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Interview

Pflanzenschutzmittel: Experten erklären, warum sie Glyphosat als alternativlos einschätzen

Glyphosat ist angeblich krebserregend, mitverantwortlich für das extreme Insekten- und Vogelsterben und doch irgendwie alternativlos. Im Interview erklären zwei Experten, warum das Mittel so umstritten ist und wie sich die Landwirtschaft umstellen könnte.

Horst-Henning Steinmann und Christoph Schäfers äußern sich zu Glyphosat

Horst-Henning Steinmann und Christoph Schäfers äußern sich zu Glyphosat

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Vor über 40 Jahren kam das Unkrautvernichtungsmittel "Roundup" des Biotechnologie-Konzerns Monsanto mit jener Hauptkomponente zum Einsatz, die bis heute für hitzige Debatten und Schlagzeilen sorgt: Glyphosat. Der seit Jahren mengenmäßig bedeutendste Inhaltsstoff von sogenannten Breitband- und Totalherbiziden soll angeblich krebserregend sein, eine Mitverantwortung für das extreme Insekten- und Vogelsterben in den vergangen Jahren tragen - und in der Landwirtschaft doch irgendwie alternativlos sein. Die Entscheidung von Landwirtschaftsminister Schmidt, der Lizenzverlängerung vom Glyphosat-Einsatz in der EU entgegen der "Weisungslage" der Bundesregierung zuzustimmen, scheint nun sogar die Regierungsbildung zu gefährden.

Die Risiken des Unkrautvernichtungsmittels sind unter Experten umstritten. Das zeigt auch die Umfrage des stern, der Experten auf diesem Gebiet nach Ihrer Einschätzung gefragt hat. Beide Gesprächspartner haben unabhängig voneinander dieselben fünf Fragen gestellt bekommen - ihre Antworten fallen unterschiedlich aus. Aber in einem Punkt besteht Konsens: Für Glyphosat gibt es aktuell keinen befriedigenden Ersatz. 

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist Gegenstand heißer Diskussionen.

"Es ist wichtig, jetzt schon Erfahrung mit anderen Methoden zu sammeln": Dr. Horst-Henning Steinmann, Projektleiter am Zentrum für Biodiversität 

DasUnkrautvernichtungsmittel Glyphosat darf in der EU für fünf weitere Jahre zum Einsatz kommen – was halten Sie von der Entscheidung der EU-Kommission? Warum ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Glyphosat: Experten im stern - Dr. Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität

Dr. Horst-Henning Steinmann

"Das war vor allen Dingen eine überraschende Nachricht. Wenn wir mal beiseite lassen, wie die Entscheidung zustande gekommen ist, dann gibt es jetzt erstmal eine Phase, in der man für ein paar Jahre den Übergang planen kann. Später werden Landwirte wohl ohne Glyphosat auskommen müssen. Es ist also wichtig, jetzt schon Erfahrungen mit anderen Methoden der Unkrautbekämpfung zu sammeln."

Wie wirkt sich die Glyphosat-Nutzung - für fünf weitere Jahre - auf (unsere) Umwelt und Landwirtschaft aus?

"Die genauen Rahmenbedingungen müssen noch festgesetzt werden. Die EU-Vorlage sieht jedoch vor, dass schärfere Auflagen zur Verbesserung der Artenvielfalt ergriffen werden müssen. Die Glyphosatanwendungen werden also voraussichtlich durch Vorschriften eingeschränkt."

Das Unkrautvernichtungsmittel steht in Verdacht, etwa krebserregend zu sein und zum extremen Vogel- und Insektensterben in den vergangenen Jahren beigetragen zu haben. Die Risiken sind unter Experten allerdings umstritten. Wie gefährlich ist Glyphosat wirklich?

"Glyphosat ist eine vergleichsweise wenig schädliche Chemikalie. Die unterschiedlichen Bewertungen beruhen auf unterschiedlichen Beurteilungsregeln der Expertengremien. Um den Verlust von Lebensräumen von Vögeln und Insekten zu verhindern, kann ein reduzierter Umgang mit Glyphosat sicher beitragen. Die Ursachen für den Rückgang der Insekten sind aber vielfältig. Landwirte aber auch Gärtner in Stadt und Land müssen mehr für Arten- und Blütenvielfalt in Feldern und Gärten tun: Mehr Vielfalt, mehr Blühpflanzen und auch mal weniger intensives Bekämpfen von Unkraut und Schädlingen."

Es gibt noch viele weitere Totalherbizide. Warum ausgerechnet Glyphosat - gibt es an dem Mittel wirklich kein Vorbeikommen?

"Nein, es gibt kein direktes Vergleichsprodukt. Kein anderes Herbizid hat solche breiten Einsatzmöglichkeiten."

Ein Blick in die Zukunft: Was würde ein mögliches Verbot von Glyphosat in fünf Jahren für (unsere) Landwirtschaft und Umwelt bedeuten?

"Die Landwirtschaft wird wieder mehr Bodenbearbeitung auf den Feldern betreiben. Das wird weniger Herbizide benötigen. Es wird aber auch mehr Erosion, also Bodenabtrag, geben, weil ein lockerer Boden leichter vom Regen abgespült wird."

"Glyphosat ist zur Zeit alternativlos": Prof. Dr. Christoph Schäfers, Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie

DasUnkrautvernichtungsmittel Glyphosat darf in der EU für fünf weitere Jahre zum Einsatz kommen – was halten Sie von der Entscheidung der EU-Kommission? Warum ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Glyphosat: Experten im stern - Prof. Dr. Chistoph Schäfers vom Fraunhofer-Institut

Prof. Dr. Christoph Schäfers

"Politisch: Die Mehrheitsentscheidung ist als solche zu akzeptieren. Ihr Zustandekommen ist für unsere Innenpolitik eine schlechte Nachricht.

Inhaltlich: Es ist der einfachste Weg, da die Diskussion über Alternativen und die Finanzierung ihrer Anwendung weniger dringlich ist. Ein Verbot der Anwendung vor der Ernte (in Deutschland schon länger in Kraft) ist eine gute Nachricht."

Wie wirkt sich die Glyphosat-Nutzung - für fünf weitere Jahre - auf (unsere) Umwelt und Landwirtschaft aus?

"Optimistisch: Es gibt fünf Jahre Zeit für eine konzeptionelle Umstellung auf nicht-chemische Alternativen und eine langsame Anpassung der Preise für Agrarprodukte zur Finanzierung derselben, was sich langfristig positiv auf die Biodiversität auswirkt.

Pessimistisch: Es wird sich nichts ändern. Der Preisdruck auf Lebensmittel in Deutschland wird eine weitere Effizienzsteigerung und Intensivierung der Landwirtschaft zur Folge haben, zu der Glyphosat seinen Teil beiträgt. Darunter leidet die Biodiversität."

Das Unkrautvernichtungsmittel steht in Verdacht, etwa krebserregend zu sein und zum extremen Vogel- und Insektensterben in den vergangenen Jahren beigetragen zu haben. Die Risiken sind unter Experten allerdings umstritten. Wie gefährlich ist Glyphosat wirklich?

"Eine direkte toxische Wirkung der Anwendung auf Menschen, Vögel und Insekten ist nach Stand der Wissenschaft auszuschließen. Indirekte Wirkungen sind nicht auszuschließen, bzw. eine unausweichliche Folge der gewünschten herbiziden Wirkung."

Es gibt noch viele weitere Totalherbizide. Warum ausgerechnet Glyphosat - gibt es an dem Mittel wirklich kein Vorbeikommen?

"Durch seinen Wirkmechanismus und seine physikochemischen Eigenschaften ist Glyphosat im Vergleich zu anderen Agrochemikalien bezüglich des Verhältnisses von Risiko zu Nutzen zur Zeit alternativlos."

Ein Blick in die Zukunft: Was würde ein mögliches Verbot von Glyphosat in fünf Jahren für (unsere) Landwirtschaft und Umwelt bedeuten?

"Zunächst ergäbe sich ein erhöhter Regulations- und Kontrollbedarf wegen der Verwendung anderer Agrochemikalien. Die Kosten der landwirtschaftlichen Produktion würden steigen. Ohne Kompensation durch Erhöhung der Lebensmittelpreise wird die Landwirtschaft zunehmend auf die Produktion lukrativerer Rohstoffe für die Bioökonomie umsteigen."

Was ist Ihre Meinung zu Glyphosat? Lassen Sie es uns wissen! Teilen Sie uns Ihre Gedanken zu dem umstrittenen Wirkstoff in einer E-Mail an leseraufruf@stern.de mit. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!