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Fall Kurnaz: Kälte, Schlafentzug, Schläge

Der Deutsch-Türke Murat Kurnaz hat vor dem BND-Untersuchungsausschuss geschildert, wie er von Amerikanern gefoltert wurde - mit Schlafentzug, Kälte oder auch simpler Gewalt. Kurnaz identifizierte auch deutsche Geheimdienstmitarbeiter, die ihn verhört haben sollen.

Der frühere Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz hat vor dem BND-Untersuchungsausschuss Folter und Misshandlungen während seiner viereinhalb Jahre in dem US-Gefangenenlager auf Kuba geschildert. "Sie haben uns gefoltert mit der Kälte in den Isolationszellen oder mit der Luftlosigkeit, so dass ich öfter in Ohnmacht gefallen bin", sagte der 24-Jährige bei seiner Vernehmung durch den Ausschuss am Donnerstag in Berlin. In den Verhören sei ihm immer wieder vorgehalten worden, er gehöre zur Al-Kaida oder den Taliban. Die Isolationszellen seien geschlossene Räume gewesen, die über eine Klimaanlage stark aufgeheizt oder abgekühlt worden seien. Bei abgeschalteter Anlage seien die Insassen aus Sauerstoffmangel in Ohnmacht gefallen. Sein erstes Interview nach der Haft hatte Kurnaz dem stern gegeben.

Kurnaz äußerte sich auch zur Vernehmung durch deutsche Geheimdienstmitarbeiter im September 2002 in Guantanamo. Auf Fotos identifizierte er einen der Männer sicher, den zweiten mit hoher Wahrscheinlichkeit. Bei dem dritten Foto war er sich nicht sicher. Außerdem sprach Kurnaz von einer zweiten Vernehmung durch einen Deutschen im Frühjahr 2004.

Kälte, Schlafentzug

Der in Bremen geborene Türke Kurnaz war Ende 2001 in Pakistan festgenommen und nach einem Aufenthalt in einem US-Lager in Afghanistan nach Guantanamo gebracht worden. Erst im August 2006 kam der heute 24-Jährige auf Drängen der Bundesregierung frei. Vor dem Ausschuss sprach er stockend. Auf die Fragen nach den Misshandlungen in Guantanamo äußerte er sich ruhig und betont sachlich, drastische Formulierungen wählte er nicht.

"Es war so, dass sie zum Beispiel einen ganzen Monat mit Kälte gestraft haben oder die Anlage mehrere Wochen ganz abgeschaltet haben", sagte Kurnaz. Auch Schlaf- und Essensentzug seien an der Tagesordnung gewesen. So seien die Drahtkäfige teils zweimal in der Nacht durchsucht worden, dazu seien die Gefangenen nachts zu Zählappellen geweckt worden. "Wir mussten alle paar Stunden aufstehen. Wir wurden geweckt und mussten unsere Nummern aufsagen", schilderte Kurnaz die Nächte in Guantanamo.

Zuschlagen und liegen lassen

Auch Strafaktionen habe es öfter gegeben. "Nach dem Gesetz im Lager durfte man sich nicht unterhalten mit den Nachbarn", sagte der 24-Jährige. Natürlich hätten sich die Gefangenen aber heimlich unterhalten. Spezielle Einsatzgruppen hätten sie dann bestraft. In Gruppen von etwa sieben Mann seien sie mit Plexiglasschilden und in kugelsicheren Westen in die Käfige gestürmt und hätten dort K.O.-Gas versprüht. "Sie schlagen zu, sie fesseln dich, dann lassen sie dich da circa zwölf Stunden liegen", schilderte Kurnaz die Strafaktionen.

Die hygienischen Bedingungen beschrieb er als verheerend. "Wir haben keine Toiletten gehabt, wir mussten die Eimer benutzen. Wasser haben sie auch in einen Eimer gefüllt, mit dem wir dann eine gewisse Zeit auskommen mussten", sagte Kurnaz. Einmal in der Woche hätten die Gefangenen zwei bis drei Minuten lang duschen dürfen. Zum Waschen habe das Wasser nicht ausgereicht. "Aber sie haben es halt Duschen genannt", sagte Kurnaz.

Chance auf Freilassung vergeben?

Zuvor hatte Kurnaz' Anwalt Bernhard Docke vor dem Ausschuss ausgesagt. Er warf der früheren Bundesregierung vor, durch ihre Untätigkeit zur jahrelangen Gefangenschaft seines Mandanten in Guantanamo beigetragen zu haben. "Wenn Herr Kurnaz Deutscher [Abstammung] gewesen wäre, wäre er im Herbst 2002 wahrscheinlich wieder zuhause gewesen", sagte er. Kurnaz sei in Guantanamo durch die Hölle gegangen. Es müsse geklärt werden, ob deutsche Behörden die Chance auf eine vier Jahre frühere Freilassung nach einem entsprechenden Angebot der USA vergeben hätten.