GESPERRT! Andrea Ypsilanti Sind Sie machtgeil?


"Nein. Aber ich will Macht. Ich will etwas bewegen." Keiner rennt zweimal mit dem Kopf gegen dieselbe Wand. Hofft Kurt Beck. "Ich sehe keine Wand", sagt Hessens SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti. Sie will Ministerpräsidentin werden. Ein stern-Gespräch über Mut, Mehrheiten, Menschenkenntnis - und ihr entspanntes Verhältnis zur Linken.

Frau Ypsilanti, die Rodgau Monotones haben vor Jahren den Klassiker "Erbarme! Zu spät, die Hesse komme" aufgenommen. Summen Sie das Lied in diesen Tagen manchmal vor sich hin?

Müsste ich denn? Bei uns in Hessen ruft ja keiner: Erbarmen! Wir machen ordentliche Arbeit. Aber wenn schon, dann wäre das vielleicht was für die Wahrnehmung in Berlin.

"Was kommt denn da für'n wüster Krach, aus Darmstadt, Frankfurt, Offenbach."

Ich kenne den Text. Stimmt schon: Es sind aufregende Zeiten. Und spannend ist es auch, so sollte Politik doch sein.

"Was tobt seit vielen Wochen schon 'ne schaurig schöne Invasion", singen die Monotones. Jetzt kommt Andrea Ypsilanti aus Rüsselsheim und überrollt die SPD.

Blödsinn. Die Leute wussten, was sie wählen, als sie uns ihre Stimme gaben. Es geht um Inhalte: Chancengleichheit in der Bildung, soziale Gerechtigkeit und die Energiewende.

Also bitte! Sie haben vor der Wahl versprochen: Keine Zusammenarbeit mit der Linken. Jetzt streben Sie das exakte Gegenteil an.

Es ist das einzige Wahlversprechen, das ich nicht halten kann - wenn sich mein Landesverband für diesen Weg entscheidet. Dass es in Hessen fünf Parteien in den Landtag schaffen, hatte zuvor niemand richtig auf der Rechnung. Jetzt stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, eine Regierungsmehrheit zu basteln. Wir haben doch viel versucht. Wir haben mit der CDU gesprochen, wir haben um die FDP geworben. Es war beileibe nicht so, dass ich sofort gesagt habe: Nun lasst uns eine rotgrüne Minderheitsregierung bilden und uns von den Linken unterstützen.

Ein Ergebnis gibt es schon: Die Freunde, die Sie in der SPD noch haben, passen bequem in eine Telefonzelle.

Da vertun Sie sich aber, in Hessen brauchten Sie schon größere Räumlichkeiten. In unserer Partei ist der Wunsch, es mit einer Minderheitsregierung zu versuchen, stark verbreitet. Und viele Vertreter gesellschaftlich relevanter Gruppen haben Sympathie für den Weg: Gewerkschaften, Sozialverbände, Umweltverbände.

Sie erleben gerade, dass Politik wehtun kann.

Ja, das stimmt. Das alles geht nicht spurlos an mir vorbei. Manchmal bereitet es mir buchstäblich Kopfschmerzen.

Die kommen, weil der Druck so groß ist?

Natürlich ist der groß. Sie müssen nur täglich in die Zeitungen schauen.

Da sind Sie "Tricksilanti" und "Lügilanti".

So etwas geht schon unter die Haut. Was da getrieben wird, ist teilweise wirklich hysterisch. Was ist denn mit den Ländern, in denen es rot-rote Koalitionen schon gegeben hat oder noch gibt? Was ist denn mit Berlin? Das war die Stadt der Mauer.

Wenn es Bedenken gibt, die Sie stoppen können, dann sind es nur noch landespolitische?

Ja.

Die Frage, ob man damit einen Kanzlerkandidaten beschwert, spielt keine Rolle?

Nein. Weil ich nicht glaube, dass es so ist.

Woran kann es überhaupt noch scheitern?

Zunächst einmal muss sich die hessische SPD entscheiden. Dann folgen die Gespräche mit den Linken und Koalitionsverhandlungen mit den Grünen. Wir stehen den Grünen politisch nah, sind aber nicht deckungsgleich.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Linken? Entspannt?

Das ist entspannt. Wir haben in Hessen die Studiengebühren abgeschafft, Schulstandorte gerettet, Lehrerentlassungen verhindert - alles mit den Stimmen der Linken. Wir haben aber leider auch sehen müssen, dass wir aus dem Parlament heraus an unsere Grenzen stoßen. Zum Beispiel bei unserem Beschluss, dass Hessen in die Tarifgemeinschaft der Länder zurückkehrt. Da sagt dann der CDU-Innenminister: Mach ich nicht. Das Gleiche gilt beim Abschiebestopp für afghanische Flüchtlinge.

Werden die Linken in der Öffentlichkeit richtig bewertet?

Die sechs Abgeordneten, mit denen ich es in Hessen zu tun habe, machen auf mich nicht den schlechtesten Eindruck. Das sind Menschen, die aus sozialpolitischer Verantwortung heraus Politik machen. Denen ist soziale Gerechtigkeit wichtig.

Die DDR ist als Schatten aber immer dabei.

Nur bei denen, die nicht differenzieren wollen.

Hätten Sie sich denn vorstellen können, in der DDR zu leben?

Nein. Ich hätte nicht in einem Land leben wollen, in dem so viel Unrecht passiert, in dem es so wenig Freiheit gibt. Wer möchte schon in so einem Land leben?

Und da schreckt Sie die neue Nähe zur "SED-Nachfolgepartei" nicht?

Ich verstehe das Getöse, ehrlich gesagt, nicht mehr. Es gibt doch auf den unterschiedlichsten Ebenen Zusammenarbeit mit dieser Partei, in Magdeburg, Dresden und Cottbus macht sogar die CDU gemeinsame Sache mit den Linken. Das Geschrei ist doch heuchlerisch.

Warum koalieren Sie nicht gleich mit der Linkspartei, warum lassen Sie sich auf das Risiko einer Minderheitsregierung ein?

Das hat die Linke ausgeschlossen. Es gibt aber tatsächlich viele in meiner Partei, die eine Koalition lieber sähen.

Wenn die Linke noch umschwenken würde, dann hätten Sie eine neue Option?

Diese Wenn-dann-Fragen beantworte ich nicht, obwohl es sogar Genossen in Berlin gibt, die mir zugeraten haben, es dann doch gleich mit einer rot-rot-grünen Koalition zu versuchen.

Haben Sie Vorbilder in der SPD?

Da ist zunächst einmal Heidemarie Wieczorek-Zeul. Eine gestandene Genossin, die als Frau in der Politik viel mitmachen musste. Und natürlich Willy Brandt.

Wir dachten, Sie zählen zumindest den früheren Lafontaine dazu?

Nein, den würde ich nicht als Vorbild bezeichnen.

Aber als politischen Seelenverwandten?

Ich würde nie aus meiner Partei austreten - das ist ein Unterschied. Ich bin Teil dieser Sozialdemokratie, und da, wo mir sie nicht gefällt, versuche ich etwas zu ändern.

Und jetzt wollen Sie Ministerpräsidentin von Lafontaines Gnaden werden.

Mit Lafontaine habe ich es in Hessen nicht zu tun.

Sie sind naiv. Sie spielen Lafontaines Spiel, und die Linke muss dafür nichts bezahlen.

Quatsch. Ich bin nicht von Lafontaine abhängig. Wir werden klare Vereinbarungen treffen, an die muss sich die Linke halten.

Frau Ypsilanti, ist Kurt Beck ein guter SPD-Vorsitzender?

Ja. Ich schätze ihn sehr. Er ist ein Vorsitzender, der die Partei mitnimmt. Eine Landeschefin einzubestellen und ihr zu sagen, wo es langgeht - das ist nicht Becks Stil.

Er ist aber einer, der öffentlich vor dem Experiment in Hessen warnt.

Er sagt jedoch gleichzeitig, die hessischen Genossen müssen die hessischen Angelegenheiten allein regeln.

Halten wir fest: Beck ist für Sie ein guter Parteivorsitzender, hat aber keine Autorität.

Das hat mit mangelnder Autorität nichts zu tun. In der SPD treffen die Landesverbände ihre eigenen Entscheidungen. Heiko Maas im Saarland oder Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen lassen sich von der SPD in Berlin doch auch nicht sagen, was sie für eine Politik zu machen haben.

Mal angenommen, die Operation Ypsilanti gelingt. Ist Frank-Walter Steinmeier dann noch der richtige Kanzlerkandidat?

Zur Frage der Kanzlerkandidatur wird Kurt Beck einen Vorschlag unterbreiten.

Steinmeier steht für eine klare Abgrenzung der SPD von der Linkspartei. Wie soll er diese Position im Bundestagswahlkampf 2009 dann noch glaubwürdig vertreten können?

Sie werden mich nicht aufs Glatteis führen. Die SPD im Bund entscheidet ihre Fragen, wir in Hessen entscheiden unsere.

Angenommen, die Operation Ypsilanti scheitert. Braucht die SPD dann überhaupt noch einen Kanzlerkandidaten?

Ich spekuliere nicht übers Scheitern.

Haben Sie mal mit Heide Simonis telefoniert?

Nein.

Böte sich doch an.

Ich könnte mit der halben Welt telefonieren. Im Moment wollen mir ganz viele Menschen gute Ratschläge geben.

Ihre Parteifreundin Heide Simonis scheiterte 2005 bei der Wahl zur schleswigholsteinischen Ministerpräsidentin an einer einzigen Gegenstimme aus den eigenen Reihen. Wie haben Sie das Debakel damals erlebt?

Soweit ich weiß, hat sie sich bestmöglich vorbereitet. Sie hat mit jedem einzelnen Abgeordneten vorher geredet und in der Fraktion eine Probeabstimmung gemacht. Trotzdem fehlte am Ende eine Stimme.

Das kann Ihnen auch passieren.

So was kann immer passieren. Man guckt den Leuten auf die Stirn, nicht ins Hirn. Also welchen Ratschlag könnte mir Heide Simonis geben, außer den, vor der Entscheidung eine Probeabstimmung zu machen?

Verdammmt dünnes Eis, auf dem Sie sich bewegen. Sie haben nur eine Stimme Mehrheit.

In Hessen waren die Mehrheiten schon immer knapp. Ich bin mir des Risikos bewusst. Ich weiß, dass ich im Vorfeld alle Stolpersteine aus dem Weg räumen muss. Ich führe mit jedem meiner Genossen ein Vieraugengespräch.

Guckt da ein Abgeordneter auch mal weg, wenn Sie ihm tief in die Augen schauen?

Nein. Außerdem bin ich 51 Jahre alt, ich habe eine gewisse Menschenkenntnis. Ich spüre, wem ich vertrauen kann.

Was Sie Risiko nennen, bezeichnen andere als Himmelfahrtskommando. Sie setzen ja nicht nur Ihre politische Karriere aufs Spiel. Im Fall eines Scheiterns erledigen Sie Kurt Beck als SPD-Chef gleich mit. Und Sie beschädigen den potenziellen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.

Nun mal halblang. Das nehme ich nicht auf meine Kappe. Wenn wir Sozialdemokraten in Hessen eine Minderheitsregierung zustande bringen und diese Regierung ordentlich arbeitet, dann sehe ich nicht, wo der Schaden für die Bundespartei sein soll. Ich trage nicht Schuld am ganzen Elend dieser Welt.

Sie haben Ihre Diplomarbeit über "Biografien einflussreicher Frauen" geschrieben. Stimmt Ihre Erkenntnis von damals mit Ihren Erfahrungen von heute überein: Frauen haben es in der Politik schwerer als Männer?

Ja. Allein schon darüber zu reden ist schwierig.

Warum?

Weil mir dann immer gleich unterstellt wird, ich ritte auf dem Thema herum, um mich zu rechtfertigen. Der politische, öffentliche Raum ist voll von Ritualen, die Männer geprägt haben. Als Frau musst du dich ständig fragen, wie weit du da mitgehen willst, wo du Grenzen setzt, wo du anders agierst.

Sie hätten es leichter, wenn Sie Andreas Ypsilanti hießen?

Ich hätte es wohl so oder so schwer gehabt. Ich bin sehr hartnäckig, besonders bei Dingen, von denen ich überzeugt bin.

Kleines Gedankenspiel: Gerhard Schröder in Ihrer Lage von heute - was würde er tun? Sich mithilfe der Linken zum Ministerpräsidenten wählen lassen?

Ich bin mir sicher, er würde diese strategische Option nicht schnöde zurückweisen. Aber mir wird ständig vorgeworfen, ich sei machtgierig.

Sie sind nicht machtgeil?

Nein.

Sie wollen nicht an die Macht?

Doch, ich will Macht. Aber nicht um der Macht willen, sondern weil ich etwas bewegen will.

Das sagen alle.

Das Amt eines Ministerpräsidenten bringt viele Entbehrungen mit sich. Das überlege ich mir dreimal. Aber jetzt habe ich die Chance, politisch etwas zum Besseren zu verändern. Also sage ich: Ja, ich will Ministerpräsidentin werden. So wie jeder andere Spitzenkandidat auch.

Gibt es für Sie eine Erotik der Macht?

Ganz ehrlich, einen 16-Stunden-Tag finde ich nicht besonders erotisch.

Für die "Bunte" haben Sie sich in einem roten Abendkleid mit riesiger Schleppe fotografieren lassen. "Wird Sie die neue Herrin von Hessen?" lautete die Schlagzeile. Ist das keine Inszenierung von Macht?

Nein. Ich bin Politikerin, keine Schauspielerin. Da habe ich einmal eine Ausnahme gemacht, und schon werde ich laufend darauf angesprochen. Ich habe das Kleid probiert, es sah gut aus, ich habe mich darin fotografieren lassen. War mal was anderes.

Sie präsentieren sich auf dem Foto hoch erhobenen Hauptes, als wollten Sie zeigen: Dann renn ich eben mit dem Kopf zweimal gegen die gleiche Wand.

Ich sehe keine Wand. Ich sehe nur ein weites Feld, das bearbeitet werden will.

Mit anderen Worten: Sie werden in die Geschichtsbücher eingehen als diejenige, die die Linke im Westen salonfähig gemacht hat.

Vielleicht sind ja die Hessen schon immer etwas mutiger gewesen. Hier gab es schließlich die erste rot-grüne Koalition. Aber lassen wir die Geschichtsbücher doch die Historiker schreiben.

Interview: Jens König, Axel Vornbäumen print

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