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Meinung

Hamburg-Wahl: Und am Ende lacht die AfD – warum ARD und ZDF so lange ein Scheitern der Rechten voraussagten

"Die Hetzer sind raus" twitterte Heiko Maas vollmundig um 18.30 Uhr. Doch wie sich im Laufe des Abends zeigte, hatte der Außenminister sein Urteil etwas vorschnell gefällt. Das hat auch mit der Berichterstattung von ARD und ZDF zu tun.

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Schon Michael Gorbatschow wusste einst: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!" Mit Blick auf die Hamburg-Wahl muss man jetzt leider wohl formulieren: "Wer sich zu früh freut, den bestraft der AfD-Wähler!"

Der Wahlabend war kaum 30 Minuten alt, es gab noch keine Hochrechnungen, die Zahlen bei ARD und ZDF waren lediglich Prognosen. Doch die kaum belastbaren Daten hinderten Bundesaußenminister Heiko Maas und einige andere nicht daran, auf Twitter schon mal ihr Urteil zu fällen. "Die Hetzer und Angstmacher sind raus" schrieb Maas vollmundig um 18.30 Uhr. Schon zehn Minuten zuvor hatte der Pianist Igor Levit sich gefreut: "Die AfD ein Vogelschiss in der Geschichte Hamburgs!"

Jubel bei der AfD

Am Ende jubelt die AfD über eine Hochrechnung, die ihr den Sprung über die 5-Prozent-Hürde zubilligt

DPA

Rock-Idol Udo Lindenberg hätte es schon besser wissen können, als er um 20.35 Uhr seinen Tweet von der "nazifreien Rockcity Hamburg" absetzte. Denn zu dem Zeitpunkt gab es zumindest eine Hochrechnung, nämlich die vom statistischen Landesamt Hamburg und Schleswig-Holstein, die die AfD bei deutlich über 5 Prozent sah. Eine gewaltige Diskrepanz jedenfalls zu den Zahlen von ARD und ZDF, die in ihren ersten Hochrechnungen die AfD weiterhin mit 4,7 bzw. 4,8 Prozent aus der Bürgerschaft purzeln ließen.

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So verständlich der Impuls gewesen sein mag bei all den Schadenfrohen, die der AfD mal ordentlich einschenken wollten nach den Ereignissen in Thüringen, wo der Nazi Björn Höcke und seine Parteifreunde ihr Spielchen mit der Demokratie getrieben hatten: Maas, Stegner und Co. hätten angesichts der – zumindest diffusen – Datenlage besser mal das Pulver auf Twitter trocken gehalten. Denn schlussendlich behielt AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla Recht, der schon in seinem ersten Statement um 18.31 Uhr betonte, er sei sich sicher, dass seine Partei die 5-Prozent-Hürde schon noch überspringen würde.

Nun mögen Zu-Früh-Freuer auf Twitter nicht mehr als eine lässliche Fußnote der Bürgerschaftswahl 2020 sein, ärgerlich wird die Sache aber dadurch, dass ARD und ZDF im ersten Teil des Wahlsonntags den gleichen Fehler gemacht haben. In den Moderationen und Fragen an die jeweiligen Gesprächspartner wurde live permanent das Scheitern der AfD thematisiert, Ursachenforschung betrieben, die Interviewpartner fröhlich zum Spekulieren eingeladen. All das bis 19.18 Uhr wohlgemerkt lediglich auf Basis einer Prognose.

SPD-Spitzenkandidat und Erster Bürgermeister Peter Tschentscher

Stundenlange Analyse auf Basis lediglich einer Prognose

Und auch als dann die ersten Hochrechnungen einliefen (mit Datenmengen, die kaum belastbarer waren), die das AfD-Aus scheinbar bestätigten, wäre an dieser Stelle der Hinweis geboten gewesen, dass die Auszählungen der Landesstatistiker die Rechtsaußen-Partei zu diesem Zeitpunkt (um 19.30 Uhr) bei satten 5,8 Prozent sahen.

Dass der Trend gegen die AfD noch kippen könnte, zeigte sich dann bei ARD und ZDF erstmals mit den Hochrechnungen nach 20 Uhr, als der AfD-Wert auf 4,9 Prozent kletterte. Um 20.47 Uhr sagte schließlich auch Infratest 5,1 Prozent für die AfD voraus.

Das durchaus bittere Fazit: Beinahe zwei Stunden lang schritten bei ARD und ZDF die Analysen voran, ohne dass es dafür vernünftig belastbare Zahlen gegeben hätte. Das mag bei der Einschätzung des Wahlerfolgs von SPD und Grünen nicht ins Gewicht fallen, auch das CDU-Debakel ließ sich so halbwegs fundiert diskutieren, aber bei einer so entscheidenden Frage, ob eine Partei nun ins Parlament einzieht oder nicht, verbieten sich voreilige Schlussfolgerungen eigentlich. Gern schon auf Twitter, erst recht aber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

So blieb am Ende das schale Gefühl, dass die Rechten von der AfD ohne ihr Zutun doch noch zu einem unverhofften Wahlerfolg gekommen sind. Und so einfach sollten wir es ihnen nicht machen.