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Hessen: Sondereinheit für Hessen

Zaubert die hessische CDU in den nächsten Monaten Franz Josef Jung als Ersatz für Roland Koch aus dem Hut? Er ist verbindlicher als Koch, aber ein Kampflächler. Einer der genau so gut wie der Noch-Ministerpräsident die Rolle des politischen Raufbolds beherrscht.

Von Hans Peter Schütz

"Ich bin erprobt in politischen Kampfeinsätzen", sagt Franz Josef Jung gerne. Und man darf ihm getrost unterstellen, dass diese Parole des Verteidigungsministers auch für den Gedanken gilt, dass er in absehbarer Zeit als Ersatz für den demontierten Roland Koch in das vom letzten Wahltag aufgewühlte politische Terrain Hessens marschieren muss. Ein Notnagel wäre er nicht. Jung kann auch Koch, mindestens so gut wie dieser selbst.

Die Optik täuscht. Der 58-Jährige, in Erbach im Rheingau geborene Mann, kommt so bieder daher, so bodenständig. Wirkt wie ein Provinzling. Sieht in seinen Anzügen extrem unmilitärisch aus, wenn er sich vor seinen Soldaten aufbaut, sei es in Afghanistan, sei es bei seiner Marine, die vor der Küste des Libanons Waffenschmuggler jagt. Er spricht unüberhörbar Hessen-Slang. Ein Hesse wie aus dem Bilderbuch. Hält daher Eintracht Frankfurt für eine erstklassige Fußballmannschaft.

Einen politischen Chip im Hirn

Es stimmt, dass er im elterlichen Weingut "Jakob Jung", das sein Bruder Ludwig führt, gerne auf dem Traktor breite Spuren zieht. Es trifft zu, dass der Jurist Jung bei seinem Amtsantritt in Berlin staunend im Flur vor seinem Amtszimmer vor den Porträts seiner Vorgänger Franz-Josef Strauß und Helmut Schmidt stand und sich arglos selbst auf die Schulter klopfte: "Ich hätte nie gedacht, mal in dieser Linie zu landen." Der soll einen "politischen Chip im Hirn" haben, wie der Koch-Vertraute Dirk Metz einmal schwärmte? Er hat. Und zwar einen überaus aggressiven, wenn es verlangt wird.

Denn es gab auch einmal einen ganz anderen Franz Josef Jung. Der machte Rabbatz bei der kleinsten sich bietenden Gelegenheit. Der als CDU-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer im hessischen Landtag neben Koch im Gestühl lümmelte und mit jedem Zwischenruf die SPD-Redner beleidigte. Rednerinnen der SPD brachte er mehr als einmal damit zum Weinen. "Franz Josef fürs Grobe" titulierten sie ihn, der wichtigste Sekundant in Kochs "Stahlhelmtruppe" in der Schlacht um die Macht. Der Rambo liegt ihm, wer ihm wohl will, kann sagen: ein Rambo mit Herz. Aber selbst die eigene Mutter mochte zuweilen den Rabauken zuweilen nicht leiden: "Musst du denn immer so draufhauen", fragte sie ihn dann.

Ein Haudrauf im Landtag

Er musste. In seiner Treue zu Koch ließ Jung sich niemals überbieten. Auch in der Nacht der dramatischen Wahlniederlage am vergangenen Sonntag war er unverzüglich als Verteidiger zur Stelle. Denn Jung ist politisch groß geworden als Mitglied der legendären Tankstellen-Truppe, jener legendären Seilschaft um Koch, die bei nächtlichen Treffen in einer Autobahn-Raststätte die Eroberung der Macht in der hessischen CDU gegen die Dreggers und Kanthers plante und organisierte. Ihre Mitglieder hielten immer wie ein Klettverschluss zusammen. Jung gab zu Oppositionszeiten den Haudrauf im Landtag. Als Chef der hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Koch war er der Ausputzer, der dem Chef jeden politischen Dreck wegräumte.

Als die FDP während der hessischen Schwarzgeldaffäre Kochs Kopf forderte, zumindest ein präsentables Opfer für die Erfindung angeblicher "jüdischer Vermächtnisse" auf schweizerischen CDU-Konten, opferte sich Jung und nahm den Sündenbock auf sich. Er schulterte die Verantwortung dafür, dass die Hessen-CDU mit diesen Schwarzgeldern Wahlkämpfe und den Bau einer neuen Parteizentrale finanziert hatte. Wie eng er und Koch beisammen sind, zeigte sich dabei: Koch weinte, als Jung zurücktreten musste.

Erst nach der Wahl von 2003, die der CDU in Hessen die absolute Mehrheit bescherte, durfte Jung als Fraktionschef wieder in die vorderste Front. Kehrte er jetzt als Ministerpräsident nach seinem Ausflug an die Spitze der Bundeswehr zurück, beträte er vertrautes Terrain. Der Mann ist glänzend vernetzt in der CDU. Von Anfang an gehörte er zu dem einst mächtigen, heute entmachteten Anden-Pakt junger CDU-Politiker, die sich in die Hand versprachen, einander beim Aufstieg in der CDU wechselseitig zu unterstützen. Nach der Wende mischte er in der "Allianz für Deutschland" mit und baute den Thüringer CDU-Landesverband auf.

Nach dem Wechsel ins Berliner Verteidigungsministerium gab er sich konzilianter, lächelte sich in die Herzen der Soldaten. Gewann deren Achtung nach anfänglichen Problemen, weil er vor der Generalität nicht kuschte. Ruckzuck feuerte der Kampflächler Jung zwei Generäle, die im Zusammenhang mit disziplinarischen Ermittlungen gekungelt hatten. Stinksauer war er auch, als sein General Viereck während des Kongo-Einsatzes der Bundeswehr einen Liebesurlaub bei seiner schwedischen Freundin nahm anstatt der Kongo-Front einsatzbereit zu sein.

Forscher Nationaler

Die Einstufung "Bedingt tauglich", die Jung zu Beginn zuteil wurde, hat er längst korrigiert. Die Klage über das Provinz-Ei, das es als Kochs vorgeschobener bundespolitischer Beobachter am Kabinettstisch von Angela Merkel nach Berlin verschlagen habe, ist verstummt. Die Bundeswehr hat schon deutlich schwächere Chefs erlebt. Allerdings: Auch in Berlin war er alles andere als ein Polit-Softie. Beim Kampf gegen den Terrorismus marschierte er Seit´ an Seit´ mit Innenminister Wolfgang Schäuble. Für Jung war völlig klar, was in den Augen des Verfassungsgerichts überhaupt nicht klar war. Steuerten Terroristen ein gekapertes Passagierflugzeuge auf ein voll besetztes Stadion, so Jung, "löst das meines Erachtens den Verteidigungsfall aus."

Als forscher Nationaler forderte er eine "werte- und interessenorientierte Sicherheitspolitik." Soldaten sei bei Dienstreisen nicht zuzumuten, in Lokale einzukehren, die von Schwulen besucht werden. Rot sah der Schwarze vor allem beim Blick auf die "unkontrollierte Migration" in die Bundesrepublik. Beim G8-Gipfel setzte er Tornados als "technische Amtshilfe", ein, was Verfassungsrechtler als verfassungswidrig ansahen. Parlamentarische Anfragen dazu ließ er die Bundeswehr auch noch wahrheitswidrig beantworten. In Rolands Koch ideologische Schuhe passt er millimetergenau. Ob er darin tatsächlich stehen wird, ist offen.

Koch muss weichen

Dass Roland Koch weichen muss, irgendwann, ist unvermeidlich. Offen ist nur wann und auf welchem Wege: Es könnte sein, dass ein Misstrauensvotum ihn aus dem Amt fegt; die Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei reichen dafür. Es könnte sein, dass die Grünen Kochs Kopf als Preis für ihren Eintritt in eine schwarz-gelb-grüne Koalition fordern; für weniger dürfte dazu vor allem der Chef-Grüne Al-Wazir nicht bereit sein, der Koch nach diesem Wahlkampf nicht einmal mehr die Hand zu geben bereit ist. Und es dürfte sicher sein, dass Koch als Chef einer Großen Koalition von der SPD nicht akzeptiert wird; das Wahlplakat "Ypsilanti, al Wazir und die Kommunisten" werden ihm die Genossen nicht verzeihen.

Wer dann? Koch nach Berlin und Jung nach Wiesbaden? Die Republik könnte lachen über diese Lösung. Sie würde zu penetrant nach Versorgung eines gescheiterten Politikers mit einem neuen Amt riechen. Und seiner Ruhigstellung gegenüber Angela Merkel. Bleibt der Ringtausch: Jung nach Wiesbaden, Koch, ein kompetenter Wirtschaftsmann, ins Wirtschaftsressort, Michael Glos oberster Verteidiger.

Für Glos stünde damit im Abgangszeugnis als Wirtschaftsminister ein Ungenügend. Dass die Bayern sich das so kurz vor der eigenen Landtagswahl gefallen lassen, ist schlicht unvorstellbar. Außer Jung kommt nur noch Innenminister Volker Bouffier in Frage für den Posten des hessischen Regierungschefs. Der freilich gilt ebenfalls als strammer Koch-Zögling wie Jung. Auch er gehörte einst zur "Tankstelle". Er hätte allerdings den Vorzug, dass seine Berufung kein Bäumchen-Bäumchen-Wechsel-Dich in Berlin auslöst - und Verteidiger Jung die Stellung in Berlin halten darf.