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Vom Krankenbett aus Gelähmter Syrer koordiniert Reise tausender Flüchtlinge


Mit WhatsApp und Facebook-Gruppen ist ein 31-jähriger querschnittsgelähmter Syrer von Elmshorn aus zu einer Art Hotline für tausende Flüchtlinge geworden. Er warnt vor Unwettern, dirigiert sie übers Mittelmeer und durch Europa.

Mohammed Abu Amar koordiniert die Flucht syrischer Flüchtlinge nach Europa von seinem Krankenbett in Elmshorn bei Hamburg aus. Der 31-jährige Syrer ist seit Dezember 2012 querschnittsgelähmt. Bei einer Granatenexplosion in Damaskus drang ein Splitter in seine Wirbelsäule ein. Beim Versuch über Ägypten nach Europa zu kommen waren er selbst, seine Frau und die zwei kleinen Kinder 2013 in ein Auffanglager in die Türkei gebracht worden. Im Sommer dieses Jahres gelangten sie dann via Griechenland mit gefälschten Pässen per Flugzeug nach Deutschland, wie er VICE Deutschland berichtet.

Im Krankenhaus in Elmshorn erhofft er sich bessere Behandlung und will eines Tages wieder laufen können. Doch seine Genesung muss erst einmal hinten anstehen. Abu Amar arbeitet die Nächte durch. Seine zwei Smartphones sind zu einer Art Hotline für Flüchtlinge geworden, klingeln fast durchgehend. Er betreut mehrere WhatsApp-Gruppen mit Hunderten Mitgliedern, schickt ihnen die besten Routen nach Europa, warnt vor schlechten Wetterbedingung für eine Mittelmeerüberfahrt und informiert notfalls die griechische Küstenwache, wenn jemand in Seenot gerät. 

Seine Nummer verbreitet sich

Der VICE-Reportage zufolge erreicht er mit zwei privaten Facebook-Gruppen jeweils rund 35.000 Menschen. In den Lagern im Libanon und in der Türkei verbreite sich seine Nummer unter den Geflüchteten via Mund-zu-Mund-Propaganda. Dem "New Yorker" sagte Abu Amar: "Man hat mir erzählt, wenn du dieser Tage in Syrien in irgendeinen Coffeeshop gehst, dann reden die Leute über mich und fragen nach meiner Nummer." Manchmal bekomme er mitten in der Nacht einen Anruf, dass eine Gruppe irgendwo in einem Wald feststecke und nicht weiter wüsste. Dann dirigiert er sie zum nächsten Bahnhof und rät, wie die Reise am besten weitergehen soll. "Zwischen fünf und sechs Uhr morgens schlafe ich dann ein, bis rund 14 Uhr. In dieser Zeit erreichen mich sehr wenige Anfragen", sagt er dem "New Yorker".

Den Schleppern drückt Abu Amar mit seinen Hilfsangeboten aufs Geschäft. In der Türkei fragten sie VICE zufolge auf der Straße nach seiner Adresse, mehrere Morddrohungen hätten ihn erreicht und in seinen Facebook-Gruppen seien wiederholt Nacktbilder gepostet worden, damit Facebook diese sperrt.

Zehntausenden bereits geholfen

Er selbst schätzt, dass er in den vergangenen zweieinhalb Jahren im Schnitt zwei bis drei Gruppen von rund 20 bis 30 Personen pro Tag mit direktem Kontakt bei der Flucht geholfen habe. Dazu kämen noch die Menschen, die sich auf seinen Seiten Informationen holen. Die beliebtesten Ziele der Flüchtlinge sind demnach Deutschland und Schweden.

Doch Abu Amar leidet VICE zufolge aber auch unter dem enormen Druck. Er könne kaum noch durchschlafen, weil ständig das Telefon klingle und die Menschen sich ja auf ihn verlassen würden. "Wenn Dich jemand anruft und sagt, wir ertrinken gleich, dann kannst du nicht abschalten."

fin

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