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Enthüllungsbuch "Heil Höcke, Kameraden!": Zwei Aussteiger berichten aus den Tiefen der AfD-Chats

Björn Höcke ist das Gesicht des rechten Flügels der Partei
Björn Höcke ist das Gesicht des rechten Flügels der Partei AfD
© Sean Gallup / Getty Images
Mit ihrem Buch "Im Bann der AfD" leuchten zwei Aussteiger tief hinein in die rechte Partei. Die Autoren sind jung, haben beide einen Migrationshintergrund. Auch anhand von Chats und anderen Dokumenten zeigen sie, wie die Extremisten die AfD vereinnahmen.

Er grüßt wirklich so, als einer ihn der Whatsapp-Gruppe zugefügt hat, ein junger Mann aus Göttingen. "Heil Höcke, Kameraden!" Und was soll man sagen? In der Whatsapp-Gruppe "Junge Garde", in der sich der AfD-Nachwuchs tummelt, ist er genau richtig. So schildern es Nicolai Boudaghi und Alexander Leschik, zwei Aussteiger, in ihrem Buch "Im Bann der AfD".

Sie berichten, wie sich der AfD-Nachwuchs in der Whatsapp-Gruppe in Bewunderung übertrifft für Björn Höcke, den AfD-Vorsitzenden von Thüringen, das Aushängeschild des extrem rechten Parteiflügels. Weitgehend erwachsene Menschen, die Herzchen um Herzchen posten. "Höcke ist Gott", schreibt einer. "Er ist ein deutscher Held", findet ein anderer. Das ist 2017, und Boudaghi und Leschik sind gerade dabei, Parteikarriere zu machen.

Nicolai Boudaghi / Alexander Leschik: „Im Bann der AfD. Chats, Worte, Taten“. Europa Verlag, 232 Seiten, 18 Euro.
Nicolai Boudaghi / Alexander Leschik: "Im Bann der AfD. Chats, Worte, Taten". Europa Verlag, 232 Seiten, 18 Euro.

Der eine wird bald Vize-Bundesvorsitzender der Jugend-Organisation "Junge Alternative", den anderen beruft der AfD-Bundesvorstand später sogar in die wichtige Arbeitsgruppe Verfassungsschutz. Zwei Nachwuchskader, hochmotiviert. Sie kämpfen auf der Seite jener, die sich als gemäßigt bezeichnen. Der Kampf geht gegen den Höcke-Flügel, gegen das extrem rechte Lager. Leschik und Boudaghi stemmen sich dagegen. Sie glauben lange, die weniger Radikalen könnten gewinnen. So kommt es nicht.

In den Chats wird es rassistisch, homophob und frauenfeindlich

Die Chat-Auszüge, die sie in "Im Bann der AfD" vorlegen, sind mal verstörend rassistisch, mal homophob, mal frauenfeindlich. In anderen Gruppen entlarven sich auch bekannte AfD-Politiker wie der frühere stellvertretende Bundesvorsitzende Georg Pazderski, noch immer Chef der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Pazderski lässt sich in einem Telegram-Chat über die "Jogginghosen" aus, Parteimitglieder, die einen reduzierten Mitgliedsbeitrag von 2,50 Euro pro Monat zahlen: "Wie hat es mal jemand formuliert, die 3K-Mitglieder: keine Zähne, keine Kohle, keine Bildung." Andere in der Gruppe lästern eifrig mit. "Die Partei verblödet", stellt ein langjähriger AfD-Landesvorsitzender fest. Der Frust, Höcke und Co. nicht loszuwerden, sitzt tief.

In "Im Bann der AfD" erzählen die Autoren, die ganz unterschiedlichen Milieus entstammen, wie sie in die rechte Partei kamen und schnell ernst genommen wurden. Sie erzählen, wie Geld in Form von bezahlten Mandaten und Mitarbeiterstellen die AfD zusammenhält. Ein Kapitel schildert, wie das Nicht-Höcke-Lager in Nordrhein-Westfalen um vordere Listenplätze für die Bundestagswahl ringt. Es sind Menschen, die innerhalb der AfD zusammengefunden haben, weil sie Höcke und seine Helfer kleinhalten wollen – und die nun in ihrer Verzweiflung mit Höcke-Leuten paktieren.

Boudaghi und Leschik dürfte aus der AfD eher Hass entgegenschlagen, bei vielen früheren Parteifreunden gelten sie als Verräter. Andererseits ist die AfD bereits in diesem Wahljahr noch weiter nach rechts gerückt. Der Höcke-Flügel dominierte zuletzt das Wahlprogramm und stellt mit Alice Weidel und Tino Chrupalla die Spitzenkandidaten bei der kommenden Bundestagswahl.

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stern

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