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Finanzminister Schäuble rastet aus: Vorgeführt und entlassen - die Akte Michael Offer

Der Eklat, Teil 2: Schäubles Sprecher Michael Offer geht, Nachfolger könnte Thomas Raabe werden. Doch die entscheidende Frage ist: Darf ein Minister so ausrasten?

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

Michael Offer ist nicht zu sprechen. Er wollte vieles werden, aber kein Medienstar. Nun ist er einer. Das Video der skandalträchtigen Pressekonferenz mit Offer und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist mehr als 300.000 Mal abgerufen worden. In jedem Online-Medium, in jeder Tageszeitung steht ein Artikel über Offer. Und es gibt ätzende Karikaturen. Zum Beispiel im "Tagesspiegel" (Montagsausgabe). Zu sehen ist, wie Offer Schäuble zu Füßen liegt. In der Sprechblase des Ministers steht: "Ich sagte nicht, Sie sollen meine Schuhe putzen, ich sagte, Sie sollen sie ablecken!!". Die Zeile unter der Zeichnung: "Der Minister definiert den Aufgabenbereich seines Pressesprechers …"

So fühlt sich Offer tatsächlich: öffentlich gedemütigt und bloßgestellt. Am Montag schrieb er einen Brief an Schäuble mit der Bitte, ihn aus dem Amt des Sprechers zu entlassen. Man möge ihm eine neue Aufgabe zuweisen. Begründung: Er besäße nicht das volle Vertrauen des Ministers. Schäuble reagierte am Dienstag mit einer knappen Mitteilung, per Mail verschickt, Eingang 10.42 Uhr. Er sei dem Wunsch seines Sprechers gefolgt. "Ich danke Herrn Dr. Michael Offer für seinen unermüdlichen Einsatz und seine Loyalität." Punkt, Aus.

Ende der Debatte? Gewiss nicht.

Pleiten, Pech und Pannen

"Es ist alles andere als schön gelaufen - für beide Seiten", sagt Jörg Schillinger vom Bundesverband der Deutschen Pressesprecher zu stern.de. Das ist wohl wahr. Offer, ein eher zurückhaltender, sensibler Beamtentyp, hängt emotional in der Abseite. Schäuble, dem es an Selbstbewusstsein und Leistungsfixierung nicht mangelt, fühlt sich zu Unrecht als Bösewicht verunglimpft. Hatte er nicht in der Sache Recht? Ist es nicht ein Skandal, wenn sein Sprecher nicht rechtzeitig zur Pressekonferenz ein Papier mit den richtigen Zahlen vorlegen kann? Und: Hatte er seinen extrem scharfen öffentlichen Rüffel ("Reden Sie nicht, sondern sorgen Sie dafür, dass die Zahlen verteilt werden!") nicht ein bisschen bedauert? Der "Bild am Sonntag" hatte Schäuble gesagt: "Bei aller berechtigten Verärgerung habe ich vielleicht überreagiert." Mehr war angeblich nicht, und Grund zur Aufregung gibt es nach Ansicht des PR-Profis Klaus Kocks sowieso nicht. "Es gibt keine Schmusepflicht", sagt er stern.de. "Das muss man aushalten können."

Offer hielt es nicht aus, und es waren wohl genau die halbgaren Worte in der "BamS", die ihm klar machten, dass seine Zeit abgelaufen ist. Denn als Entschuldigung ließ sich Schäubles Satz nicht interpretieren. Und die übliche Solidaritätsadresse - "Herr XY macht hervorragende Arbeit und hat mein volles Vertrauen" - fehlte auch. Damit zog Schäuble de facto selbst einen Schlussstrich unter ein schon ziemlich verkorkstes Arbeitsverhältnis. Offer, der ein moderner und selbständiger Sprecher sein wollte, fühlte sich von Schäuble mit Informationshäppchen abgespeist. Schäuble, der seine Außendarstellung nach seinem Gusto gestalten will und deshalb Mitarbeitern immer nur das Notwendigste mitteilt, sah das gar nicht ein. Und so häuften sich in jüngster Zeit Pleiten, Pech und Pannen.

Dokument einer ungehaltenen Rede

Ein Beispiel: Als der stern im Oktober berichtete, dass Schäuble vor seinem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt intern seinen Rücktritt angeboten hatte, sagte Offer auf der Bundespressekonferenz, das seien nur "Spekulationen" - eine in Berlin übliche Chiffre, wenn jemand nicht Position beziehen will. Plötzlich erreichte ihn jedoch eine SMS mit der Anweisung, das Rücktrittsangebot zu dementieren, was Offer auch tat. Offenkundig war er über die stern-Recherchen nicht vorab informiert worden.

Ein anderes Beispiel: Das "Handelsblatt" erhielt im November vorab den Text einer Rede, die Schäuble vor 400 Bankern halten wollte - ein Informationsaustausch, der zwischen Politik und Medien üblich ist. Als Schäuble tatsächlich am Rednerpult stand, wandelte er sein Manuskript jedoch deutlich ab. Das Handelsblatt dokumentierte die Unterschiede zum Originaltext, was dem Minister überhaupt nicht gefiel. Er knöpfte sich deshalb Offer vor. Ein echtes Vertrauensverhältnis hat sich zwischen beiden nie aufgebaut.

Ungewöhnlich ist es nicht, dass in solchen Fällen das Arbeitsverhältnis aufgelöst wird. Aber: "99,9 Prozent der Trennungen laufen leise ab, hinter der Bühne", sagt Schillinger vom Pressesprecher-Verband. Es ist die öffentliche Zurschaustellung der Mesalliance, die sie so beispiellos macht. Die Außenwirkung ist jedenfalls auch für Schäuble fatal. Gerade bürgerliche Wähler empfinden seinen Umgang mit Offer als unangemessen harsch. Zumal inzwischen bekannt wurde, dass Offer nicht daran schuld war, dass das Papier nicht rechtzeitig verteilt werden konnte - Schäuble hatte kurz vor der Pressekonferenz noch Änderungen verlangt.

Ist der Mann "auf Droge"?

Und natürlich schießen sofort wieder die üblichen Spekulationen ins Kraut. Ist Schäuble wegen der Medikamente, die er nehmen muss, emotional instabil? Ist der Mann "auf Droge", wie es der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki sagte? Parteichef Guido Westerwelle kritisierte Kubicki umgehend für seine Wortwahl. Oder ist Schäuble so gereizt, weil seine Vorschläge zur Finanzierung der Kommunen nicht auf fruchtbaren Boden fielen und ihm die Liberalen schon wieder mit Steuersenkungen in den Ohren hängen? Hans Peter Friedrich, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, bügelt solche Vermutungen sofort ab. "Wolfgang Schäuble macht einen Super-Job!", sagt er. Die Kanzlerin hat auch noch nichts Gegenteiliges verlauten lassen. Obwohl Schäubles Amtsführung mittlerweile auch in den eigenen Reihen umstritten ist.

Sein Benehmen ist es nicht - zu oft sind Spitzenpolitiker schon ausgerastet. Der frühere Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte in einem Interview mit stern.de erklärt: "In meinem Ressort kann jeder machen, was ich will." Es sei durchaus schon vorgekommen, dass Beamte nach einem Gespräch mit ihm ihre Akten auf dem Boden aufsammeln mussten. Auch Wolfgang Clement, unter Kanzler Gerhard Schröder Superminister für Wirtschaft und Arbeit, war bei Parteifreunden und Mitarbeitern gefürchtet. Mal warf er mit dem Aschenbecher, häufiger mit den Meldungen der Nachrichtenagenturen um sich. Von Altkanzler Helmut Kohl ist die Geschichte verbürgt, dass er auf Wahlkampftour in Baden-Württemberg – wie so häufig – Lust auf ein Eis bekam. Als seine Bodyguards die von Kohl bevorzugte Eisdiele nicht fanden, ranzte er deren Chef in aller Öffentlichkeit an: "Ich glaube, Sie müssen sich eine neue Verwendung suchen."

Ein Qualifizierter

Auch Offers Nachfolger wird es mit dem ebenso strengen wie zuweilen emotionalen Schäuble nicht einfach haben. Nach stern.de-Informationen ist Thomas Raabe im Gespräch, zuletzt Pressesprecher von Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Was Raabe, momentan auf Fortbildung in Rom, besonders qualifiziert: Er war auch Pressesprecher der Unionsfraktion zu den Zeiten, als Schäuble Fraktionschef war. Raabe weiß, was auf ihn zukommen könnte.

Von:

und Hans Peter Schütz