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Ex-Umweltminister Röttgen: Der Kampfschweiger

Seit seinem Rauswurf schweigt Norbert Röttgen konsequent. Es ist kein Schmollen, es ist Strategie. Er gibt heute den Vorsitz der NRW-CDU ab, seine politische Zukunft hat er noch nicht abgeschrieben.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Norbert Röttgen ist ein Mann des Wortes. Er hat im Bundestag besser zur Finanzkrise geredet als jeder andere aus der Union. Er konnte die Energiewende wunderbar visionär überhöhen. Und er hat immer versucht, Ziel und Zweck seiner Politik zu erklären. Das war manchmal verblasen, oft aber gelungen. Er füllte das Vakuum, das Angela Merkel in Sachen Sinnstiftung entstehen ließ. Und Röttgen füllte es gerne.

Umso erstaunlicher ist es, dass der aus dem Amt katapultierte Umweltminister a. D. sich neuerdings in einer für ihn ganz neuen Disziplin übt: als Kampfschweiger.

Kein Murren, kein Knurren, nichts. Dabei hätte er allen Grund, seinen Kropf zu leeren und endlich auch einmal offen zu sagen, was er von der Kanzlerin und ihrer Art, Politik zu machen – besser: nicht zu machen – wirklich hält. Er hat ja nichts mehr zu verlieren, vordergründig zumindest; selbst seine güldenen Ketten ist er nun los.

"Das entsetzliche Schreien, das man Stille heißt"

Aber dazu ist Röttgen zu klug. Und er besitzt wahrscheinlich noch genügend Ehrgeiz, auf einen geeigneten Zeitpunkt zu warten, um zurückzuschlagen. Zu Klugheit und Ehrgeiz gesellt sich nun womöglich noch eine Tugend, die ihn bisher nicht auszeichnete: Geduld. Dass er seit seinen herausgewrungenen Worten nach der Hinrichtung durch die Wähler in Nordrhein-Westfalen und der darauf gefolgten Hinrichtung durch die Kanzlerin schweigt, ist deshalb kein beleidigtes Schmollen, es ist Strategie.

Röttgen liest gern und viel. Vermutlich kennt er auch Büchners "Lenz". Darin findet sich der Satz: "Hören Sie denn nicht das entsetzliche Schreien ringsum, das man gewöhnlich Stille heißt." Er trifft exakt auf Röttgen in diesen Tagen. Sein Schweigen muss Merkel in den Ohren gellen; sie besitzt durchaus ein Sensorium für solche Schwingungen. Und sie dürfte ahnen, was Röttgen antreibt.

Jedes Wort, das er jetzt sagte, würde sich gegen ihn selbst richten. Jedes Wort, das er sich verkneift, richtet sich gegen Merkel, die zum ersten Mal coram publico das exekutiert hat, was man ihr bisher immer nur nachsagte: einen männlichen Konkurrenten eiskalt zu entsorgen. Denn exakt das war Röttgen, und wenn nicht alle Zeichen täuschen, will er es auch bleiben. Er hat das Kanzleramt nicht vollends aus dem Blick verloren. Jung genug ist er noch.

Röttgens Chance ist nicht groß, aber sie existiert

Er muss ja nur warten, dass sein Kalkül aufgeht. Dass Schwarz-Gelb 2013 die Wahl verliert. Dass es eine Mehrheit im Bundestag gegen Merkel gibt. Dann ist sie erledigt und mit ihr alle, die ihr folgten: die de Maizières und von der Leyens, die in der CDU noch viel weniger verwurzelt sind als er, Röttgen. Und wen sonst gibt es mit bundesweiter Ausstrahlung in der Generation der jüngeren Christdemokraten? Eben! Das ist auch der wahre Hintergrund, warum Norbert Röttgen nicht die vermeintlich gesichtswahrende Alternative eines Rücktritts wählte. Es war ein vergiftetes Angebot der Kanzlerin. Damit wäre er erledigt gewesen. Dass Merkel ihn rauswerfen musste, schwächt in Wirklichkeit sie, nicht ihn. Im Gegenteil: Röttgen behält so eine Restchance auf eine politische Zukunft. Sie ist nicht sehr groß, wirklich nicht. Aber sie existiert.

Noch ist Norbert Röttgen stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei. Das immerhin ist ihm geblieben. Von diesem Posten kann Merkel ihn nicht vertreiben, den müsste er freiwillig räumen. Momentan deutet nichts darauf hin, dass er das machen will. Im Dezember trifft sich die CDU zu ihrem nächsten Parteitag. Das ist noch eine lange Zeit. Es kann viel passieren. Hält aber der gegenwärtige Abwärtstrend in Wahlen und Umfragen für die Union und ihre Kanzlerin an, kann das eine spannende Veranstaltung werden. Röttgen ist zwar kein Volksparteitribun wie es Oskar Lafontaine einmal war, und die CDU zeigte sich bisher deutlich putschresistenter als die SPD. Aber das muss ja nicht so bleiben. Bis vor kurzem konnte sich auch niemand vorstellen, dass diese Partei aus Atomkraft und Wehrpflicht aussteigt. Warum sollte sie nicht irgendwann ihrem Selbsterhaltungstrieb folgen und aus Merkel aussteigen?

Das wäre dann der Moment für die kleine Restchance des Norbert Röttgen. Er muss dafür erst einmal gar nichts tun. Er muss nur schweigen.