HOME

Ex-Grünen-Politiker: Oswald Metzgers Beutezug in Biberach

Im Frühjahr ist Oswald Metzger von den Grünen zur CDU gewechselt. Nächste Woche will er sich in seiner Heimat Oberschwaben zum Kandidaten für die Bundestagswahl küren lassen. Doch die neuen Parteifreunde fremdeln noch mit dem Überläufer.

Von Nikolai Fichtner, Biberach

Josef Rief hat sich schnell noch geduscht und umgezogen. Er trägt jetzt ein gelbes Hemd zur schwarzen Hose, die Haare mit den grauen Strähnen hat er nach hinten gebürstet. Die Nacht war kurz. Er ist früh raus wie immer, in den Stall nach den Schweinen schauen, füttern und misten. Aber in Arbeitskleidung über Politik reden, das wollte der 48-Jährige nicht. Josef Rief ist Landwirt und Kreisvorsitzender der CDU Biberach. Unter normalen Umständen wäre er sicher der Kandidat seiner Partei für den Bundestag. Doch seit drei Monaten sind die Umstände in der Biberacher CDU nicht mehr normal. Da verkündete Oswald Metzger, der es als Grünen-Finanzpolitiker in die Talkshows schaffte, er wolle in die CDU eintreten und sich gleich dazu um das Bundestagsmandat bewerben. Das hat die Karriereplanung von Josef Rief ganz schön durcheinandergebracht.

In Biberach könnte man auch einen Sack Kohle zur Wahl stellen, Hauptsache schwarz, sagt man. Es ist ein Wahlkreis, in dem auf jedem Berg ein Kirchturm und in jedem Tal die Fabrik eines Weltmarktführers steht. Liebherr und Boehringer Ingelheim haben Oberschwaben reich gemacht. In der Biberacher CDU finden sie, dass der Rest des Landes sich einiges von ihnen abschauen könnte.

"Ich war immer ehrgeizig"

13-mal stellen sich Rief, Metzger und die drei anderen Kandidaten für das Bundestagsmandat gemeinsam den Ortsverbänden vor, tingeln vom Kurhaus in Bad Wurzach bis zur Pizzeria Räuberhöhle in Schemmerhofen. Am Mittwoch treten sie in Biberach auf, in der Stadthalle. Es ist derselbe Ort, an dem nächsten Dienstag die 1700 Parteimitglieder über sie abstimmen werden. Eine Prognose traut sich derzeit keiner zu in der Baden-Württemberger CDU.

Im Esszimmer der Riefs hängt ein Kruzifix an der Wand, der Tisch bietet Platz für eine Großfamilie. Einmal schlägt Rief mit seiner Hand auf die Wachstischdecke, dann schnippt er die tote Fliege vom Tisch. "Das ist der Stall, da kann man nichts machen." Rief ist in diesem Haus aufgewachsen, 500 Meter außerhalb von Kirchberg an der Iller. Den Hof hat er vom Vater übernommen, genauso wie die Mitgliedschaft in der CDU. Mit 18 ist Rief in die Junge Union eingetreten. Seine Frau hat er in der CDU kennengelernt. Mit 39 wurde er Kreisvorsitzender. "Ich war immer ehrgeizig", sagt Rief. "Als Kreisvorsitzender hast du immer die Option Bundestag. Wenn du die Arbeit hier machst, ist das logisch." Es passt nicht in sein Weltbild, dass einer 30 Jahre für die Partei schuftet und dann ein anderer in den Bundestag geht. Und noch dazu so einer.

Eigentlich mag er nicht über Mitbewerber reden

Als Oswald Metzger im März in die CDU wollte, hat Rief sich gewundert, sagt er. Eigentlich mag er nicht über Mitbewerber reden, nur so viel: "Ich kenne Herrn Metzger seit 30 Jahren, er hat damals bös gegen die CDU geackert." Große Unterschiede seien da deutlich geworden, "gerade im Bereich Werte, Abtreibung, Cannabis, mein lieber Scholli". Mehr will er nicht sagen. "Er ist ja jetzt mein Parteifreund." Es ist das einzige Mal, dass Rief lacht an diesem Vormittag. Wenn man in der Biberacher CDU sagt, man kenne Metzger seit 30 Jahren, dann ist das kein Ausdruck von Verbundenheit. Niemand hat die Vorgeschichte vergessen, die Zeit des Kulturkampfs in Biberach.

Metzger war 23 Jahre alt, als er 1977 mit Freunden aus dem Jugendhaus in Bad Schussenried ein "radikal-demokratisches Alternativ-Blättle" herausgab, den "Motzer", Auflage 2000 Stück. In Ausgabe vier schrieb Metzger mit Schreibmaschine auf rosa Papier über die gesellschaftlichen Folgen der Schleyer-Entführung, "die fallen gelassenen Masken der rechten, der reaktionären und konservativen Politiker", über Hexenjagd und kollektive Denunziation. Der CDU-Landrat fluchte schwäbisch-deftig über diese "Grandsauerei" und beschloss, die Zuschüsse für das Jugendhaus zu streichen. So wurde Metzger Politiker: kurz bei der SPD, lange bei den Grünen. Jetzt bei der CDU. Für Konservative war es schon schlimm genug, dass mit Joschka Fischer ein Steinewerfer Außenminister werden konnte. Aber ein Motzer als Parteifreund?

Nun liegt es an der Tagesform

Mehr als ein Dutzend Wahlkämpfe hat Metzger gegen die CDU geführt, 2005 hat er sogar 14 Prozent der Erststimmen bekommen, als Grüner. Jedes Mal hat er auf dem Biberacher Marktplatz gestanden und geworben, zwischen den Patrizierhäusern mit ihren spitzen Giebeln. Jetzt ist er wieder hier, weißes Leinenhemd, dunkler Anzug, und erzählt von seiner bisher ungewöhnlichsten Bewerbung. "Der Wahlkampf läuft glänzend", sagt Metzger. Seine Chancen schätzt er auf 50 Prozent. "Es kommt am 1. Juli auf die Tagesform an." In der CDU-Landesspitze glauben sie nicht daran, dass Metzger mehr als 25 Prozent der Stimmen bekommen wird.

Metzger hat sich die Dinge so zurechtgelegt, dass sie ihm Hoffnung geben: "Die Leute sagen, wir brauchen keinen Hinterbänkler in Berlin." Das geht gegen Rief und spricht für ihn. "Die Union hätte einen Friedrich Merz dringend nötig." Die Rolle würde er gern übernehmen. Schon als Grüner im Bundestag hat Metzger für mehr Marktwirtschaft und weniger Staat gestritten. Seit seinem Rückzug aus dem Parlament verdient er mit diesen Reden sein Geld, bei Verbänden, Unternehmen, Parteien. "Publizist" nennt er sich. Pro Monat hält Metzger rund zehn Vorträge. Sein Standardhonorar ist 3500 Euro, netto. Für Oberschwaben bietet er einen Regionaltarif an, zum halben Preis. Es läuft gut. 2008 dürfte sein bisher bestes Einkommensjahr werden, sagt Metzger. Der Marktwert steigt. Aber wie lange noch? Was, wenn er durchfällt bei der CDU?

Zeitungen waren bundesweit voll mit Metzger

Bisher hatte Metzger alles unter Kontrolle. Im Herbst entschied er sich, bei den Grünen auszutreten, weil sie ihm zu weit nach links gerückt waren. Kurz nach Ostern verkündete er auf einer Pressekonferenz, warum er sich für die CDU entschieden habe. Es war der nachrichtenärmste Tag des Jahres, die Zeitungen waren bundesweit voll mit Metzger. Doch mit der Kontrolle ist es vorbei. Jetzt kann er nur noch werben. Einen wird er nicht überzeugen: den Mann, den er beerben möchte. Franz Romer saß 18 Jahre lang im Bundestag, Arbeitnehmerflügel, ein stattlicher Mann. In Berlin hat man wenig von ihm gehört, in Biberach kennt ihn jeder. "Der Metzger soll mitarbeiten in der Partei, aber nicht als mein Nachfolger", sagt er.

Persönlich habe er gar nichts gegen "den Oswald". In den 80er-Jahren war Romer der einzige Konservative im Kreistag, der sich freiwillig neben Metzger gesetzt hat. Seitdem duzen sie sich. Aber wie sich Metzger verhält, das passt Romer nicht. Von der Bewerbung hat er wie alle anderen in der CDU aus den Medien erfahren. Zwei Tage später schrieb Metzger in der "Bild"-Zeitung: "Das muss die CDU jetzt ändern." Da war er noch nicht mal aufgenommen. "Wir sind die letzten 40 Jahre gut zurande gekommen ohne ihn", sagt Romer. "Der kann rede, aber der kann sich net einordne."

Prominenz oder Parteiarbeit

Metzger sagt: "Ich wäre nicht ich selber, wenn ich es anders gemacht hätte." Hätte er denn vorher mit Leuten wie Rief reden sollen, die selbst Ambitionen haben? Überhaupt: "Mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit hätten die hier damit rechnen können, dass ich mir den Hut aufsetze." Es seien ja nur CDU und FDP infrage gekommen. Metzger macht sein Ding. Und die anderen können ja auch mal mitdenken. Vielleicht funktioniert dieser Oswald Metzger tatsächlich nur als Rebell wie damals bei den Grünen. Aber ist die CDU ein Ort für Rebellen? Und werden die Biberacher dem Glanz der Talkshow-Fantasien erliegen? Es ist die Frage, was mehr zählt: Prominenz oder Parteiarbeit.

Der Nebenraum der Stadthalle Biberach ist schwächer besucht als erwartet. 40 Besucher verteilen sich auf 150 Stühle. Die Senioren-Union ist gut vertreten. Josef Rief hat sich noch einmal umgezogen, er trägt einen Anzug mit aprikosenfarbenem Hemd. Der Stadtverbandsvorsitzende erklärt die Regeln: Jeder der fünf Kandidaten hat 15 Minuten Zeit, die anderen vier müssen draußen warten.

Metzger regt die Fantasie der Zuhörer an

Da ist die Kandidatin Nummer eins, Carmen Bogenrieder, schwarze Locken, gebräunte Haut, Hausfrau. "Zunächst ein paar Daten zu meiner Person." Sie redet, als würde sie sich für ein Stipendium beim Studienwerk der katholischen Kirche bewerben. Wurzeln, Engagement, Zeit für Kinder. Die Senioren nicken wohlwollend. Die Nummer zwei, Christoph Burandt, grauer Anzug, Hausmann, Außenseiter, spricht von seiner Familie und "uns Christen". Die Nummer drei, Peter Diesch, blaues Hemd, bunter Schlips, Bürgermeister, redet, als säße er vor den Personalern eines Mittelständlers: Berufserfahrung als Selbstständiger, Wirtschaftskompetenz. "Wir brauchen keinen Selbstdarsteller, sondern einen Teamspieler."

Dann kommt Metzger. Er spricht etwas schwäbischer als zuvor auf dem Marktplatz, und er ist der Einzige, der sein Publikum anschaut beim Reden. Er sagt "unsere Partei", wenn er von der CDU spricht, die dabei sei, ihren Markenkern zu verlieren. Er beruft sich auf Friedrich Merz und vergisst nicht, Helmut Kohl zu erwähnen, der in seinem letzten Kanzlerinterview Metzgers haushaltspolitische Reden gelobt hat ("Alle Achtung!"). Metzger regt die Fantasie der Zuhörer an. "Überlegen Sie sich gut, welche Person die Kompetenz hat, die Rattenfänger von links zu stoppen." Die Mitglieder sollen sich vorstellen, wie ihr Mann aus Biberach den Lafontaine in der Talkshow verdrischt. Der verlorene Sohn, der bisher immer in der falschen Partei war. Wenn dieser Eindruck bleibt, hat er eine Chance, glaubt Metzger.

Fünfmal acht Sekunden Beifall

Als Letzter spricht Josef Rief. Er redet etwas zu laut für den kleinen Saal. Frau Merkel strenge sich ja schon an, sagt er, aber sie müsse doch mehr auf die Anliegen der Menschen eingehen. "Das muss unser Abgeordneter ändern." Das Ergebnis des Abends ist fünfmal acht Sekunden Applaus. Fragen sind nicht zugelassen. Um halb neun ist alles vorbei.

Ein paar Minuten stehen die fünf noch gemeinsam vor dem Eingang der Stadthalle. Ein älterer Herr mit Strickjacke und randloser Brille kommt auf Metzger zu. Er sagt, er habe gelesen, dass der Ex-Grüne etwas für den Mittelstand tun wolle. "Aber können Sie nach 30 Jahren auch zu unseren anderen Werten stehen?" Metzger sagt etwas von den Schwerpunkten, die man in der Politik setzen müsse, und nimmt einen Exkurs zur katholischen Soziallehre. Der Mann nickt und verabschiedet sich. Aber der Zweifel bleibt, das Gedächtnis ist lang.

Metzger zahlt die Getränkerechnung für seine Mitbewerber. Rief ist schon weg, er muss Mittwoch früh raus. Ein paar CDU-Mitglieder wollen noch ein Bier trinken gehen. Metzger geht mit. Es sind ja jetzt seine Parteifreunde.

FTD