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Guantanamo-Häftlinge: Wer sind die zwei, die nach Deutschland kommen?

Lange hat die Bundesregierung gezögert, jetzt steht fest, Hamburg und Rheinland-Pfalz nehmen einen Syrer und einen Palästinenser aus dem Lager Guantanamo auf. US-Dokumente legen nahe, dass beide keine Kämpfer aber Fundamentalisten sind.

Von Sebastian Huld

Es ist ein einmaliger Vorgang in der Bundesrepublik: Um den USA dabei zu helfen, das Gefangenenlager Guantanamo aufzulösen, wird Deutschland zwei Inhaftierte aufnehmen. Im Gespräch mit stern.de bestätigte eine Behörde die Identität der beiden: Der 36-jährige Syrer Mahmud al-A. und der 31-jährige Palästinenser Mohammed Abdullah T. kommen nach Hamburg und Rheinland-Pfalz. Innenminister Thomas de Mazière sagte wiederholt, beide Personen seien gründlich auf ihre Gefährlichkeit geprüft worden, um "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen, dass Terroristen ins Land geholt werden".

Ermittlungsberichte im Internet

Die veröffentlichten Verhörprotokolle aus Guantanamo scheinen diesen Eindruck zu belegen: Weder der Syrer al-A., noch der Palästinenser T. haben sich demnach aktiv an Kämpfen beteiligt. Zugleich gaben beide zu erkennen, Anhänger extremistischer Auffassungen des Islam zu sein. Wie genau mit den beiden Häftlingen umgegangen werden soll, ist noch nicht klar. Die Behörde berichtete stern.de weiter, dass sich Beamte des Bundesinnenministeriums am Freitagmorgen mit Beamten aus Rheinland-Pfalz und Hamburg getroffen hätten. Es wurde vereinbart, zwei Arbeitsgruppen zu bilden. Die eine soll sich demnach mit Fragen der Betreuung und Überwachung der Häftlinge befassen. Die zweite Arbeitsgruppe soll den rechtlichen Status der Männer klären, die beide unter das Ausländerrecht fallen.

Noch hat die Bundesregierung keine Informationen über die beiden Häftlinge veröffentlicht, die in circa zwei Monaten nach Deutschland kommen sollen. Allerdings wurden einige Verhörprotokolle, die den beiden Männern zugeordnet werden können, auf der Homepage der New York Times veröffentlicht . Da nicht nachvollziehbar ist, unter welchen Umständen die Dokumente entstanden sind, ist ihr Inhalt mit Vorsicht zu genießen. Dennoch: Beide Männer scheinen sich weder an den Terroraktivitäten der al-Quaida, noch an den Kämpfen der Taliban in Afghanistan beteiligt zu haben. Das erklärt auch, warum die USA sie jetzt ohne Prozess freilassen.

Von Propaganda-Videos motiviert

Mahmud al-A. brach dem Untersuchungsbericht zufolge im Oktober 2001 nach Afghanistan auf, um mit den Taliban gegen die Nordallianz zu kämpfen. Zwei Wochen zuvor, so das Dokument, habe al-A. eine Fatwa gelesen, ein islamisches Rechtsgutachten, das die Muslime zum Kampf gegen die Ungläubigen in Afghanistan aufrief. Außerdem habe er Propagandavideos gesehen, die den Kampf von Islamisten unter anderem in Bosnien und Tschetschenien zeigten. Al-A., der im syrischen Doha geboren wurde, lebte zu dieser Zeit in Kuwait, wo er auf einem Markt arbeitete. Die Abreise war offenbar ziemlich überstürzt, denn nachdem al-A. einen Visa-Antrag für den Iran gestellt hatte, wurden Sicherheitsbeamte auf ihn aufmerksam und suchten ihn zu Hause auf. Al-A. beschloss, so das Dokument, sofort abzureisen und informierte von unterwegs seine Frau und seine Mutter, dass er in den Dschihad, in den Krieg gegen die Ungläubigen, gezogen sei.

Allerdings wurde al-A., keine zwei Wochen nachdem er sich über den Iran nach Afghanistan geschmuggelt hatte, von amerikanischen Soldaten festgenommen. Seine Suche nach einem Ausbildungscamp war zuvor erfolglos geblieben. Die Strukturen der Kaida- und Taliban-Kämpfer waren in den ersten Wochen des Einmarsches der USA zusammengebrochen. Nachdem er Kontakt zu Talibankämpfern aufgenommen hatte, bleib er für einige Tage in einem Gästehaus in Kabul, das laut US-Militär als Umschlagplatz für Waffen und Kämpfer diente. Die Umstände seiner Verhaftung sind in dem Dokument jedoch unklar und widersprüchlich. Allerdings muss der Mann eine Odyssee durch die berüchtigtsten US-Gefängnisse des Afghanistankrieges hinter sich haben: Bagram, Kandahar und Guantanamo wurden für ihre unmenschlichen Verhörmethoden und ihre Intransparenz vielfach scharf kritisiert.

Ironischerweise gibt das Regierungsdokument, das das Für und Wider einer Freilassung von al-A. abwägt, an, der Gefangene habe ausgerechnet in Guantanamo nicht nur das einfache Leben, sondern auch die Vorzüge des Westens schätzen gelernt. Er plane im Falle einer Freilassung, sich eine neue Frau zu suchmen und ein Geschäft zu eröffnen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wer der Palästinenser Mohammed Abdullah T. ist und wie er nach Guantanamo kam.

Ein friedlicher Fundamentalist

Im Gegensatz zu al-A. soll der Palästinenser Mohammed Abdullah T. laut Untersuchungsbericht nie die Absicht gehabt haben, sich an den Kämpfen in Afghanistan zu beteiligen. Der Anhänger einer islamistischen Missionarsbewegung hatte sich ebenfalls im Oktober 2001 in die umkämpfte Region aufgemacht. Allerdings reiste T. nach Pakistan. Hier lernte er in einer Kleinstadt junge Araber kennen, so das Dokument, mit denen er auch den Süden Afghanistans bereist hatte. Als es in der Region zu gefährlich wurde, reiste er zurück nach Pakistan, wo er, so seine vermeintliche Aussage, von einem Pakistani in dessen Gästehaus eingeladen wurde. Ausgerechnet dieses Haus diente der al-Kaida als Unterschlupf, weshalb T. hier zusammen mit anderen al-Kaida-Kämpfern festgenommen wurde. Angeblich habe der junge Palästinenser nicht gewusst, mit welchen Extremisten er hier zusammengewohnt hat.

Die Militärermittler haben T. in dem Dokument Verbindungen zu der militanten Palästinenser-Organistaion Hamas unterstellt. Allerdings hat der junge Islamschüler selbst eingeräumt, dass lediglich zwei Onkels der Hamas angehörten, sein Vater aber Distanz zu ihnen pflegte. Am Ende stellen die Ermittler fest, dass sie keine Verbindungen zur al-Kaida oder den Taliban erkennen können, und dass sich T. auch von Selbstmordattentaten und ähnlichen Gewaltakten distanziert. Sollten die Akten stimmen, entsteht hier das Bild eines tiefgläubigen Fundamentalisten, der bislang keine Gewalt angewendet hat. Im Falle einer Freilassung gab T. an, möchte er weiter den Koran studieren, am liebsten in Mekka oder Medina, den zwei wichtigsten Städten im Leben des Propheten Mohammed. Nur nach Palästina will der Mann nicht zurück, wegen des Krieges zwischen seinen Landsleuten und Israel, so die Begründung.

Schwierige Gefahrenabschätzung

Das Bild, das sich aus den US-Dokumenten ergibt, ist, dass es sich bei beiden Gefangenen um kleine Fische handelt. Fundamentalistisch in ihrem Glauben, aber unbedeutend im undurchsichtigen Getriebe des islamistischen Terrorismus. Zu ähnlichen Einschätzungen müssen auch die Beamten des Bundesinnenministeriums gekommen sein. Diese hatten drei Gefangene in Guantanamo besucht und verhört. T. und al-A. wurden für ungefährlich befunden. Den Sicherheitsbehörden der beiden Gastgeberländer sind die Guantanamohäftlinge dennoch suspekt. Der Angestellte einer Landesbehörde sagte stern.de: "Seien Sie sicher, dass sich unsere Leute noch einmal ganz genau ansehen werden, wen sie sich denn da eingeladen haben."

  • Sebastian Huld