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Hessen: Ypsilanti, Deutschlands Sarah Palin

Beide sind von Stimmenimitatoren reingelegt worden, beide sind taktische Nullnummern, trotzdem halten sie sich für Politstars mit Zukunft: Andrea Ypsilanti, Hessen, und Sarah Palin, Alaska. Politisch jedoch haben sie alles in Schutt und Asche gelegt. Ypsilantis Tage als SPD-Chefin sind gezählt.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Nach einem knappen Jahr des politischen Trauerspiels und einem Finale furioso, das das Ganze vollends zu einer Polit-Groteske kippen ließ, fängt Hessen wieder von vorn an. In Januar wird neu gewählt. Das "Superwahljahr" 2009 erhält einen weiteren Urnengang. Man kann getrost eine Kiste "Äppelwoi" darauf setzen, dass der neue Ministerpräsident in Wiesbaden auch dann wieder Roland Koch heißt. Alles zurück auf Los! Auf der Strecke geblieben bei dieser monatelangen Irrfahrt sind dann Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti (was kein Verlust ist), vor allem aber: die politische Kultur.

Wahrscheinlich weiß sie es noch nicht, aber dass für Andrea Ypsilanti das Ende eine Dienstfahrt gekommen ist, müsste der ebenso ambitionierten wie verbohrten Genossin bis spätenstens morgen dämmern, wenn der SPD-Parteirat tagt - andernfalls hat sie beste Aussichten als Sarah Palin der deutschen Politik in die Geschichtsbücher zu hüpfen. Nicht, dass beide - die Beinahe-US-Vizepräsidentin und die Beinahe-Ministerpräsidentin - keine Gemeinsamkeiten hätten: Beide sind sie von einem Stimmenimitator reingelegt worden, Palin von einem falschen Sarkozy, Ypsilanti von einem falschen Müntefering. Vor allem aber: Beide kennen ihre Grenzen nicht. Palin will in acht Jahren die USA regieren, Ypsilanti in circa acht Wochen Hessen.

Man fragt sich: Woher diese Chuzpe? Nüchtern betrachtet fehlt Ypsilanti am Ende ihrer politischen Irrfahrt alles, was eine halberlei qualifizierte Ministerpräsidentin eigentlich ausmachen sollte: Integrations- und Überzeugungsfähigkeit, die realistische Einschätzung der eigenen Stärke, taktisches Geschick sowie jenes manchmal notwendige Gespür für das Momentum. Letzteres unterscheidet die Zielstrebigen von denen, die sich verrennen.

Am Ende ihrer Irrfahrt hat Andrea Ypsilanti nicht nur ihren eigenen Landesverband vor die Spaltung getrieben, sie hat nicht nur bewirkt, dass sich von ihr überrollte Fraktionskollegen auf offener Bühne als reuige Verantwortungsethiker entblöden mussten - nein, sie hat auch das Projekt linke Mehrheit diskreditiert. Als Kollateralschaden kommt hinzu: Hessens SPD gibt nun, November 08, das Bild eines desorientierten Haufens ab, die Linke scheint da geradezu als Hort der Verlässlichkeit.

Das alles - und noch viel mehr - hat Andrea Ypsilanti bewirkt, die sich in der Wahlnacht die Balkendiagramme offenkundig nicht genau genug angeschaut hat, um die Machbarkeit der eigenen Ideen vernünftig auf ihre Realisierungschance abzuklopfen.

Wer auch immer Hessens SPD in den nächsten Wahlkampf führt - der passende Slogan liegt schon auf der Hand. Es ist der gleiche, den das Satiremagazin "Titanic" vor fast sechs Jahren für den seinerzeitigen Spitzenkandidaten Gerhard Bökel, einen chancenlosen, farblosen Tropf, vorgeschlagen hatte: "Einer muss es ja machen"!