sich gegen die Einführung eines Tempolimits aus und brachte eine temporäre Erhöhung der Pendlerpauschale ins Gespräch.
Wie ist die Geschwindigkeitsbegrenzung im EU-Ausland geregelt?
Deutschland ist das einzige Land in der Europäischen Union, das kein Tempolimit auf der Autobahn hat. Andere Länder haben eine Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 110 und 130 km/h auf Autobahnen sowie zwischen 60 und 100 km/h auf Landstraßen. Eine Übersicht sehen Sie in dieser Tabelle:
Wie viel Geld spart ein Tempolimit tatsächlich?
Welche finanziellen Effekte ein generelles Tempolimit hätte, hat kürzlich Greenpeace berechnet. Laut der Non-Profit-Organisation gebe ein durchschnittlicher Haushalt mit im Schnitt 1,21 Autos jedes Jahr etwa 2490 Euro für Sprit aus.
Bei einem Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen und 100 km/h auf Landstraßen könnte ein solcher Haushalt im Jahr etwa 124 Euro an Spritkosten sparen. Bei einem Diesel-Fahrzeug könnte derselbe Haushalt bis zu 172 Euro jährlich einsparen. Je niedriger das Tempolimit, desto größer sei das Sparpotenzial.
Bricht man die Berechnungen auf ein einzelnes Fahrzeug herunter, hätten Verbraucher je nach Geschwindigkeitsgrenze und Kraftstoff zwischen 45 und 274 Euro mehr im Jahr zur Verfügung. Die NGO berücksichtigte bei der Berechnung auch, dass Autofahrerinnen und -fahrer aufgrund des Tempolimits auf Alternativrouten ausweichen könnten: „Die Wahl kürzerer Routen verringert die Fahrleistung, das spart weiteren Kraftstoff.“
Auch Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), sprach sich im Gespräch mit dem „Spiegel“ für ein Tempolimit aus. Analysen der IEA zeigten, dass nur 10 km/h weniger auf der Autobahn den nationalen Ölverbrauch um bis zu sechs Prozent senken könnten. Bei Tempo 120 auf der Autobahn und Tempo 80 auf den Landstraßen könnten dem Umweltbundesamt zufolge rund 3,2 Milliarden Liter Benzin und Diesel pro Jahr eingespart werden.
Was sind weitere Vorteile eines Tempolimits?
- Mehr Sicherheit: Haben Streckenabschnitte eine Geschwindigkeitsbegrenzung, passieren durchschnittlich rund 30 Prozent weniger schwere Unfälle. Wo es weniger Unfälle gibt, gibt es auch weniger Verkehrstote.
- Gut für die Umwelt: Je langsamer die Geschwindigkeit, desto weniger Schadstoffe werden ausgestoßen. Das Umweltbundesamt ermittelte, dass ein Tempolimit von 120 km/h die Treibhausgasmissionen um 2,9 Prozent senken würde. Das sorgt langfristig auch für eine bessere Luftqualität.
- Weniger Lärm: Dem ökologischen Verkehrsclub VCD zufolge könnte ein Tempolimit von 120 km/h den Verkehrslärm um bis zu 50 Prozent senken. Das kann den Stresspegel für Anwohnerinnen und Anwohner senken und für eine höhere Lebensqualität sorgen.
Welche Nachteile hat es?
- Kein Nachteil, aber zur Wahrheit gehört: Deutsche Straßen sind im EU-Vergleich bereits relativ sicher, zeigt zum Beispiel der ADAC. Pro einer Milliarde gefahrenen Kilometer starben 2023 rund 1,3 Menschen. Das ist statistisch gesehen vergleichbar mit dem Ausland. In Österreich sind es 1,06 Tote, in Frankreich 1,79 Tote, in Tschechien 1,69 Tote. In diesen Ländern gilt jeweils ein Tempolimit von 130 km/h. Weniger Tote gibt es, wo das Tempolimit niedriger ist: in den Niederlanden (0,9 Tote, tagsüber 100 km/h) und in der Schweiz (ebenfalls 0,9. Tote, 120 km/h).
- Stau gibt es trotzdem: Ein Tempolimit auf Autobahnen würde in verkehrsdichten Gegenden kaum dafür sorgen, dass Verkehrsteilnehmer besser durchkommen. Das betrifft insbesondere Metropolen, in denen schon jetzt Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten.
- Kritiker des Tempolimits geben immer wieder zu Protokoll, sie fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt. Umfragen zeigen, dass mehrheitlich Männer gegen ein Tempolimit sind.
Mit welchen Maßnahmen gehen andere Länder gegen die hohen Spritpreise vor?
Auch in anderen Ländern sind die steigenden Spritpreise ein Problem für die Bevölkerung, berichtet unter anderem die „Zeit“. Ungarn führte nur wenige Tage nach Kriegsbeginn einen Spritpreisdeckel ein, in Höhe von umgerechnet 1,51 Euro pro Liter Benzin und 1,56 Euro pro Liter Diesel. Die Preisbremse gilt nur für Personen mit ungarischer Staatsbürgerschaft.
In Österreich dürfen Tankstellen nur noch dreimal pro Woche die Spritpreise erhöhen. Zudem deckelte die Regierung den Gewinn von Mineralölfirmen und senkte die Mineralölsteuer um fünf Cent pro Liter.
Auch in Griechenland beschränkte die Regierung die Gewinne – auf maximal zwölf Cent pro Liter Diesel oder Benzin für Raffinerien, und fünf Cent pro Liter für Tankstellen.
Quellen: Bundesverkehrsministerium, Umweltbundesamt, Greenpeace, ADAC, VCD, "Zeit", mit Informationen der Nachrichtenagenturen DPA und AFP